Meine Merkliste
my.bionity.com  
Login  

Warum bestimmte Leukämieformen nur bei Kindern vorkommen

01.11.2019

Chrystele Bilhou-Nabera & Nassera Abermil, Hôpital Saint Antoine, Paris

Fusionsgen in Tumorzellen: Rote Signale zeigen den ETO2-Genlokus, grüne den GLIS2- Lokus und die gelben die ETO2-GLIS2-Fusion.

Eine bestimmte Krebsform – die akute myeloische Leukämie (AML) – bei Kindern ist eine seltene, aber schwere Krankheit, die noch in vielen Fällen nicht geheilt werden kann. In einer Studie haben nun Forscher von der Universität Basel und vom Gustave Roussy Institute in Paris Anhaltspunkte gefunden, warum gewisse Formen der Krankheit vor allem bei Kleinkindern vorkommen. Ebenso stiessen sie auf wichtige Hinweise zur gezielten Therapie, wie sie im US-Fachblatt «Cancer Discovery» berichten.

In den letzten Jahrzehnten wurden die Forschungen über Krebs bei Kindern intensiviert und die Behandlungen verbessert, doch die Prognosen bleiben für diese jungen Patienten besonders ungünstig. Die sogenannte akute myeloische Leukämie (AML) macht 15 % der bei Kindern und Jugendlichen diagnostizierten Leukämiefälle aus. Ihre Überlebensrate nach fünf Jahren beträgt etwa 60 %, wobei Rückfälle die häufigste Todesursache bilden.

Abnormale Fusion zweier Proteine

Von den verschiedenen Subtypen von AML gehört die akute megakaryoblastische Leukämie (AML-M7) zu den aggressivsten, denn ist mit einer Behandlungsresistenz und einer besonders ungünstigen Prognose verbunden. Auf diese Form der Leukämie konzentrierten sich die Forschungsteams von Prof. Dr. Jürg Schwaller (Universitäts-Kinderspital beider Basel und Departement Biomedizin der Universität Basel) und Prof. Dr. Thomas Mercher (INSERM U1170, Institute Gustave Roussy, Université Paris-Saclay).

2012 fanden die Forscher um Mercher dass die Krankheit AML-M7 bei Kindern häufig genetische Veränderungen aufweist, die zur Expression eines abnormen Proteins führen. Dieses entsteht durch die Fusion von zwei normalerweise unabhängigen Genen in der Zelle. Obwohl diese Fusion – bekannt als ETO2-GLIS2 – in 30 % der Fälle von AML-M7 identifiziert wurde, konnten die Forschenden diese Anomalie bisher nicht erklären. Ebenso unklar war bisher, warum Kinder mit AML-M7 und diesem Fusionsgen meist jünger als zwei Jahre alt sind, während ältere Kinder mit dieser Veränderung meist an einer anderen AML-Form leiden.

Gezieltes Unterbrechen

Um diese Fragen zu beantworten, entwickelten die Forschenden ein Mausmodell von AML-M7 mit einer ETO2-GLIS2-Fusion. Mit diesem Modell konnten die Forscher erstmals zeigen, dass sich bei einer Aktivierung der ETO2-GLIS2-Fusion in Zellen der fötalen Blutbildung sehr rasch eine aggressive Leukämie entwickelte – die der AML-M7 beim Kind sehr ähnlich ist. Wurde dagegen die Fusion in Blutbildungszellen von erwachsenen Tieren aktiviert, trat diese typische kindliche Leukämie nicht auf, während sich andere AML-Formen erst viel später entwickelten. Wenn die Forschenden die Ausbildung der ETO2-GLIS2-Fusion unterbrachen, konnten sich die zuvor leukämischen Zellen wieder in normale Blutzellen ausdifferenzieren.

Diese Beobachtungen weisen darauf hin, dass diese Leukämie deshalb nur bei Kleinkindern auftritt, weil die fötalen Blutbildungszellen – anders als die erwachsenen – eine höhere Empfindlichkeit für bestimmte genetische Mutationen wie die ETO2-GLIS2-Fusion besitzen. Die Studie zeigt auch, dass die ETO2-GLIS2-Fusion der eigentliche Motor dieser kindlichen Leukämieform bildet. Die Forscher werden nun versuchen, die Aktivität dieser Fusion in den Tumorzellen gezielt zu unterbrechen.

Originalveröffentlichung:

Cécile K. Lopez et al.; "Ontogenic changes in hematopoietic hierarchy determine pediatric specificity and disease phenotype in fusion oncogene-driven myeloid leukemia"; Cancer Discovery; 2019

Fakten, Hintergründe, Dossiers
  • genetische Mutationen
Mehr über Universität Basel
  • News

    Parkinson-Proteine haben molekulare Leibgarde

    Helferproteine in menschlichen Zellen gehen eine dynamische Verbindung mit dem Parkinson-Protein α-Synuclein ein. Wird die Beziehung zu diesen «Leibwächtern» gestört, kommt es zu Zellschäden und zur Entstehung der für Parkinson typischen Lewy-Körperchen. Die Parkinson-Krankheit gehört zu de ... mehr

    Magnesiummangel stoppt Wachstum von Krankheitserregern

    Dringen Krankheitserreger in die Körperzellen ein, bekämpft unser Körper sie mit verschiedenen Methoden. Eine Forschungsgruppe am Biozentrum der Universität Basel hat nun erstmals zeigen können, wie eine Pumpe in den Zellen die eingedrungenen Erreger in Schach hält. Wie die Forscher in «Sci ... mehr

    Neue Strategie für die Synthese komplexer Naturstoffe

    Chemiker der Universität Basel haben erfolgreich zwei komplexe Naturstoffe aus der Klasse der sogenannten Dithioketopiperazine (DTPs) hergestellt. Ihre kurze Syntheseroute basiert im Schlüsselschritt auf der Methode der «C-H-Aktivierung». Auf diesem Weg konnten die beiden Naturstoffe Epicoc ... mehr

  • Videos

    Virtual Reality in Medicine: New Opportunities for Diagnostics and Surgical Planning

    Before an operation, surgeons have to obtain the most precise image possible of the anatomical structures of the part of the body undergoing surgery. University of Basel researchers have now developed a technology that uses computed tomography data to generate a three-dimensional image in r ... mehr

    Erste Filmaufnahmen von Kernporen

    Mithilfe eines extrem schnellen und präzisen Rasterkraftmikroskops haben Forscher der Universität Basel erstmals «lebendige» Kernporenkomplexe bei der Arbeit gefilmt. mehr

Mehr über Institute Gustave-Roussy
Ihr Bowser ist nicht aktuell. Microsoft Internet Explorer 6.0 unterstützt einige Funktionen auf Chemie.DE nicht.