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Wie viele vorzeitige Todesfälle gehen auf Luftverschmutzung zurück?

Neue Analyse geht von viel gravierenderen Folgen aus als bisher angenommen

13.03.2019

(dpa) Schmutzige Luft dürfte einer Studie Mainzer Wissenschaftler zufolge deutlich mehr vorzeitige Todesfälle verursachen als bislang angenommen - auch in Deutschland. Nach neuen Rechnungen kommt ein Team um den Atmosphärenforscher Jos Lelieveld und den Kardiologen Thomas Münzel auf weltweit rund 8,8 Millionen Sterbefälle pro Jahr, wie die Wissenschaftler am Dienstag in Mainz berichteten.

Der im «European Heart Journal» veröffentlichten Analyse zufolge sterben weltweit etwa 120 Menschen je 100.000 Einwohner pro Jahr vorzeitig an den Folgen verschmutzter Luft, in Europa etwa 133. In Deutschland sind es den vorgestellten Daten zufolge sogar 154 je 100.000 Einwohner jährlich - mehr als etwa in Polen, Italien oder Frankreich. Das sei vor allem auf die dichte Besiedelung Deutschlands zurückzuführen, sagte Lelieveld.

Den Mainzer Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Unimedizin zufolge kommen in Europa jährlich knapp 800.000 Menschen wegen der Folgen von Luftverschmutzung vorzeitig ums Leben. Sie rechnen vor, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von Europäern dadurch um rund zwei Jahre verringert wird. Ihre Botschaft ist eindeutig: Die Feinstaub-Grenzwerte müssen gesenkt werden.

Umweltschützer fordern schon lange schärfere EU-Grenzwerte für Feinstaub mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern (PM 2,5). Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel, in der EU gelten 25.

Die Mainzer Wissenschaftler haben für ihre Studie frühere eigene Berechnungen sowie die der weltweiten Gesundheitsstudie «Global Burden of Disease» neu analysiert. Es habe eine umfangreichere Datengrundlage aus 16 Ländern gegeben, darunter China, hieß es. «Es ist wirklich eine sehr viel bessere Datenbasis, die wir jetzt vorliegen haben», sagte Lelieveld.

Die Forscher ermittelten die regionale Belastung mit Schadstoffen wie Feinstaub und Ozon mit Hilfe eines Atmosphärenchemiemodells. Diese Werte verknüpften sie mit krankheitsspezifischen Gefährdungsraten sowie der Bevölkerungsdichte und den Todesursachen in einzelnen Ländern. Sie geben aber selbst zu bedenken, dass ihre Hochrechnung mit statistischen Unsicherheiten verbunden ist, der tatsächliche Effekt der Luftverschmutzung könne daher sowohl unter als auch über den errechneten Werten liegen.

Die Todesfälle durch schmutzige Luft gehen demnach vor allem auf Herzkreislauf- und Atemwegserkrankungen zurück. Langzeitfolgen schlechter Luft seien erhöhter Blutdruck, chronische Bronchitis, Herzinfarkt, Hirnschlag oder Lungenkrebs. Kleine Feinstaubteilchen könnten sehr tief eingeatmet werden, erklärte Lelieveld. Kardiologe Münzel zufolge kann Feinstaub im Körper in der Lunge Entzündungen hervorrufen sowie in die Blutbahn gelangen und Gefäße schädigen.

Die nun deutlich höhere Zahl vermuteter vorzeitiger Todesfälle führen die Experten unter anderem darauf zurück, dass weitere Krankheiten mit einbezogen wurden, die zwar nicht von Feinstaub verursacht, aber von ihm beeinflusst würden - wie etwa Diabetes oder Hypercholesterinämie, ein zu hoher Cholesterinspiegel.

Luftverschmutzung sei das Umweltgesundheitsrisiko Nummer eins, sagte Lelieveld. Und sie gehöre zu den bedeutendsten Gesundheitsrisiken neben Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Rauchen. Beim Rauchen einschließlich des Passivrauchens schätze die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Zahl der Todesfälle jährlich auf global 7,2 Millionen. Ein Mensch könne sich entscheiden, nicht zu rauchen - der Luftverschmutzung könne er nicht ausweichen.

Der Lungenmediziner Dieter Köhler kritisierte die Darstellung der Forscher, dass Luftverschmutzung mehr vorzeitige Todesfälle verursache als das Rauchen. «Das verschiebt die reale Risikosituation völlig und ist wirklich gemeingefährlich, denn das würde alle Raucherschutzprogramme konterkarieren», erklärte er. Aus epidemiologischen Studien, die zwischen Luftverschmutzung und der kardiovaskulären Mortalität eine schwache Assoziation gezeigt hätten, würden Kausalitäten erzeugt. Solche Kohortenstudien zeigten aber immer nur einen Verdacht an - und klärende Tierversuche im Bereich der aktuellen Grenzwerte gebe es bisher nicht.

Berechnungen wie die nun vorgestellte wurden vor allem in der Debatte um Stickoxide und Fahrverbote in Städten zuletzt immer wieder kritisiert. Letztlich handele es sich bei solchen epidemiologischen Studien um eine statistische Abschätzung, hatte das Umweltbundesamt klargestellt. Es handele sich nicht um klinisch identifizierbare Todesfälle, die auf einen bestimmten Luftschadstoff zurückgeführt werden können. Als exakter als die Zahl der vorzeitigen Todesfälle gilt die Zahl der verlorenen Lebensjahre durch einen Risikofaktor.

Feinstaub entsteht vor allem durch den Verkehr, die Landwirtschaft, durch Kraftwerke, Fabriken und Heizungen. Bei Feinstaub aus dem Verkehr spielen neben dem Verbrennungsprozess in Motoren auch der Reifenabrieb und aufgewirbelter Staub eine Rolle. Lelieveld zufolge trägt in Deutschland die Landwirtschaft zu bis zu 45 Prozent zum Ausstoß von PM 2,5-Partikeln bei. Hier werde Ammoniak freigesetzt, das in der Atmosphäre mit anderen Gasen wieder Feinstaub bilde.

Max-Planck-Forscher Lelieveld hält von Fahrverboten nicht viel. «Fahrverbote bringen nichts», sagte er. Sie verlagerten Verkehr nur und könnten unter bestimmten Umständen sogar mehr Menschen belasten.

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