Medizin-Nobelpreis für den Kampf gegen ein Virus: Eine Parallele zur Corona-Pandemie?

Die ausgewählten drei Forscher schufen die Grundlagen für die Heilung einer mitunter tödlich verlaufenden Infektion

06.10.2020 - Schweden

(dpa) Diese Auszeichnung hat Symbolcharakter: Inmitten der Corona-Pandemie belohnt der diesjährige Nobelpreis für Medizin den erfolgreichen Kampf dreier Wissenschaftler gegen ein Virus. Auf den ersten Blick hat das Hepatitis-C-Virus (HCV) nur wenig mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 gemeinsam. Eine HCV-Infektion kann jahrzehntelang schleichend verlaufen, bevor Menschen Leberzirrhose und Leberkrebs entwickeln. Aber ähnlich wie Sars-CoV-2 ist das Virus weltweit verbreitet: Schätzungsweise 72 Millionen Menschen sind chronisch infiziert, rund 400.000 sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch immer pro Jahr an der Infektion.

fill, pixabay.com

Symbolbild

In Deutschland sind schätzungsweise 250.000 Menschen infiziert - die meisten, ohne es zu ahnen. «Das Hepatitis-C-Virus ist eine der häufigsten Ursachen von Leberzirrhose und Leberkrebs», sagt Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). «Es war lange Jahre die Hauptursache für eine Lebertransplantation.»

Das sich das geändert hat, beruht auf der Forschung der drei Nobelpreisträger. Ihre Arbeit zeigt beispielhaft, wie Beharrlichkeit selbst unter widrigsten Umständen zum Erfolg führen kann.

Denn jahrzehntelang gleicht die Suche nach der Ursache von Hepatitis C einem Stochern im Nebel. Bis in die 1970er Jahre kennen Ärzte zwei Viren, die eine Entzündung der Leber verursachen: die vor allem über Lebensmittel übertragene Hepatitis A (HAV) und die schwerere Hepatitis B (HBV), die über Blut und Körperflüssigkeiten übertragen wird.

Harvey Alter, einer der diesjährigen Preisträger, zeigt an den National Institutes of Health der USA, dass es noch einen weiteren Erreger geben muss. Dies weist er nach, indem er Schimpansen - die einzige Art außer dem Menschen, die für die Infektion anfällig ist - mit Blutserum von Patienten infiziert.

Die mysteriöse Erkrankung wird anfangs nonA-nonB-Hepatitis (NANBH) genannt. Zwar stehen da schon Blutkonserven als eine Ursache der Infektion unter Verdacht - aber ohne praktische Konsequenz. Denn wie soll man die Präparate auf einen Erreger testen, den niemand kennt?

Die Lage ändert sich erst etwa ein Jahrzehnt später: 1989 weisen Forscher um den britischen Biochemiker Michael Houghton von der Pharmafirma Chiron im Blutserum von Patienten ein Virus nach, das sie Hepatitis C nennen. Und Charles Rice von der Washington University in St. Louis liefert schließlich den Nachweis, dass dieses Virus allein für eine Infektion ausreicht.

Damit ist ein Meilenstein erreicht: Die Identifizierung des Erregers ermöglicht es erstmals, Menschen darauf zu testen. Zudem kann man nun Blutpräparate prüfen - und damit seit Anfang der 90er Jahre einen wichtigen Übertragungsweg ausschließen.

Ein weiterer Durchbruch für die Therapieforschung gelingt später in Heidelberg: 1999 findet ein Team um den Virologen Ralf Bartenschlager ein Verfahren, Virussequenzen im Labor zu vermehren - damit kann man nun Wirkstoffe einfacher testen. Heutzutage gibt es verschiedene Tabletten, die die Vermehrung des Virus hemmen und die chronische Infektion bei mehr als 95 Prozent der Patienten heilen.

Wirksame Medikamente hätten das Schicksal HCV-infizierter Patienten verändert, schreibt das Nobelkomitee. «Von dieser herausragenden Leistung haben schon Millionen Individuen weltweit profitiert.» Die verbleibenden Hürden lägen nun darin, alle Infizierten zu ermitteln - und in den hohen Therapiekosten. In Deutschland kostet die orale Therapie, die 2014 für 60.000 Euro auf den Markt kam, inzwischen noch etwa 25.000 Euro. Aber grundsätzlich, so das Komitee, sei eine weltweite Ausmerzung des Virus erreichbar.

«Ich denke, es ist relativ einfach, sich auf die heutige Situation zu beziehen», sagt Patrik Ernfors von der Nobelversammlung des Karolinska-Instituts. Habe man erst einmal das verursachende Virus identifiziert, dann sei dies der Startpunkt zur Entwicklung von Medikamenten und auch von Impfstoffen. «Die eigentliche virale Entdeckung ist ein entscheidender Moment.»

Die Parallele zur Corona-Pandemie unterstreicht ebenfalls Reinhold Kreutz. Die Hepatitis-C-Therapie eliminiere das Virus im Körper, sagt der Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Charité in Berlin. «Das wäre ja der absolute Traum auch in Hinblick auf Sars-CoV-2.»

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