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Syphilis



Klassifikation nach ICD-10
A50 Syphilis connata
A51 Frühsyphilis
A52 Spätsyphilis
A53 Sonstige und nicht näher bezeichnete Syphilis
A65 Nichtvenerische Syphilis
ICD-10 online (WHO-Version 2006)

Syphilis, auch Lues, Lues venerea, harter Schanker oder Franzosenkrankheit genannt, ist eine Infektionskrankheit, die zur Gruppe der sexuell übertragbaren Erkrankungen gehört. Der Erreger der Syphilis ist das Bakterium Treponema pallidum. Die Syphilis wird hauptsächlich bei sexuellen Handlungen durch Schleimhautkontakt und ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen. Während der Schwangerschaft und bei der Geburt kann eine erkrankte Mutter die Infektion auf ihr Kind übertragen (Syphilis connata).

Das Erscheinungsbild der Krankheit ist vielfältig. Typisch ist ein Beginn mit schmerzlosen Schleimhautgeschwüren und Lymphknotenschwellungen. Bei einem Teil der Infizierten kommt es zu einem chronischen Verlauf, der durch vielfältigen Haut- und Organbefall gekennzeichnet ist. Im Endstadium kommt es zur Zerstörung des zentralen Nervensystems. Die Diagnoserstellung geschieht hauptsächlich durch den Nachweis von Antikörpern. Die Syphilis ist durch die Gabe von Antibiotika, unter anderem Penicillin, heilbar. Deren Erfindung führte zu einem deutlichen Rückgang der Syphilis im 20. Jahrhundert. Seit den 1990er Jahren ist jedoch wieder ein Anstieg der Erkrankungszahlen feststellbar. Der Nachweis einer aktiven Infektion ist nach Infektionsschutzgesetz ohne Nennung des Namens meldepflichtig.

 

Weiteres empfehlenswertes Fachwissen

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

 

Das Wort Syphilis findet sich erstmals 1530 im Titel eines Gedichtes des veronesischen Arztes Girolamo Fracastoro (1483-1553), mit dem Namen „Syphilis, sive Morbus Gallicus“ („Syphilis, oder die französische Krankheit“).[1] Darin wird die Geschichte des Schafhirten Syphilus erzählt, der wegen Gotteslästerung mit einer neuen Krankheit, der Syphilis, bestraft wurde. Der Name Syphilus ist die latinisierte Form des altgriechischen Namens Σύφιλος (Sýphilos), welcher mit „Schweine liebend“ übersetzt werden kann (σῦς (sŷs) „Schwein“, φιλεῖν (philéin)„lieben“) [2]. Den Namen Syphilus hat Fracastoro vermutlich der antiken Mythologie entlehnt. Bei Ovid heißt der zweite Sohn der Niobe Sipylus. Weshalb er diesen Namen auswählte, ist unbekannt.

Das Wort lateinische Wort luēs bedeutet „Seuche“, „Unheil“; venereus entstammt dem humanistischen Latein, leitet sich von venus „Liebeslust“, „Liebesgenuss“ [3] her und bedeutet „den Geschlechtsverkehr betreffend“.

Daneben sind aus der Geschichte mehrere hundert andere Namen für die Syphilis überliefert. Diese bezogen sich auf das äußere Erscheinungsbild (Morbus pustulatus), auf abgefallene Körperteile, auf Heilige (Hiob, Rochus und andere), auf vermeintliche Ursachen (Lues venera, Lues aphrodisiaca) oder auf das vermeintliche Herkunftsland. So ist die Syphilis unter anderem napolitanische, italienische, französische, spanische, kastilische, englische, schottische oder polnische Krankheit genannt worden.[4]

Erreger

 

Treponema pallidum subspecies pallidum ist ein gramnegatives Bakterium der Gattung Treponema in der Familie der Spirochaetaceae. Treponema pallidum ist spiralig gewunden. Im Dunkelfeldmikroskop, das auch zum Nachweis dient, zeigt es Rotationen um die Längsachse und Beugebewegungen, jedoch keine selbstständige Fortbewegung. Die Replikationszeit beträgt etwa 36 Stunden.

Der einzige Reservoirwirt ist der Mensch, für den es zwingend (obligat) krankheitserregend (pathogen) ist. T. pallidum überlebt außerhalb des Körpers nur kurze Zeit, reduzierte Sauerstoffkonzentration verlängert das Überleben (mikroaerophiles Bakterium). Eine in vitro-Kultur von Treponem pallidum ist nicht möglich, da es Nährstoffe aus dem menschlichen Organismus benötigt, die es nicht selbst produzieren kann. Lediglich in Kaninchenhoden gelingt eine Anzucht.

Neben Treponema pallidum umfasst die Gattung Treponema weitere für den Menschen pathogene (schädliche) Erreger: T. pallidum ssp. endemicum verursacht in Afrika und im mittleren Osten die endemische Krankheit Bejel, auch nichtvenerische oder extragenitale Syphilis genannt (s. u.). T. pallidum ssp. pertenue verursacht in Afrika, Asien und Lateinamerika die Frambösie, eine langwierige Infektionskrankheit, die mit Haut- und Knochenveränderungen (-manifestationen) einhergeht. Treponema carateum verursacht in Zentral- und Südamerika die Pinta. Diese ist eine Hauterkrankung mit rezidivierenden hyperpigmentierten Läsionen vorwiegend an Armen und Beinen, die narbig verheilen. T. vincentii kann im Rahmen einer Mischinfektion eine Plaut-Vincent-Angina verursachen.

Nichtpathogene Treponema-Arten sind T. denticola, T. minutum, T. refringens und T. phagedenis, die in der normalen Standortflora des Mundes, Verdauungstraktes sowie der Geschlechtsorgane zu finden sind. Bei einem mikroslopischen Erregernachweis können sie zu einer Verwechslung beitragen.[5][6]

Übertragung

Treponema pallidum wird in der Regel über direkte sexuelle Kontakte übertragen. Es dringt dabei durch kleinste Läsionen der vaginalen, oralen oder analen Schleimhaut oder Haut in den Körper ein. Während die Syphilis in den Stadien I und II ansteckend bis hochansteckend ist, ist die Infektiosität in den höheren Stadien wesentlich geringer oder nicht mehr vorhanden.

Ein weiterer bedeutsamer Übertragungsweg ist die diaplazentare Übertragung, das heißt der Übertritt der Bakterien über die Plazenta auf das ungeborene Kind (Fötus). Die diaplazentare Übertragung ist ab dem 4. Schwangerschaftsmonat bis einschließlich der Geburt möglich und kann zu Abort, intrauterinem Fruchttod, Totgeburt oder einer Schädigung des Kindes führen. In Deutschland werden durch die im Rahmen der Mutterschaftsrichtlinien vorgeschriebenen Untersuchungen nahezu alle unbehandelten Syphilisfälle bei Schwangeren entdeckt und die Übertragung verhindert.

Infektionen durch kontaminierte Akupunkturnadeln, Injektionskanülen oder Bluttransfusionen spielen, unter anderem durch das Tragen von Handschuhen und die Testung aller Blutspender, eine untergeordnete Rolle. Die in den Stadien I und II auftretenden hochinfektiösen Geschwüre und Papeln können aber gegebenenfalls ebenfalls zu einer Ansteckung ohne sexuelle Kontakte auftreten.

Die in den letzten Jahren zunehmende Ansteckungsrate unter homosexuellen Männern ist auf Änderungen des sexuellen Risikoverhaltens zurückzuführen. Entscheidende Faktoren sind dabei ein zunehmender Verzicht auf Kondome und der Anstieg riskanter sexueller Kontakte mit wechselnden Partnern. Dazu kommen vermeintlich sichere Sexualpraktiken, die das HIV-Übertragungsrisiko senken (Oralverkehr ohne Ejakulation, oral-anale Kontakte), jedoch eine Übertragung bakterieller Erreger der Syphilis, Gonorrhoe und anderen weiter ermöglichen.

Häufigkeit

Syphilis in Deutschland[7]
 Jahr   Fallzahl   Inzidenz 
2001 1697[8] 1,9
2002 2422 2,9
2003 2934 3,6
2004 3352[9] 4,1
2005 3210 3,9
2006 3147[10] 3,8[11]

Die Syphilis ist eine weltweit verbreitete Infektionskrankheit. Nach der Entwicklung des Penicillins gingen die Erkrankungszahlen im Verlauf des 20. Jahrhunderts deutlich zurück, was durch Behandlungsprogramme der WHO in stark betroffenen Regionen seit den 1950er Jahren gefördert wurde. Seit Ende der 1990er Jahre steigt die Inzidenz wieder deutlich an, 1999 traten weltweit etwa 12 Mio. Neuinfektionen auf, davon über 90 % in Entwicklungsländern.[12] Insbesondere in Osteuropa steigt die Zahl der Krankheitsfälle rasch an, was sich durch Migrationsbewegungen auch in Westeuropa auswirkt.

In Industrieländern liegen die Schwerpunkte in den Großstädten, insbesondere homosexuelle Männer sind betroffen. Der Anteil der Männer unter den Betroffenen ist von 60 % in der Mitte des 20. Jahrhunderts auf über 85 % angestiegen. Die Anzahl der Fälle bei Frauen und heterosexuell infizierten Männer ist hingegen stabil geblieben. In Deutschland erreichte die Syphilis 2004 ein vorläufiges Maximum mit einer absoluten Fallzahl von 3352 und einer Inzidenz von 4,1 Fällen je 100.000 Einwohnern. Insgesamt hat die Syphilis eine in Mittel- und Westeuropa vergleichsweise große Häufigkeit erreicht. Mit dem erneuten Anstieg seit den 1990er Jahren tritt sie nicht selten als Koinfektion bei HIV-Infizierten in Erscheinung. In anderen Industrieländern ist die Situation vergleichbar.[5]

Die Rate der konnatalen Infektionen ist sehr gering und liegt bei einigen wenigen Fällen im Jahr.[5]

Klinisches Bild

Stadienhafter Verlauf

Primärstadium, Lues I

  Drei bis vier Wochen nach der Ansteckung erscheint an der Stelle, an der die Bakterien in die Haut oder Schleimhaut eingedrungen sind, ein schmerzloses oder schmerzarmes Geschwür, dessen Randbereich verhärtet ist. Deshalb wird das Geschwür auch als harter Schanker (Ulcus durum) bezeichnet. Dieser Primäraffekt entsteht bei vaginalem Geschlechtsverkehr am Penis, an den Schamlippen oder in der Vagina. Bei Oralverkehr findet man es auch im Mund oder Rachen und bei Analverkehr im Enddarm. Das Geschwür ist gerötet und sondert eine farblose Flüssigkeit ab. Diese Flüssigkeit enthält viele Erreger, ist also äußerst ansteckend. Ein bis zwei Wochen später schwellen die benachbarten Lymphknoten an. Von diesem Zeitpunkt an kann die Krankheit mit dem TPHA-Test nachgewiesen werden. Auch unbehandelt heilen die Geschwüre von selbst nach ca. 4-6 Wochen ab, weshalb die Erkrankung oft ignoriert oder nicht erkannt wird.

Sekundärstadium, Lues II

  Acht Wochen nach der Ansteckung kommt es oft zu grippeartigen Beschwerden wie Fieber, Abgeschlagenheit oder Kopf- und Gliederschmerzen. Die Lymphknoten am ganzen Körper sind geschwollen. Nach zehn Wochen erscheint bei den meisten Erkrankten ein Hautausschlag (Exanthem). Zunächst sind es nur schwachrosa gefärbte Flecken, die sich in kupferfarbene Knötchen (Papeln) verwandeln. Breite Papeln, die besonders in Hautfalten auftreten, nennt man Condylomata lata. Wenn diese aufgehen und nässen, ist die austretende Flüssigkeit hoch infektiös. Seltener treten auch Schleimhautveränderungen im Mund und an den Genitalien auf. Manchen Patienten fallen die Haare aus. Alle Hauterscheinungen (Syphilide) heilen nach ungefähr vier Monaten ab, so dass manche Patienten von ihrer Infektion wenig bemerken. Unbehandelt kommen sie innerhalb verschiedener Zeitabstände wieder. Typischerweise tritt bei allen Hauterscheinungen der Syphilis wenig bis kein Juckreiz auf.

Für viele Erkrankte kann die Syphilis in der folgenden Latenzzeit zu einem Stillstand kommen, die Erreger sind jedoch noch im Körper des Betroffenen. So kann sich nach Monaten oder Jahren eine Spätsyphilis entwickeln. Der Infizierte ist ansteckend, auch wenn diese Gefahr sinkt, je länger der Patient beschwerdefrei bleibt.

 

Tertiärstadium, Lues III

Drei bis fünf Jahre später sind nicht nur Eintrittspforte, Lymphknoten und Haut befallen. Die Erreger haben sich im ganzen Körper ausgebreitet und auch innere Organe wie Blutwege, Luftwege, Rachen, Speiseröhre, Magen, Leber, Knochen und Muskeln befallen. Es bilden sich Knoten, die oft gummiartig verhärtet sind (Gumma (Einzahl), Gummen). Auf der Haut bilden sie mitunter große Geschwüre, am Gaumen entsteht unter Umständen ein Perforation zur Nasenhöhle. Besonders gefährlich ist ein syphilitischer Knoten an der Hauptschlagader (Aorta). Er kann als Spätkomplikation (ca. 30 Jahre nach der Infektion) zu einer Aussackung der Aorta (Aortenaneurysma führen - vgl. Mesaortitis luica), die sehr leicht reißen kann. Wenn dies eintrifft, verblutet der Betroffene innerlich. Ab dem dritten Stadium sind die Erreger nicht mehr nachweisbar.

Neurolues

siehe auch: Neurolues

  Während die bei etwa 20 % der Betroffenen zehn bis zwanzig Jahre nach Beginn der Erkrankung auftretenden schweren neurologischen Störungen ursprünglich dem Tertiärstadium zugeordnet wurden, spricht die neuere Literatur auch von einem eigenständigen Quartärstadium (Lues IV). Ein Viertel der unbehandelten Patienten erkranken an chronischer Hirnentzündung (Syphilis cerebrospinalis), die zu Demenz führt, zum Teil wird auch von einer erheblichen kurzzeitigen Steigerung der kognitiven mentalen Fähigkeiten der Infizierten berichtet. Die Progressive Paralyse äußert sich durch den zunehmenden Abbau der intellektuellen Fähigkeiten, eine Ataxie und Sprachstörungen. Weiter werden das Rückenmark und seine austretenden Nerven so geschädigt, dass die Patienten zunächst Schmerzen haben, dann Schmerz und Temperatur nicht mehr wahrnehmen (Tabes dorsalis). Das Gehen und die Kontrolle über Blase und Darm sind gestört. Am Ende sind die Patienten gelähmt. Es kann auch zu einer Mitbeteiligung des Sehnerven mit folgender Sehverschlechterung bis zur Erblindung kommen. Weiterhin treten Kreislauf-, Knochen- und Gelenkschäden (Charcot-Gelenke) auf. Dieser Verlauf wird in den westlichen Ländern dank ausreichender Therapie mit Antibiotika nur noch selten beobachtet. Außergewöhnliche sensitive oder psychische Veränderungen in dieser Phase wurden vielerorts beschrieben, aber nie systematisiert, so die übermäßige Steigerung der Libido und verschiedene Arten von Wahrnehmungsveränderungen.

Angeborene Syphilis (Lues connata)

Die Treponemen sind etwa ab der 20. Schwangerschaftswoche plazentagängig, können also die natürliche Barriere zwischen mütterlichem und kindlichem Kreislauf überwinden und den Fötus infizieren. Als Folge hiervon kann es entweder zur Fehl- oder Frühgeburt kommen, oder aber das Kind kommt mit einer angeborenen Syphilis, der Lues connata, zur Welt.

Wird diese vor dem 2. Lebensjahr symptomatisch, so spricht man von der Lues connata praecox (vorzeitige angeborene Lues). Kennzeichen sind meist ein makulopapulöses Exanthem (fleckiger; an den Haaransätzen durch kleine Knötchen gekennzeichneter Ausschlag), plattenförmige Hautveränderungen, Schwellung von Leber und Milz (Hepatosplenomegalie) und ein teils blutiger Schnupfen.

Bei Symptomen nach dem 2. Lebensjahr spricht man dagegen von der Lues connata tarda, die mit der klassischen Hutchinson-Trias einhergeht: Hornhautentzündung (Keratitis), Innenohrschwerhörigkeit und tonnenförmige Schneidezähne. Zusätzlich kann eine sog. Sattelnase auftreten.

Extragenitale Syphilis

Die extragenitale oder nichtvenerische Syphilis wird durch Treponema pallidum ssp. endemicum verursacht (s. o.). Sie kommt in Afrika und im mittleren Osten vor, wo sie Bejel genannt wird. Im Gegensatz zu Treponema Pallidum wird sie auch durch Gegenstände des täglichen Gebrauchs übertragen, die Eintrittspforte ist oft die Mundschleimhaut. Die Haut- und Schleimhautsymptome sind praktisch nicht von der venerischen Syphilis zu unterscheiden, allerdings sind Organe nur selten betroffen. Die serologischen Syphilis-Tests fallen positiv aus. Die Behandlung besteht wie bei der venerischen Syphilis in der Gabe von Benzylpenicillin.

Diagnostik

  Neben der Beobachtung der typischen Symptome (Anamnese und klinische Untersuchung) existieren verschiedene direkte und indirekte Nachweismethoden der Syphilis-Infektion. Der direkte Erregernachweis geschieht durch Dunkelfeldmikroskopie oder Silberfärbung von Sekreten. Sehr empfindlich ist der Immunfluoreszenz-Test. In Einzelfällen ist ebenfalls ein PCR-Nachweis möglich, nicht hingegen die Anzucht des Erregers. Bei unbekanntem Infektionszeitpunkt muss der Liquor cerebrospinalis auf eine mögliche Neurolues untersucht werden (Lumbalpunktion). Die indirekten Verfahren, die in aller Regel zur Diagnosestellung eingesetzt werden, beruhen auf dem serologischen Nachweis von Syphilis-Antikörpern im Patientenblut:[5]

Der TPHA (Treponema-pallidum-Hämagglutinations-Assay) ist ein Screening-Test (Suchtest) auf den Syphilis-Erreger: Blutserum des Patienten wird in Verdünnungsreihen mit Treponema-markierten Schafsblutkörperchen zusammengebracht; sind Antikörper gegen den Erreger vorhanden, verklumpt das Blut (vgl. Titerbestimmung). Eine Variante dieses Tests, bei der statt Schafsblutkörperchen Latexpartikel verwendet werden, bezeichnet man als TPPA (Treponema pallidum Partikelagglutinationstest). Der TPHA-Test ist frühesten 4 bis 6 Wochen nach der Infektion positiv.

Der FTA-Abs-Test (Treponema-pallidum-Antikörper-Fluoreszenztest) ist ein Bestätigungstest bei positivem TPHA: Das Serum wird mit sogenannten Reiter-Spirochäten (apathogene Treponemen) zusammengebracht. Dabei werden kreuzreagierende Antikörper, die zu einem falschen positiven Ergebnis führen, entfernt. Daher kommt das ABS im Namen des Tests: die „falschen“ (kreuzreagierenden) Antikörper werden absorbiert. Im nächsten Schritt wird eine Glasplatte, die mit abgetöteten Treponemen beschichtet ist, mit dem „absorbierten“ Serum des Patienten zusammengebracht. Die Bindung der Antikörper aus dem Patientenserum an die Treponemen auf der Glasplatte wird dann mit einem farblich markierten Antikörper in der Fluoreszenzmikroskopie sichtbar gemacht. Eine Variante dieses Tests, bei der nur IgM-Antikörper nachgewiesen werden, bezeichnet man als FTA-ABS-19S-IgM.

Der VDRL-Test (Venereal Disease Research Laboratory) dient als Test zur Verlaufskontrolle, Aktivitätsbeurteilung und Einschätzung der Behandlungsbedürftigkeit: In diesem Test werden Antikörper gegen Cardiolipin nachgewiesen, die nicht spezifisch für die Syphilis sind, sondern auch bei anderen Erkrankungen vorkommen (insb. Antiphospholipid-Syndrom). Er wird auch als CMT (Cardiolipin-Mikroflockungstest) bezeichnet.

Therapie

 

Da Treponema pallidum auch nach 60 Jahren keine Resistenzen gegen Penicilline ausgebildet hat, sind sie Mittel der Wahl zu Behandlung der Syphilis in allen Krankheitsstadien, insbesondere Penicillin G. Da sich die Treponemen langsam replizieren, ist eine Behandlungsdauer von mindestens 10-14 Tagen, in späten Stadien und bei Neurolues von 14-21 Tagen, notwendig. Im Primär-/Sekundärstadium ist alternativ auch eine einmalige höherdosierte Gabe möglich. Während in den frühen Stadien eine intramuskuläre Injektion ausreichend ist, kann bei einer Neurolues auf diese Weise kein ausreichender Wirkspiegel im Gehirn aufgebaut werden. In diesen Fällen ist darum im Rahmen eines stationären Krankenhausaufenthaltes eine intravenöse Gabe über drei Wochen notwendig. Penicilline sind auch zur Therapie der Lues connata und Erkrankungen während einer Schwangerschaft sowie bei HIV-Infektion angezeigt.

Bei Allergien wird auf andere Antibiotika wie Tetrazykline, Makrolide oder Cephalosporine zurückgegriffen. Die Auswahl erfolgt je nach Krankheitsstadium und Begleitumständen. Beim Einsatz von Cephalosporinen muss mit Kreuzallergien in etwa 5-10 % der Fälle gerechnet werden.

Eine Nebenwirkung der Antibiotikatherapie der Syphilis ist die Jarisch-Herxheimer-Reaktion, meist in frühen Stadien, nur selten bei einer Neurolues. Dabei führt das Zerfallen der Treponemen beim Vorhandensein zahlreicher Erreger zum Freiwerden von Toxinen. Fieber, Ausschlag und Schüttelfrost können die Folge sein, meist 2-8 Stunden nach Therapiebeginn. Die Jarisch-Herxheimer-Reaktion kann mit Kortison-Derivaten behandelt werden. Auch eine Prophylaxe ist so möglich.

Bei Therapieerfolg zeigt sich ein deutlicher Titerabfall der Antikörper. Therapiekontrollen sollten initial vierteljährlich, später jährlich mittels VDRL- und TPHA-Test erfolgen, bei Befall des Gehirns auch mittels Liquordiagnostik. In der Schwangerschaft werden monatliche Kontrollen empfohlen.[5][13]

Prävention

Durch die Anwendung von Kondomen beim Geschlechtsverkehr kann die Übertragungswahrscheinlichkeit der Syphilis und anderer Geschlechtskrankheiten wesentlich verringert werden. Durch die gleichen Ansteckungswege tritt eine Syphilis-Erkrankung oft gemeinsam mit einer HIV-Infektion auf.

Auch eine Übertragung der Syphilis beim Oralverkehr ist möglich.

Insbesondere Menschen, die Sex mit wechselnden Partnern haben, sollten regelmäßig ihr Blut auf Syphiliserreger untersuchen lassen, da in Deutschland die Anzahl der Syphilisfälle seit dem Jahr 2004 deutlich ansteigt.

Geschichte

Ursprung der Erreger

 

Laut bisheriger Medizingeschichtsschreibung trat die Syphilis 1495 in Europa zum ersten Mal bei der Belagerung Neapels durch den französischen König Karl VIII. auf. Daraufhin überzog innerhalb von fünf Jahren eine Syphilis-Epidemie ganz Europa.

Kolumbus-Theorie

Nach der Kolumbus-Theorie stammte die Syphilis ursprünglich aus Mittelamerika und wurde erstmals von Christoph Kolumbus bzw. seinen Matrosen nach Europa eingeschleppt, als er 1493 nach der Entdeckung Amerikas nach Europa zurückkehrte. Diese Theorie gilt nach neueren Forschungsergebnissen als widerlegt.

Präkolumbische Theorie

Der Engländer Simon Mays begründet eine zunächst heftig umstrittene präkolumbische Theorie auf Knochenfunde, die auf die Zeit von 1296 bis 1445 datiert wurden. Spezifische Veränderungen an den Knochen lassen seiner Ansicht nach mit großer Sicherheit auf eine Infektion mit Syphilis schließen. Die bedeutendsten Funde dieser Art stammen aus Riverhall, Essex, in England. Demnach trat die Syphilis also bereits deutlich früher als 1495 zuerst in England auf.

Weiterhin wurden im Bereich der Kirche eines zerstörten Klosters der englischen Hafenstadt Kingston upon Hull drei Skelette gefunden, die nach Ansicht der Experten eindeutige Spuren einer fortgeschrittenen Syphiliserkrankung aufweisen.[14][15] Durch diese Befunde wurde die Forschung motiviert, nunmehr intensiver in Europa nach weiteren Spuren der Syphilis aus der Zeit vor 1495 zu suchen. In Süditalien entdeckten Archäologen bei Ausgrabungen in Metapont, einer griechischen Siedlung aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. viele Knochen mit den klassischen Anzeichen der Syphilis. Dabei konnte erstmals auch in Europa bei einem Kinderskelett an den zugehörigen Zähnen eine nur von der Syphilis verursachte Querfurche nachgewiesen werden. Solche Zahnspuren entstehen allein, wenn ein Kind von seiner Mutter während der Schwangerschaft oder unter der Geburt mit dem Erreger der Syphilis infiziert worden war. Sowohl bei der Suche nach Anzeichen dieser Erkrankung in Pompeji wie auch bei Knochenfunden aus dem 13. Jahrhundert in der Türkei [16][17] wurde man ebenfalls fündig.

Damit steht fest, dass die schwere Erkrankungsform der Syphilis in Europa schon lange vor dem 15. Jahrhundert anzutreffen und nicht erst von den Conquistadoren aus Lateinamerilka eingeschleppt worden war.[18]

Es gibt jedoch Hinweise, dass die Syphilis in einer harmloseren Form, als Hautkrankheit, schon im alten Griechenland oder im präkolumbischen Amerika existierte und die Wissenschaftler vermuten, dass der Erreger bei zunehmender Anwendung von Hygiene weltweit in den verschiedenen Kulturen zu der für den Menschen so gefährlichen Form der Syphilis mutierte.

Neuere Geschichte

Diagnostische Verfahren und Erregernachweis

August von Wassermann und Mitarbeiter entwickelten 1906 ein Nachweis-Verfahren (Wassermann-Test), bei der bei der Syphilis in Blut oder Liquor cerebrospinalis auftretende Antikörper (Reagine) mit Cardiolipin reagierten, das aus Rinderherzen gewonnen wurde.[19] Der Test stellt eine Modifikation der Komplementbindungs-Reaktion dar, die von Jules Bordet und Octave Gengou entwickelt wurde. Erstmals stand damit eine effektive Möglichkeit zur Verfügung, eine Syphilis-Infektion zu diagnostizieren. Der Nachweis mit diesem Verfahren ist jedoch relativ unspezifisch und produzierte viele falsch-positive Ergebnisse. In den 1930er Jahren entwickelte William Augustus Hinton den Hinton-Test, der auf Flockung beruht und etwas spezifischer war. Beide Tests sind heute durch modernere Verfahren ersetzt.

Fritz Schaudinn und Erich Hoffmann gelang 1905 der erste mikroskopische Nachweis der Treponemen,[20] die Reinzüchtung des Syphiliserregers erstmals 1911 dem japanischen Bakteriologen Noguchi Hideyo.[21] Der Japaner war es auch, der zwei Jahre später erstmalig einen Zusammenhang zwischen der Infektion mit Treponema pallidum und der progressiven Paralyse sowie Tabes dorsalis herstellen konnte, da er die Treponemen im Gehirn und im Knochenmark nachgewiesen hatte. [22]

Entwicklung von Behandlungsverfahren

Die südamerikanischen Indianer verfügten über eine kombinierte Syphilistherapie, die ihnen in der Regel auch Heilung verschaffte, denn die Krankheit verlief bei ihnen weniger schwer als bei Europäern. Sie verwendeten Abkochungen aus dem Holz oder der Rinde des Guajakbaumes (Guaiacum officinale und G. sanctum) oder der Sarsaparillewurzel (Smilax regelii u.a. Arten) in Kombination mit einem Schwitzbad und einer Fastenkur. Das Schwitzbad, dem sich die Indianer nach Einnahme von Guajak unterzogen, bestand in einer gezielten Heißbedampfung der äußeren Genitalien. Der Humanist Ulrich von Hutten hat diese Methode im Selbstversuch erprobt und in seinem 1519 erschienenen Werk „De guajaci medicina et morbo gallico liber unus“ beschrieben. Tatsächlich trat durch die Behandlung zeitweilig eine Verbesserung ein.

Die Syphilis wurde bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem hochgiftigen Quecksilber behandelt, mit dem man den Körper des Erkrankten großflächig bestrich, was gewöhnlich zu einem vollständigen Ausfall der Körperbehaarung sowie sämtlicher Zähne führte und den rapiden Verfall sämtlicher Körperfunktionen einleitete.

  1909 entwickelten Sahachiro Hata und Paul Ehrlich die organische Arsenverbindung Salvarsan, mit der erstmalig eine gezielte Behandlung der Syphilis möglich war. In den Folgejahren wurden weitere, besser verträgliche Abkömmlinge der Substanz entwickelt, so zum Beispiel Neosalvarsan und Sulosalvarsan. Die Salvarsan-Präparate wurden Mitte des 20. Jahrhunderts weitgehend von modernen Antibiotika wie dem Penicillin verdrängt, das bis heute die Behandlungsgrundlage der Syphilis darstellt.[23]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand man heraus, dass Treponema pallidum Temperaturen von über 41 °C nicht überlebt. 1917 impfte der Österreicher Julius Wagner-Jauregg, Direktor der Niederösterreichischen Landesheil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke in Wien, neun Patienten, die an Progressiver Paralyse erkrankt waren, mit dem Blut eines Malaria-Kranken. Er beobachtete eine Wirkung, die erheblich günstiger war als bei allen bisher eingesetzten Therapieverfahren, und arbeitete eine mit Salvarsan kombinierte Vorgehensweise aus (Malariatherapie), für deren Entdeckung ihm 1927 der Nobelpreis für Medizin verliehen wurde.[24]

Tuskegee-Syphilis-Studie

  Einer der größten Medizinskandale der USA war die Tuskegee Syphilis Study im Ort Tuskegee im US-Staat Alabama, in dem etwa 400 schwarze und gleichzeitig meist arme und analphabetische Einwohner mit bekannter Syphilis bewusst nicht mit dem zur Verfügung stehenden Penicillin behandelt wurden, um die Spätfolgen der Infektion beobachten zu können. Die beobachteten Personen wurden nicht über die Studie informiert und auch nicht darüber, dass in der Zwischenzeit eine effektive Behandlungsmöglichkeit zur Verfügung stand. Die „Studie“ begann im Jahre 1932 und endete erst 1972, als Einzelheiten an die Öffentlichkeit durchsickerten.[25]

Siehe auch

Kaninchensyphilis

Literatur

  • Birgit Adam: Die Strafe der Venus. Eine Kulturgeschichte der Geschlechtskrankheiten. Orbis, 2001. ISBN 3-572-01268-6
  • Otto Braun-Falco, Gerd Plewig, Helmut H. Wolff: Dermatologie und Venerologie. Springer, Berlin 2002. ISBN 3-540-43556-5

Einzelnachweise

  1. Vgl. Online Etymology Dictionary
  2. Wilhelm Gemoll, Karl Vretska: „Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch“, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, 9. Auflage, ISBN 3-209-00108-1
  3. J. M. Stowasser u. a.: „Der Kleine Stowasser: Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch“, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 2. Auflage 1987, ISBN 3-209-00225-8
  4. Rolf Winau: Seit Amors Köcher auch vergiftete Pfeile führt - Die Ausbreitung der Syphilis in Europa. FU Berlin. (abgerufen Juni 2007)
  5. a b c d e Syphilis (Lues). RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten – Merkblätter für Ärzte. Robert-Koch-Institut.
  6. Herbert Hof, Rüdiger Dörries: Medizinische Mikrobiologie. Thieme, Stuttgart; 2. Auflage (November 2004) ISBN 3-13-125312-6
  7. nach: Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Inzidenz: je 100.000 Einwohner
  8. Epidemiologisches Bulletin des RKI Nr. 29 vom 20. Juli 2007 (S. 257)
  9. Epidemiologisches Bulletin des RKI Nr. 29 vom 20. Juli 2007 (S. 257)
  10. Epidemiologisches Bulletin des Robert-Koch-Instituts, Nr. 29, 2007, PDF-Datei
  11. WHO: Focus Syphilis. in: Nature Microbiology Reviews, Vol. 2, p. 448-449 (2004)
  12. AWMF-Leitlinie: Diagnose und Therapie der Syphilis (2005)
  13. von Hunnius TE, Roberts CA, Boylston A, Saunders SR: Histological identification of syphilis in pre-Columbian England. Am J Phys Anthropol. 2006 Apr;129(4):559-66. PMID 16345063
  14. http://www.pbs.org/wnet/secrets/case_syphilis/interview.html Interview mit der Paläopathologin Charlotte Roberts (engl.)
  15. Erdal YS: A pre-Columbian case of congenital syphilis from Anatolia (Nicaea, 13th century AD). Int J Osteoarchaeol (2006) 16:16-33
  16. Geneviève Lüscher: Zeichen der Syphilis im Europa vor Columbus. 17. Mai 2006, NZZ Online
  17. http://www.arte.tv/de/suche/1472760.html S. Cerasuolo, E. Fergnachino: Das Syphilisgeheimnis, TV-Dokumentation, Großbritannien 2002
  18. August von Wassermann/Albert Neisser/Carl Bruck: Eine serodiagnostische Reaktion bei Syphilis. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift 48 (1906), S. 745-746.
  19. Fritz Richard Schaudinn und Erich Hoffmann: Vorläufiger Bericht über das Vorkommen von Spirochaeten in syphilitischen Krankheitsprodukten und bei Papillomen. Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheitsamtes (Berlin), vol. 22, pp. 527-534, 1905
  20. Hideyo Noguchi: The Establishment of Treponema pallidum as the causative agent of Syphilis, and the cultural Differentiation between this organism and certain morphologically allied Spirochaetae. Can Med Assoc J. 1912 April; 2(4): 269–276.
  21. Rullière, R. : Die Japanische Medizin In: Toellner, R.: Illustrierte Geschichte der Medizin. Andreas Verlag Salzburg 1992, Band 2 ISBN 3-86070-204-1
  22. Pharmazeutische Zeitung (11/2004): Paul Ehrlich – Von der Immunologie bis zu Salvarsan
  23. Julius Wagner-Jauregg: The Treatment of Dementia Paralytica by Malaria Inoculation Nobel Lecture 1927
  24. Die Centers for Disease Control and Prevention zur Tuskegee-Studie (abgerufen Juli 2007)
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