Zwischen den Disziplinen mit methodischem Mut – der Life Sciences Bridge Award geht an drei geniale Grenzgänger
Nachwuchsforscher erhalten je 100.000 Euro
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Auf mutigen Grenzgängen zwischen etablierten Forschungsgebieten erschließen sie durch die Kombination aktueller Methoden Neuland und legen darin Verbindungsstrecken an und Sichtachsen frei. So schärfen sie den Blick für die Entstehung von Immunkrankheiten, Gedächtnisstörungen und Krebs. Dafür wurden ein Molekularbiologe, ein Neurowissenschaftler und ein Chemiker in Frankfurt am Main mit dem höchstdotierten deutschen Nachwuchspreis im Bereich der Lebenswissenschaften ausgezeichnet. Der mit je 100.000 Euro dotierte Life Sciences Bridge Award soll es den Preisträgern erleichtern, über die Brücke zu einer unbefristeten Professur zu gehen.
Wie beeinflussen die Arbeitsabläufe an den Fließbändern der intrazellulären Proteinfabriken die Entstehung von Immunkrankheiten? Welchem Takt folgen die Salven der Nervenzellen im menschlichen Hippocampus, wenn sie Erinnerungen bilden oder abrufen? Wie ist die Zuckerhülle beschaffen, die eine Körperzelle wie ein Wald umgibt, und was sagt das über den Zustand der jeweiligen Zelle aus? Das sind Fragen, auf die die drei Gewinner des diesjährigen Life Sciences Bridge Award erhellende Antworten gefunden haben – Einsichten, die ihrer weiteren Forschung die Richtung weisen.
Dr. rer. nat. Jonathan Bohlen (34) hat im Rahmen seiner Doktorarbeit am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg menschliche Ribosomen erstmals beim Scannen des genetischen Codes beobachtet, den von der DNA transkribierte m-RNAs dort portionsweise anliefern, um ihn in Proteine translatieren zu lassen. Dabei hat er die besondere Funktion des Translationsfaktors MCTS-1 entdeckt. Als Post-Doc in der Gruppe von Jean-Laurent Casanova, Pionier der Humangenetik von Infektionskrankheiten, übertrug er diese Entdeckung in Paris auf die Erklärung der Entstehung der seltenen Erbkrankheit MSDM. Den betroffenen Patienten fehlt das Gen für MCTS-1. Deshalb können sie ein Signalmolekül nicht mehr produzieren, das sie zur Abwehr von Infektionen brauchen. Das Transkript dieses Moleküls liegt zwar weiterhin vor; es wird aber nicht translatiert. Transkriptomik – die Analyse aller im Zellplasma vorkommenden RNAs – ist also blind für diese Ursache. Sie ergibt sich erst aus einer selektiven Translation, die Bohlen damit als eine regulatorische Achse von Immunzellen freilegte. Am Genzentrum der LMU München arbeitet er nun daran, diese Achse therapeutisch zugänglich zu machen.
Prof. Dr. med. rer. nat. Lukas Kunz (36) erforscht an der Klinik und Poliklinik für Epileptologie des Universitätsklinikums Bonn die Funktionsweise des Gedächtnisses. Er zählt zu den wenigen Neurowissenschaftlern, die im Gehirn von Menschen forschen. Er kooperiert mit Epilepsie-Patienten, die aus medizinischen Gründen vorübergehend Elektroden im Gehirn tragen. Während diese Menschen in einer virtuellen Umgebung Gedächtnisaufgaben lösen, zeichnen Kunz und sein Team auf, was in einzelnen Nervenzellen geschieht und welche elektrischen Schwingungen dort auftreten. Dadurch konnte er spezialisierte Nervenzellen identifizieren, die unser Gedächtnis unterstützen. Er entdeckte, dass hochfrequente Schwingungen des Hippocampus die Aktivität zweier Nervenzelltypen koordinieren, wenn unser Gehirn Zusammenhänge herstellt und speichert. Kunz‘ Forschung könnte neue Grundlagen für die Diagnose und Therapie von Gedächtnisstörungen schaffen. Schon in seiner medizinischen Doktorarbeit hatte er belegt, dass junge Menschen, die genetisch für eine Alzheimer-Demenz vorbelastet sind, Jahrzehnte vor einem eventuellen Krankheitsbeginn eine verminderte Aktivität bestimmter Nervenzellen aufweisen.
Prof. Dr. rer. nat. Leonhard Möckl (37) hat an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und am Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts in Erlangen die Topographie der Zuckerhülle (Glykokalyx), die unsere Körperzellen umgibt, 2025 in einer Auflösung von unter einem Millionstel Millimeter dargestellt. Damit hat er sie erstmals einer differenzierten Funktionsbeschreibung zugänglich gemacht. Der Vorstoß in diese Dimension gelang Möckl durch eine Kombination von Einzelmolekül-Hochauflösungsmikroskopie und Click-Chemie – zwei Methoden, die er in seiner Postdoc-Zeit in Stanford bei den Nobelpreisträgern W. E. Moerner und Carolyn Bertozzi erlernte. Möckl verfolgt die Hypothese, dass die Glykokalyx den Zustand jeder Zelle wie eine Visitenkarte codiert. Er hat damit begonnen, einen Atlas der Glykokalyx verschiedener Zelltypen und -zustände anzulegen. Darin vermerkte er bereits Krebszellen, die ihre Zuckerhülle zur Tarnung vor dem Immunsystem vergrößern, andererseits Immunzellen, die ihre Glykokalyx innerhalb von Minuten umbauen, nachdem sie in Alarm versetzt worden sind. So öffnet Möckl den Blick für die klinische Relevanz einer lang unterschätzten Struktur.
„Die drei Preisträger haben in ihrer bisherigen Karriere eindrucksvoll den Mut bewiesen, neue, ungewisse Wege einzuschlagen“, sagte Prof. Dr. Günther Wess, der Kuratoriumsvorsitzende der Aventis Foundation. „Ihre Kreativität und Entschlossenheit belohnen wir mit dem Life Sciences Bridge Award, damit sie ihre erfolgreiche Forschung im akademischen Bereich fortsetzen können.“
Mit ihrem Life Sciences Bridge Award verfolgt die Aventis Foundation das Ziel, begabten Forscherinnen und Forschern in den Lebenswissenschaften frühzeitig ein selbstständiges wissenschaftliches Arbeiten zu ermöglichen und sie in der Umsetzung auch unkonventioneller Ideen zu bestärken. Um den Preis bewerben konnten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von deutschen Universitäten, deren Forschungsleistung auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften gemäß dem Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft am größten ist. Durch diese Fokussierung sollen die universitäre Spitzenforschung in Deutschland gefördert und besonders begabte Nachwuchskräfte ermutigt werden, trotz ungewisser Zukunftsaussichten an einer akademischen Karriere festzuhalten.
Die Aventis Foundation ist eine unabhängige, gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Frankfurt am Main. Sie dient der Förderung von Kunst und Kultur sowie von Wissenschaft, Forschung und Lehre.