05.03.2021 - AstraZeneca PLC

AstraZeneca-Impfstoff künftig auch für Menschen ab 65 empfohlen

Deutschland bleibt beim Impftempo bisher hinter anderen Ländern zurück, obwohl die nächste Ansteckungswelle droht

(dpa) Es wirkte auf manche wie ein Makel, auch wenn Experten wiederholt widersprachen: Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca wurde in Deutschland zunächst nicht für Menschen ab 65 Jahren empfohlen, also ausgerechnet für die besonders gefährdeten Gruppen. Jetzt hat die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre damalige Einschätzung mit Blick auf neue Erkenntnisse aus Studien aktualisiert. Sie bereitet damit den Weg für Astrazenca-Impfungen der Menschen ab 65.

Das Gremium am Robert Koch-Institut (RKI) teilte am Donnerstag trotz eines noch vorgeschriebenen Stellungnahmeverfahrens vorab mit, die Impfung mit dem Impfstoff für alle Altersgruppen zu empfehlen, entsprechend der Zulassung. Das sei am Mittwoch beschlossen worden. An der Situation, dass es für Kinder und Jugendliche bisher keine zugelassenen Corona-Impfstoffe gibt, ändert sich dadurch nichts.

Gründe für den Schritt

Die ursprüngliche Empfehlung, den Impfstoff nur Menschen zwischen 18 und 64 Jahren zu verabreichen, hatte mit fehlenden Studiendaten zur Wirkung bei Älteren zu tun. Eine Überprüfung hatte der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens kürzlich angekündigt - und betont, nie den Impfstoff an sich kritisiert zu haben. Es sei immer nur um die zunächst dünne Datenlage gegangen.

Die Stiko erklärte, nun neue Daten analysiert und bewertet zu haben. Darin sei die Wirksamkeit eindrücklich belegt worden: beim Verhindern von Erkrankungen und insbesondere beim Verhindern schwerer Verläufe. Die Erkenntnisse kommen aus England und Schottland, wo das Präparat in der Breite eingesetzt wird.

Die aktualisierte Impfempfehlung lag am Donnerstag zunächst nicht vor. Die Vorab-Erklärung begründeten das Gremium mit der außergewöhnlichen Situation und dem großen Informationsbedürfnis der Bevölkerung. Zuvor hatte bereits das Bundesgesundheitsministerium den Schritt angekündigt.

Auch andere warteten Daten ab

Deutschland war nicht das einzige EU-Land, in dem es zunächst eine Altersbeschränkung für den Einsatz gab. Frankreichs Regierung zum Beispiel hatte die Verwendung erst am Montag auf Menschen von 65 bis 75 Jahren ausgeweitet, die Vorerkrankungen wie an Diabetes oder Bluthochdruck haben. Österreichs Hauptstadt Wien gab am Mittwoch bekannt, dass ab sofort auch Menschen ab 65 mit dem Vakzin geimpft werden. Und die schwedische Gesundheitsbehörde teilte wie die Stiko am Donnerstag mit, dass die Anwendung nun auf alle über 18 ausgeweitet werde und nicht mehr auf Menschen unter 65 begrenzt sei.

Sicherheit bei Älteren

Grundsätzlich schätzen Experten alle zugelassenen Wirkstoffe als sicher ein. Bei Geimpften können kurzzeitig grippeähnliche Beschwerden für ein bis zwei Tage auftreten, was nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) in der Regel «die normale Immunantwort des Körpers auf die Impfung» widerspiegelt. Solche Reaktionen sind beim Präparat von Astrazeneca nach der ersten der beiden Impfungen häufiger. Bei den mRNA-Präparaten von Biontech/Pfizer sowie Moderna ist das eher nach der zweiten Dosis der Fall.

Nach PEI-Angaben entwickelt grob die Hälfte der Menschen Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schmerzen an der Einstichstelle und Muskelschmerzen. Bei mehr als 30 Prozent kommt es demnach zu Schüttelfrost und Fiebrigkeit, seltener sind Gelenkschmerzen und Übelkeit. Generell fallen demnach solche Nebenwirkungen bei älteren Menschen geringer aus als bei Jüngeren.

Schutz

Die Deutsche Gesellschaft für Immunologie betont unter Verweis auf die bisherigen Studien, dass der Impfstoff - ebenso wie die beiden anderen Präparate - schwere Covid-19-Erkrankungen nahezu komplett verhindert. Vor einer symptomatischen Covid-19-Erkrankung schütze die Impfung mit einer Effektivität von etwa 80 Prozent. Bei den beiden anderen Impfstoffen ist diese Wirksamkeit mit über 90 Prozent etwas höher. Bislang gibt es Fachleuten zufolge aber keine Studien, in denen die drei Impfstoffe direkt miteinander verglichen wurden.

Der Impfstoff

Der Impfstoff namens AZD1222 wurde von dem britisch-schwedischen Pharmakonzern AstraZeneca zusammen mit der Universität Oxford entwickelt. Er kann im Gegensatz zu den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna bei normaler Kühlschranktemperatur gelagert werden. Er ist zudem preisgünstiger.

Im Gegensatz zu den anderen beiden Impfstoffen ist das Astrazeneca-Präparat kein mRNA-Impfstoff. Es beruht auf der abgeschwächten Version eines Erkältungsvirus von Schimpansen und enthält genetisches Material eines Oberflächenproteins, mit dem der Erreger Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt. Mit Hilfe dieser Bauanleitung bilden die Zellen dieses Protein, und der Körper entwickelt eine Immunantwort.

Die Debatte

Mehrere Experten aus Wissenschaft und Medizin beklagten zuletzt, dass AstraZeneca in Deutschland ein Imageproblem habe - dabei sei das Mittel wirksam, sicher und schütze vor einem schweren Krankheitsverlauf. Medien hatten zuvor unter anderem über nicht wahrgenommene Impftermine berichtet, auch Nebenwirkungen standen im Fokus. Fachleute betonten aber, dass der holprige Start auch mit planerischen und logistischen Fragen zusammenhänge.

Reaktionen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach von einer guten Nachricht für alle Älteren, die auf eine Impfung warten. «Sie können schneller geimpft werden.» Die neuen Studiendaten belegten zudem, dass der Impfstoff noch wirksamer sei, wenn der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung zwölf Wochen betrage. Auch dies empfehle die Stiko ausdrücklich. Die Empfehlungen würden nun «sehr zeitnah» in der Impf-Verordnung umgesetzt. Der Impfstoff-Experte der Berliner Charité, Leif Sander, twitterte: «Gut so! Dann kanns jetzt ja wirklich losgehen.»

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