13.08.2020 - Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn

Neugründungen in Deutschland beruhen selten auf radikalen Innovationen

Coronapandemie könnte sich in einigen Branchen als Gründungsbeschleuniger erweisen

Die Gründungsprozesse in den Branchen "Alternative Energien" und "Informationstechnologien" verlaufen in Deutschland schneller als in den USA. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forschungsprojekt des IfM Bonn und der Universität Utrecht, das eine Befragung von Gründern in Deutschland, USA, Italien und Großbritannien in diesen beiden Branchen ausgewertet hat.

"Offenkundig wagen es Gründer und Gründerinnen hierzulande erst, eine sichere Beschäftigung aufzugeben, wenn ihre Gründungsidee bereits relativ ausgereift ist. Aus diesem Grund scheinen sie bei der späteren Umsetzung ihres Gründungsvorhabens auf weniger Hemmnisse zu stoßen, wodurch letztlich der Gründungsprozess von Anfang an beschleunigt wird", erläutert Dr. Nadine Schlömer-Laufen das Studienergebnis, dass Gründungsprozesse in den Branchen "Alternative Energien und "Informationstechnologie" in Deutschland schneller verlaufen als in den USA. Die IfM-Wissenschaftlerin hat gemeinsam mit Associate Prof. Dr. Andrea Herrmann (Universität Utrecht) das Forschungsprojekt "Von der Idee bis zum Gewinn - eine empirische Analyse der Entwicklungsprozesse von Neugründungen" geleitet.

Insgesamt dauert es in den untersuchten Branchen hierzulande im Durchschnitt rund 29 Monate, bis aus einer Idee ein Unternehmen entsteht, das substanzielle Gewinne erwirtschaftet: Davon entfallen durchschnittlich ungefähr 12 Monate auf die Vorgründungsphase, 6 Monate auf die Realisierungsphase und knapp 11 Monate auf die Reifungsphase.

Die Gesamtzeit der Gründung kann jedoch stark variieren: Während einige Neugründungen in den untersuchten Branchen bereits nach wenigen Monaten die Gewinnzone erreichten, dauert es in anderen Fällen mehrere Jahre. "Prinzipiell gilt: Je innovativer ein Geschäftsmodell ist, desto länger dauert der Gründungsprozess", berichtet Dr. Nadine Schlömer-Laufen. "So weisen Gründungen, die auf radikalen Innovationen beruhen, eine fast 16 Monate längere Dauer auf als imitative Gründungen. Dies ist insofern nicht überraschend, schließlich benötigen radikale Innovationen meist mehr Zeit für die Marktetablierung, da die Produkte bzw. Dienstleistung häufig noch unbekannt sind."

Allerdings basiert nur jede neunte Neugründung in den alternativen Energien bzw. in der Informationstechnologie auf einer radikalen Innovation. Rund jede dritte Gründung beruht auf einer Verbesserung eines bestehenden Produkts oder einer Dienstleistung, jedes zweite auf einer Imitation. Die aus einer Imitation oder einer Verbesserung erwachsenden Geschäftsmodelle etablieren sich entsprechend deutlich schneller auf dem Markt als solche, die auf einer radikalen Innovation beruhen. Ihr schneller Erfolg ist ein Indiz dafür, dass der Fokus der Wirtschaftspolitik weit über die Förderung alleinig innovativer Gründungen hinausgehen sollte.

Beschleunigende Wirkung durch Krisen

"Inwieweit sich die Corona-Krise aktuell auf das Gründungsverhalten und den Gründungsprozess auswirkt, lässt sich aktuell noch nicht absehen. Zusätzliche Analysen legen nahe, dass Krisen eine beschleunigende Wirkung besitzen", berichtet die IfM-Projektleiterin. So verkürzte sich während der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise in 2008/2009 der gesamte Gründungsprozess von Unternehmen im Durchschnitt um 10 Monate. Möglicherweise sind Gründerinnen in Krisenzeiten bspw. aufgrund drohender Arbeitslosigkeit eher bereit, alles auf eine Karte zu setzten und die Gründung schneller voran zu treiben. "Dieser beschleunigende Effekt könnte sich bei einigen Gründungsvorhaben jetzt auch zeigen – allerdings vermutlich nur in solchen Branchen, die nicht so stark von der Pandemie betroffen sind", so Dr. Nadine Schlömer-Laufen.

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