19.01.2023 - Biotechnologie-Industrie-Organisation Deutschland e.V. (BIO Deutschland)

Biotechnologie-Industrie sieht pessimistisch auf das neue Jahr

Finanzierung 2022 auf Niveau von 2019 zurückgefallen

Nach zwei Jahren mit Finanzierungsrekorden konnte die deutsche Biotechnologie-Branche 2022 lediglich rund 920 Mio. Euro Eigenkapital einwerben, weniger als ein Drittel des Betrages aus 2020, dem ersten Jahr der Pandemie. Den Betrag teilten sich annährend zu Hälfte private und börsennotierte Unternehmen. In der jährlich vom Biotechnologie-Branchenverband BIO Deutschland durchgeführten Trendumfrage zeigten sich Vorstandsmitglieder bzw. Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer mit ihrer aktuellen Geschäftslage deutlich unzufriedener als in den Vorjahren. Auch der Ausblick auf das kommende Jahr fällt düster aus, sogar schlechter als während der Finanzkrise 2008. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Befragten gab an, die Energiekrise habe negative Auswirkungen auf ihre Geschäftslage. Ein Fünftel bzw. die Hälfte spüren starke bzw. mäßige Auswirkungen der Inflation.

Deutlich weniger Befragte als 2021 gaben an, Personal aufbauen zu wollen. Zudem sank die Bereitschaft erheblich, Investitionen in Forschung und Entwicklung (FuE) zu erhöhen. Während die Unternehmenslenker das aktuelle und zukünftige politische Klima in den letzten zwei Jahren für die Branche noch als ausgesprochen positiv einschätzten, sank dieser Index-Wert nun wieder auf ein Niveau wie vor der Pandemie.

2021 befanden noch 64 Prozent der Befragten ihre aktuelle Geschäftslage als gut, 2022 dagegen waren es nur noch 40 Prozent. In Hinblick auf die zukünftige Geschäftslage gaben 26 Prozent an, eine Verbesserung zu erwarten, was rund der Hälfte von 2021 entspricht. Eine Aufstockung des FuE-Budgets planen 39 Prozent (2021: 57 Prozent). Insgesamt gaben aber fast 90 Prozent an, in FuE investieren zu wollen, was die nachhaltige Forschungsintensität der Branche verdeutlicht. Noch rund 45 Prozent der Unternehmen wollen Personal aufbauen, etwa ein Drittel weniger als 2021. Dass das aktuelle politische Klima gut für die Branche sei, fanden 31 Prozent (2021: 59 Prozent). Ein ähnliches Bild ergab sich für die Einschätzung des zukünftigen politischen Klimas. Auch hier erwarten nur noch 28 Prozent eine Verbesserung, 2021 waren es noch 61 Prozent.

Oliver Schacht, Vorstandsvorsitzender der BIO Deutschland, konstatiert: "Die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen, dass sich die Stimmung in Biotech-Unternehmen deutlich verschlechtert hat. Das ist sehr bedauerlich, in Anbetracht der globalen Entwicklungen im letzten Jahr allerdings nicht allzu überraschend. Die Gründe für den schwindenden Optimismus sind sicher vielfältig. Neben Krieg, Energiekrise und Inflation bremsen Fachkräftemangel und fehlende Finanzierungsoptionen unsere Unternehmen aus. Der Einbruch der Börsenkurse, v. a. an der für uns so wichtigen US-amerikanischen Technologiebörse Nasdaq hat zudem zu einer massiven Entwertung vieler Unternehmen geführt. Umso wichtiger ist es jetzt, den Biotech-Standort Deutschland langfristig zu stärken. Wir müssen uns mit aller Kraft darauf konzentrieren, unsere technologische Souveränität auch im Bereich der Biotechnologie zu sichern."

Viola Bronsema, Geschäftsführerin der BIO Deutschland ergänzt. "Das Potenzial der Biotechnologie für viele andere Bereiche neben der Pandemiebekämpfung und Gesundheitsforschung, wie nachhaltige industrielle Produktion, Ernährung oder Kreislaufwirtschaft, ist mittlerweile eigentlich bekannt. Vielen ist aber nicht klar, dass bei der Bewertung der Rahmenbedingungen zwischen der Anwendung der Schlüsseltechnologie und dem Beitrag der Branche unterschieden werden muss. Ohne Chancenkapital, Patentschutz und Kooperationsmöglichkeiten wäre auch der Biotech-Star BioNTech trotz öffentlicher Förderung sicher nicht so schnell so weit gekommen. Bei unseren Unternehmen besteht der Eindruck, dass bei Politikerinnen und Politikern die Rolle der innovativen Biotech-Firmen allzu schnell wieder in Vergessenheit gerät. Das ist fahrlässig, auch und gerade im Hinblick auf zukünftige Herausforderungen."

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