Vitamin B3 im Darm: ein besonderer Weg von der Grundlagenforschung bis zur klinischen Anwendung
Innovations-Transfer-Preis würdigt die gemeinsame Entwicklung von Forschenden des UKSH und des Exzellenzclusters PMI mit der CONARIS Research Institute AG
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Unser Darmmikrobiom beeinflusst weit mehr als die Verdauung. Es steuert Stoffwechselprozesse, kommuniziert mit dem Immunsystem und spielt bei zahlreichen Erkrankungen – von chronischen Entzündungen bis hin zu Virusinfektionen – eine wichtige Rolle. Doch lässt sich dieses Wissen auch therapeutisch nutzen?
Genau dieser Frage widmen sich Forschende des Exzellenzclusters Precision Medicine in Chronic Inflammation (PMI), des Universitätsklinikums Schleswig- Holstein (UKSH), der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der 1999 aus dem damaligen Universitätsklinikum Kiel ausgegründeten CONARIS Research Institute AG seit mehr als einem Jahrzehnt. Aus ihren Arbeiten entstand CICR-NAM (controlled-ileocolonic-release nicotinamide) – ein neuartiges Präparat, das Nicotinamid (Vitamin B3) gezielt im unteren Dünndarm und Dickdarm freisetzt, um dort Stoffwechselprozesse und das Darmmikrobiom zu beeinflussen. Für den erfolgreichen Transfer dieser Forschung in die klinische Entwicklung wurden die Forschenden mit einem Innovations-Transfer-Preis der Prof. Dr. Werner-Petersen-Stiftung ausgezeichnet. Die Auszeichnung wurde am 12. Juni beim Sommerfest der Technischen Fakultät der CAU verliehen. Sie würdigt Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in Schleswig-Holstein, aus denen innovative Produkte und Verfahren mit praktischem Nutzen entstehen.
Die Idee: Das Mikrobiom als therapeutischer Angriffspunkt
Als die Entwicklung von CICR-NAM begann, stand das Mikrobiom noch längst nicht so im Fokus wie heute. Forschende des Exzellenzclusters PMI und von CONARIS untersuchten bereits früh, wie Veränderungen des Tryptophan- und Vitamin-B3-Stoffwechsels mit chronischen Entzündungen zusammenhängen und welche Rolle das Darmmikrobiom dabei spielt. Dabei entstand eine neue Hypothese: Wenn sich diese Stoffwechselprozesse gezielt im Darm beeinflussen lassen, könnten daraus neue Therapieansätze entstehen. Aus dieser wissenschaftlichen Idee entwickelte sich Schritt für Schritt ein therapeutisches Konzept. Bereits 2012 wurden die bei CONARIS entwickelten Anwendungsprinzipien erstmals zum Patent angemeldet, über die Jahre folgten aus der engen Kooperation zwischen UKSH, CAU und CONARIS weitere Patentanmeldungen für neuartige Präparate, die den Wirkstoff erst im letzten Abschnitt des Dünndarms und im Dickdarm freisetzen.
Nicht der Wirkstoff ist neu – sondern der Ort seiner Freisetzung
Nicotinamid, eine Form von Vitamin B3, ist seit Langem bekannt. Die Innovation von CICR-NAM liegt deshalb nicht im Wirkstoff selbst, sondern in seiner gezielten Freisetzung. Während herkömmliche Präparate bereits im oberen Verdauungstrakt aufgenommen werden, schützt CICR-NAM das Nicotinamid auf seinem Weg durch Magen und Dünndarm und setzt es erst dort frei, wo es direkt mit dem Darmmikrobiom in Kontakt kommt. „Lange Zeit wurden Veränderungen im Darmmikrobiom vor allem als Begleiterscheinung von Erkrankungen betrachtet. Heute verstehen wir zunehmend, dass sich Erkrankungen durch gezielte Verbesserungen im Mikrobiom positiv beeinflussen lassen“, sagt Professor Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin I am UKSH, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie (IKMB; CAU/UKSH) und Sprecher des Exzellenzclusters PMI. „CICR-NAM zeigt, wie aus diesem biologischen Verständnis Schritt für Schritt ein neuer Therapieansatz entstehen kann.“
Von der Grundlagenforschung in die Klinik
Der erste große klinische Einsatz von CICR-NAM erfolgte während der COVID-19-Pandemie. In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie mit 900 Patientinnen und Patienten zeigten die Forschenden, dass die körperliche Leistungsfähigkeit nach einer COVID-19-Erkrankung schneller wiederhergestellt werden kann, wenn die Patienten frühzeitig Nicotinamid einnehmen. Gleichzeitig konnten die Forschenden nachweisen, dass die bei COVID-19 sonst beobachteten Störungen der Stoffwechselaktivität des Darmmikrobioms unter einer medizinischen Nahrungsergänzung mit Nicotinamid nicht auftreten – ein wichtiger Hinweis darauf, dass der zugrunde liegende Ansatz tatsächlich greift. Die Ergebnisse wurden 2025 in der renommierten Fachzeitschrift Nature Metabolism veröffentlicht. Heute wird CICR-NAM dort klinisch weiterentwickelt, wo die wissenschaftliche Idee ihren Ursprung hatte: in der Behandlung chronisch-entzündlicher Erkrankungen. Derzeit untersucht die Phase-II/III-Studie ORNATUS-1 die im Tiermodell bereits nachgewiesene anti-entzündliche Wirkung von hoch dosiertem CICR-NAM bei Patientinnen und Patienten mit Colitis ulcerosa, einer chronisch- entzündlichen Darmerkrankung. Weitere Studien mit CICR-NAM in niedriger Dosierung als medizinische Nahrungsergänzung bei weiteren Erkrankungen sind in Vorbereitung. Die CICR-NAM-Tabletten werden bereits im großindustriellen Maßstab hergestellt und sind 5 Jahre stabil – beste Voraussetzungen für eine breite Anwendung. „Der Innovationspreis würdigt für uns nicht nur ein bestimmtes Präparat, sondern den gesamten gemeinsamen Weg von der wissenschaftlichen Idee bis zur klinischen Anwendung“, sagt Dr. Georg Wätzig, Koordinator der translationalen Forschung am IKMB, Projektleiter bei CONARIS und Entwickler von CICR-NAM. „Eine solches Projekt gelingt in einer akademischen Umgebung und ohne Finanzierung der Pharmaindustrie nur dann, wenn Grundlagenforschung, klinische Forschung und industrielle Expertise eng miteinander verwoben werden.“ Dass dieser Weg nun mit einem Innovations-Transfer-Preis für Prof. Schreiber und Dr. Wätzig ausgezeichnet wurde, ist daher auch die Anerkennung der jahrelangen engen Zusammenarbeit von UKSH, CAU und CONARIS, aus der auch weitere Projekte wie das Designerprotein Olamkicept hervorgegangen sind.