Kakerlakenmilch, Moskito-Rüssel als 3D-Druckdüse und vergrabene Unterhosen als Bio-Indikator
Bizarr, aber brillant: Die Ig-Nobelpreise 2026 in Zürich verliehen
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Die Ig-Nobelpreise, die jährlich an Forschungsarbeiten verliehen werden, die "Menschen zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen", fanden dieses Jahr - der Zählweise der Veranstalter zufolge konsequent unlogisch - zum "36. ersten" Mal statt. Ausgerichtet vom Satiremagazin Annals of Improbable Research gemeinsam mit Institutionen des ETH-Bereichs und der Universität Zürich, zog die Zeremonie ins Kongresshaus Zürich um. Motto des Abends: "Fun Guy" - ein Wortspiel, dem mit Liedern über kommunizierende Pilzgeflechte und einem eigens verfassten Pilz-Chor gehuldigt wurde. Zehn Preise wurden vergeben, traditionell überreicht von echten Nobelpreisträgern, begleitet von Papierfliegerwürfen, einer Sicherheitsansprache zum Schweizer Brandschutzrecht und drei riesigen Bananen als akustischer Redezeit-Begrenzung. Hier die Highlights mit Bezug zu Chemie, Biotech, Pharma und Lebensmitteln.
Biotechnologie: Kakerlakenmilch schlägt Kuhmilch
Der Preis für Gesundheits- und planetare Wissenschaften ging an ein Team um James Gray, Steven Tobe, Barbara Stay, Leonard Chavis und Subramanian Ramaswamy für die Entdeckung, dass die Milchproteine lebendgebärender Schaben rund dreimal so energiereich sind wie die Milchproteine von Kühen. Die fragliche Kakerlakenart bringt als einzige unter rund 5.000 Schabenarten lebende Nachkommen zur Welt und versorgt diese mit einer kristallinen, proteinreichen Substanz. Analysiert wurde das Ganze mittels Massenspektrometrie und Röntgenbeugung - Methoden, die man sonst eher in der klassischen Lebensmittelanalytik erwartet als in der Insektenkunde. Die Dankesrede des Teams fiel entsprechend um: Sie wurde größtenteils gesungen, mit einer eigens getexteten Hymne auf das perfekte Aminosäureprofil des ungewöhnlichen Getränks.
Chemie trifft Entomologie: Der Moskito-Rüssel als 3D-Druckdüse
Für den Technologiepreis sorgte ein internationales Team aus China, Kanada, den USA und Ägypten mit einer Idee, die zwischen Materialwissenschaft und Insektenbiologie oszilliert: Sie nutzten die Mundwerkzeuge von Stechmücken als hochauflösende Düsen für den 3D-Druck, ein Verfahren, das sie "Necroprinting" tauften. Der Hintergrund ist banal-praktisch - für Drucknadeln im Bereich von rund 20 Mikrometern (etwa zwei Drittel eines Haardurchmessers) sind handelsübliche Düsen kaum fein genug, während der Saugrüssel eines Moskitos genau in diese Größenordnung fällt. Die Ironie: Ein Teil des Teams forschte parallel an einer Anti-Mücken-Creme, mit der sich die Insekten künftig gar nicht erst an ihren Wirt heranwagen sollen.
Pharma-Exkurs: Contergan und die Tücken der Chiralität
Abseits der eigentlichen Preise erinnerte einer der "24/7"-Kurzvorträge - erst eine 24-sekündige Fachdarstellung, dann eine Zusammenfassung in exakt sieben Worten - an ein Kapitel der Pharmageschichte, das bis heute Lehrbuchstoff ist: Thalidomid, besser bekannt als Contergan. Referentin Tess Hiddema erläuterte, wie ein und dasselbe Molekül in zwei spiegelbildlichen, nicht deckungsgleichen Formen vorliegt, von denen eine tatsächlich Übelkeit lindert, während die andere im Körper entsteht und schwere Fehlbildungen an Gliedmaßen, Augen, Ohren, Herz und inneren Organen verursachen kann. Ein anschauliches Beispiel dafür, warum Stereochemie in der Wirkstoffentwicklung mehr ist als akademische Fingerübung.
Bodenchemie: Vergrabene Unterhosen als Bio-Indikator
Den Bodenkunde-Preis holte sich ein Team aus der Schweiz, den Niederlanden und Deutschland für ein Citizen-Science-Projekt, das kaum unappetitlicher hätte klingen können: In mehr als 25 Ländern wurden rund 1.000 identische Baumwollunterhosen sowie zusätzlich Tausende Teebeutel vergraben und nach zwei Monaten wieder ausgegraben. Der Trick dahinter: Je stärker der Stoff von Mikroorganismen, Pilzen und Bodenlebewesen zersetzt wurde, desto aktiver und gesünder gilt der jeweilige Boden - eine simple, aber wirkungsvolle Methode, um biologische Aktivität im Erdreich sichtbar zu machen, ganz ohne Laborinstrumentarium. Die Dankesrede kam ebenfalls im Liedformat, inklusive Reimen auf Mykelium, Regenwürmer und "buried cotton underpants".
Und sonst so
Auch abseits von Chemie und Biotech hatte der Abend einiges zu bieten: Ein britisch-US-amerikanisches Team lieferte die erste präzise Definition von Küssen bei Ameisen, Vögeln, Eisbären und Menschen und datierte den evolutionären Ursprung des Verhaltens bei Primaten auf gut 21,5 Millionen Jahre zurück. Der Wirtschaftspreis ging an eine Studie, die zeigt, dass wohlhabendere Menschen häufiger nach Süßigkeiten greifen, die eigentlich für Kinder gedacht sind. Physiker aus Kanada, den USA, China und Saudi-Arabien tüftelten an einem spritzfreien Urinal-Design auf Basis logarithmischer Spiralen, während ein japanisches Team - posthum ausgezeichnet - die Aerodynamik des Naseschneuzens untersuchte. Und eine polnisch-deutsch-schwedische Gruppe belegte, dass Babys für ihre Eltern herrlich riechen, während der Geruch pubertierender Teenager eher mit dem der Nachbarn mithält.
Auch in diesem Jahr gilt: Wer über die skurrile Aufmachung hinwegblickt, findet in den prämierten Arbeiten handfeste Wissenschaft - von Proteinanalytik über Stereochemie bis zur Mikrobiologie des Bodens. Nächstes Jahr zieht die Zeremonie weiter nach Antwerpen, Flandern - Wissenschaft, die zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt, bleibt also auch 2027 garantiert.