02.01.2012 - Medizinische Universität Innsbruck

Den Krebs seiner Nische berauben

EU-Projekt OPTATIO erforscht neue Strategien gegen das Multiple Myelom

Ein Bösewicht allein richtet meist wenig aus – erst wenn er Getreue um sich schart, die ihm dienen und ihn schützen, wird er mächtig und gefährlich. Dies trifft auch auf das Multiple Myelom, eine Krebserkrankung des Knochenmarks, zu. Lange Zeit zielten therapeutische Strategien nur auf die Krebszellen selbst ab. Dann aber erkannten Wissenschaftler, dass sie die Wechselwirkung zwischen den Krebszellen und ihrer Umgebung nicht ausreichend berücksichtigt hatten. Sie bietet dem Tumor oft eine geschützte Nische, in der er unbeobachtet und unbehelligt heranwächst, ja unter Umständen sogar im Wachstum gefördert wird. Die naheliegende Idee ist folglich, das unheilvolle Zusammenspiel zwischen dem Krebs und seiner Umgebung zu stören. Hier setzt das heute gestartete europäische Forschungsprojekt OPTATIO an.

OPTATIO (OPtimizing TArgets and Therapeutics In high risk and refractOry Multiple Myeloma) vereint zwölf Partnerinstitutionen aus Österreich, Deutschland, Tschechien, Italien, Ungarn, Großbritannien  und Spanien und läuft im 7. Europäischen Rahmenprogramm ab. Wissenschaftlicher Koordinator des Konsortiums ist Dr. Wolfgang Willenbacher von der Klinik für Innere Medizin V der Medizinischen Universität Innsbruck, die von Prof. Günther Gastl geleitet wird. OPTATIO ist ein Ergebnis intensiver Zusammenarbeit der Medizinischen Universität, des Zentrums für personalisierte Krebsforschung Oncotyrol und des Tiroler Krebsforschungsinstituts, die alle auch Partner im Konsortium sind. Die Innsbrucker Firma CEMIT ist für das Projektmanagement zuständig.

Mikroumgebung fördert Resistenzbildung

Die Multiplen Myelomzellen wachsen im Knochenmark in regelrecht auf sie zugeschnittenen Nischen heran, ihrer Mikroumgebung. Darin sind sie eng umgeben von Bindegewebszellen, Knochen auf- und abbauenden Zellen (Osteoblasten und Osteoklasten), Blutgefäßzellen und Immunzellen. Durch den engen Zellkontakt stimulieren sich die Zellen gegenseitig. Es findet ein regelrechtes Konzert, ein unablässiger Austausch von Botenstoffen statt. Gene werden aktiviert, so dass noch mehr Botenstoffe produziert werden und ein sich selbst verstärkender Kreislauf entsteht. Er trägt dazu bei, dass die Krebszellen sich vor therapeutischen Angriffen „verstecken“ können und dem Zelltod entgehen, der eigentlich durch Medikamente herbeigeführt werden sollte. Diese Resistenzmechanismen aufzuklären ist ein Ziel von OPTATIO.

Des Weiteren will OPTATIO untersuchen, ob die Mikroumgebung dafür verantwortlich ist, dass sich der Krebs aus einem häufigen Vorstadium entwickelt. Dieses Vorstadium, die „Monoklonale Gammopathie von unbestimmter Signifikanz (MGUS)“ kommt in der älteren Bevölkerung nicht selten vor und ist meist harmlos. In 1% der Fälle pro Lebensjahr aber entwickelt sich aus diesem Vorstadium ein Multiples Myelom. Bisher ist es noch nicht gelungen, die dafür entscheidenden Faktoren herauszufinden. Dies soll nun im Rahmen von OPTATIO geschehen.

OPTATIO erweitert und ergänzt Forschungsprojekte, die im Rahmen von Oncotyrol bereits erfolgreich ablaufen. Eines davon ist das Austrian Myeloma Registry, eine österreichweite internetbasierte Datensammlung zur Behandlungspraxis des Multiplen Myeloms. Ein weiteres ist die Entwicklung besserer  Zellkultursysteme für die Suche nach neuen Wirkstoffen. Diese vom Oncotyrol-Wissenschaftler Dr. Winfried Wunderlich entwickelten Zellkultursysteme sollen die Nische der Myelomzellen im Knochenmark naturgetreu nachbilden. Darin kann man rund um die Uhr beobachten, wie sich Myelomzellen in einer naturähnlichen Umgebung verhalten, insbesondere nach Zugabe von potentiellen Wirkstoffen. Mit Hilfe dieses Systems sollen Substanzen gefunden werden, die nicht nur die Krebszellen angreifen, sondern auch das verhängnisvolle Wechselspiel mit der Mikroumgebung unterbinden, aber nicht das gesunde Knochenmark beeinträchtigen. Die Industriepartner in OPTATIO  werden hierfür Substanzbibliotheken zur Verfügung stellen.

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