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Deutsche Biotechnologie-Unternehmen wachsen

Zahl der Neugründungen geht aber zurück

09.04.2019

Die Biotechnologie-Unternehmen in Deutschland wachsen solide – die bekannten Probleme, allen voran das Fehlen eines funktionierenden Risikokapitalökosystems, bleiben aber bestehen.

So stieg der Umsatz der Branche im Jahr 2018 im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent auf 4,36 Milliarden Euro. Gleichzeitig kletterte die Zahl der Beschäftigten um fünf Prozent auf 27.445. Die Indikatoren für Dynamik und Innovation – die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie die Neugründungen – blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück: Die F&E-Ausgaben stiegen nach Jahren des Rückgangs immerhin um vier Prozent auf 1,23 Milliarden Euro. Die Zahl der Neugründungen sank dagegen erneut. Nach 27 Neugründungen im Jahr 2017 gingen im vergangenen Jahr nur noch 15 Jungunternehmen an den Start.

Besonders alarmierend an den Neugründungszahlen: Der Anteil der Therapeutika-Entwickler ist deutlich zurückgegangen – von 60 Prozent im Vorjahr auf nur noch 20 Prozent im Jahr 2018. Das ist ein Indiz dafür, dass Biotechunternehmen in Deutschland Schwierigkeiten haben, Kapital zu erhalten, denn gerade die Therapeutika-Entwicklung ist sehr kostenintensiv.

Das sind Ergebnisse des Deutschen Biotechnologie-Reports 2019 der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY in Kooperation mit dem Branchenverband BIO Deutschland.

Finanzierung auf Rekordniveau – aber nur wenige Transaktionen

Nur in scheinbarem Gegensatz zu der verhaltenen Entwicklung bei den Neugründungen steht die explosionsartige Entwicklung des Venture Capitals für Biotechunternehmen: Die Investitionen stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 92 Prozent auf 385 Millionen Euro. Die Kapitalerhöhungen kletterten sogar um 153 Prozent auf 859 Millionen Euro, so dass unterm Strich eine Verdoppelung der Finanzierung für Biotechs in Deutschland auf 1,24 Milliarden Euro steht – ein Rekord.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass einige wenige Transaktionen für den Anstieg verantwortlich waren – es sich also um Ausnahmeereignisse handelte. Da wäre beispielsweise die Rekordfinanzierung von BioN-Tech über 228,8 Millionen Euro – die größte Finanzierung eines Biotech-Unternehmens in Deutschland überhaupt. Ohne diese Finanzierung wären die Venture Capital-Investitionen im vergangenen Jahr um 22 Prozent auf 157 Millionen Euro zurückgegangen.

Bei den börsennotierten deutschen Biotechs entfielen 73 Prozent der gesamten Folgefinanzierungen auf nur zwei Unternehmen: Qiagen konnte sich 424 Millionen Euro über Wandelanleihen sichern und MorphoSys 203 Millionen Euro durch einen zweiten Börsengang an die US-amerikanische NASDAQ.

Hohe Finanzierungssprünge in den USA und Europa

In den USA – wo der Kapitalmarkt traditionell eine wesentlich bedeutendere Rolle spielt als hierzulande – stieg auch die Finanzierung sprunghaft an. Dort erreichten die Investitionen ein erneutes Allzeithoch von 46,2 Milliarden US-Dollar – plus 34 Prozent. Alle Finanzierungsformen hatten Anteil daran: So sammelten die US-amerikanischen Biotech-Unternehmen neun Prozent mehr über Kapitalerhöhungen ein (22,4 Milliarden US-Dollar), 56 Prozent mehr über Venture Capital (17,7 Milliarden US-Dollar) und 137 Prozent (6,1 Milliarden US-Dollar) mehr über Börsengänge – wovon es in Deutschland im vergangenen Jahr keinen einzigen gab.

Auch in Europa funktioniert die Kapitalaufnahme in der Breite. Die Finanzierung stieg insgesamt um 35 Prozent auf 8,78 Milliarden Euro – dabei stiegen die Kapitalerhöhungen um 50 Prozent auf 5 Milliarden Euro an, das Venture Capital um 24 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro und die IPO-Einnahmen um elf Prozent auf eine Milliarde Euro.

Der Studienautor und Leiter des deutschen Life Science Centers von EY, Dr. Siegfried Bialojan, kommentiert die Zahlen: „Die Umsätze und Mitarbeiterzahlen der Biotechnologie-Branche in Deutschland wachsen weiter. Auch bei der Finanzierung scheint alles in Ordnung zu sein – immerhin konnten die deutschen Biotechs so viel Kapital anziehen wie noch nie. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Finanzierung in der Breite auf wackligen Füßen steht. Einige wenige Unternehmen haben im vergangenen Jahr einen Großteil der Finanzierungssumme auf sich vereint. Gerade die teure Therapeutika-Entwicklung hat es damit hierzulande schwer. Das Grundproblem bleibt also bestehen: Es fehlt ein Kapitalökosystem, durch das Innovation in Deutschland systematisch in die Spur gebracht wird.“

Auch Dr. Peter Heinrich, Vorstandsvorsitzender von BIO Deutschland e.V., sieht die Entwicklung mit gemischten Gefühlen: „2018 war ein Rekordjahr für die Finanzierung der Biotechnologie in Deutschland – das ist sehr ermutigend. Allerdings schaffen es nach wie vor viel zu wenige herausragende Forschungs- und Entwicklungsergebnisse hierzulande in die Anwendung. Die Folge davon beobachten wir derzeit: Relativ geringe Forschungs- und Entwicklungsausgaben und weniger Neugründungen. Wir brauchen in Deutschland wieder eine Kultur des Mutes und der Risikobereitschaft und auch einen besser funktionierenden Technologietransfer, um diese Entwicklung umzukehren.“

Affimed und Immatics erhalten hohe Summen für Allianzen

Dass deutsche Unternehmen in der Lage sind, Innovationen auf Spitzenniveau zu entwickeln, beweist der enorme Anstieg der Allianzen. Das Volumen hat sich mehr als verdoppelt und lag 2018 bei 7,4 Milliarden Euro (plus 112 Prozent). Auch hier waren es jedoch Einzelereignisse, die die Zahlen in die Höhe trieben. So ging die Heidelberger Affimed eine Allianz mit Genentech aus den USA ein und Immatics aus Tübingen mit Genmab aus Dänemark. Allein diese beiden Deals steuerten 5,76 Milliarden Euro zum Gesamtvolumen bei.

„Die Allianzen zeigen: Innovationen in Deutschland sind möglich. Einzelne Leuchttürme aus Deutschland schaffen es immer wieder, besonders hell zu leuchten und das Interesse von internationalen Partnern zu wecken“, stellt Bialojan fest. „Dass sie für diese Partnerschaften hohe Summen erhalten, ist ein Beweis für das große Vertrauen in die Unternehmen und ihre Produkte. Es wäre wünschenswert, dieses hohe Interesse an Biotech aus Deutschland nachhaltig und in der Breite zu sichern.“

Takeda-Shire-Deal dominiert M&A-Markt

Bei den großen Fusionen und Übernahmen spielten deutsche Biotech-Unternehmen allerdings keine Rolle. Stattdessen dominiert die knapp 82 Milliarden US-Dollar teure Übernahme von Shire durch Takeda die weltweite Statistik: Sie sorgte für den Gesamtanstieg des M&A-Volumens um 132 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ohne diesen Megadeal wäre der Anstieg von 63,3 Milliarden US-Dollar auf 66,2 Milliarden US-Dollar nur gering ausfallen.

Insbesondere US-Firmen schlugen auf dem M&A-Markt zu. 48 Prozent der Deals zwischen Biotechfirmen kamen innerhalb der USA zustande. 23 Prozent der Transaktionen zwischen Biotech- und Pharmaunternehmen wurden ebenfalls innerhalb der USA abgewickelt, weitere 23 Prozent der Übernahmen und Fusionen fanden zwischen US-Firmen und europäischen Firmen statt.

„Die Biotech- und Pharmaunternehmen wollen ihr Portfolio konsolidieren – das ist der Treiber hinter den meisten Fusionen und Übernahmen“, so Bialojan. „Hinter dieser Strategie steht die Absicht, sich auf einzelne Therapiegebiete zu konzentrieren und innerhalb dieser Gebiete möglichst die Marktführerschaft zu übernehmen.“

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