28.07.2020 - Universität Zürich

Bewusstes Geniessen verhilft zu einem zufriedenen Leben

Die Fähigkeit, lustvolle Aktivitäten zu geniessen, ohne sich gedanklich davon ablenken zu lassen, trägt mindestens ebenso viel zur Lebenszufriedenheit bei wie eine gute Selbstkontrolle

Auf dem Sofa faulenzen oder sich ein gutes Essen gönnen: Vergnügen und kurzfristig ausgerichteter Genuss tragen mindestens genauso zu einem zufriedenen Leben bei wie Selbstkontrolle, die es für das Erreichen langfristiger Ziele braucht. Zu dieser Erkenntnis kommt eine neue Studienreihe der Universität Zürich und der Radboud Universität in Nijmegen. Die Forscherinnen plädieren dafür, dass Hedonismus in der Psychologie mehr Wertschätzung erfährt.

Wer nimmt sich nicht hie und da vor, endlich mehr Sport zu treiben, weniger Süsses zu essen oder endlich seine Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern. Die Wissenschaft hat sich bereits viel damit beschäftigt, wie wir unsere langfristigen Ziele besser und effektiver verfolgen können. Die generelle Auffassung: Selbstkontrolle hilft uns Menschen, langfristige Ziele über kurzfristiges Vergnügen zu stellen und führt in der Regel zu einem zufriedeneren und erfolgreicheren Leben.

«Doch es ist Zeit umzudenken», sagt Katharina Bernecker, Motivationspsychologin an der Universität Zürich. «Selbstkontrolle ist natürlich wichtig für ein Leben, das als sinnhaft und erfolgreich empfundenen wird. Die Forschung zur Selbstregulation sollte dem kurzfristigen Vergnügen und der Fähigkeit zu geniessen aber genauso Aufmerksamkeit schenken.» Denn – so die Ergebnisse Berneckers Forschung – die Fähigkeit, lustvolle Aktivitäten zu geniessen, trägt mindestens ebenso viel zur Lebenszufriedenheit bei wie eine gute Selbstkontrolle.

Ablenkende Gedanken trüben Genusserfahrung

Bernecker und ihre Forschungspartnerin Daniela Becker von der Radboud Universität entwickelten einen Fragebogen, der die hedonistische Fähigkeit misst: die Fähigkeit also, unmittelbaren Bedürfnissen und kurzfristigem Vergnügen nachzugehen und dies zu geniessen. Anhand des Fragebogens untersuchten sie in verschiedenen Kontexten, ob sich Menschen in dieser Fähigkeit unterscheiden und wie sich dies auf ihr Wohlbefinden auswirkt.

Dabei zeigte sich, dass sich gewisse Menschen in Genuss- oder Entspannungsmomenten gedanklich ablenken lassen, indem sie an Aktivitäten oder Aufgaben herumstudieren, die sie stattdessen erledigen sollten. «Man liegt also auf dem Sofa und will sich erholen, denkt aber trotzdem ständig daran, dass man doch eigentlich Sport treiben sollte», führt Becker aus. «Der Gedanke an das langfristige, an Selbstkontrolle gekoppelte Ziel untergräbt so das unmittelbare Bedürfnis, sich zu entspannen.» Menschen hingegen, die sich dem Genuss ungeteilt hingeben können, erleben nicht nur kurzfristig mehr Wohlbefinden, sondern weisen generell eine höhere Lebenszufriedenheit auf und erleben unter anderem auch weniger Depressions- und Angstsymptome.

Selbstkontrolle und Hedonismus ergänzen sich

«Das Verfolgen kurzfristig-hedonistischer Genussziele einerseits und langfristiger Erfolgsziele anderseits steht jedoch nicht im Widerspruch zueinander», betont Bernecker. Im Gegenteil: «Unsere Forschung zeigt, dass für ein zufriedenes und erfolgreiches Leben beide Fähigkeiten wichtig sind und sich gegenseitig ergänzen. Es gilt, im Alltag die richtige Balance zu finden.»

Sich einfach häufiger einen Abend auf dem Sofa, ein gutes Essen oder ein Bier mit Freunden zu gönnen, führt also nicht automatisch zu mehr Zufriedenheit. «Die Forschung ging immer davon aus, dass Hedonismus im Vergleich zur Selbstkontrolle die leichtere Wahl ist», so Bernecker. «Doch von dieser Wahl dann vollumfänglich zu profitieren, ohne gedanklich abgelenkt und im Genuss gestört zu werden, ist offenbar nicht ganz so leicht.»

Vergnügen und Genuss bewusst einplanen

Dies kann sich derzeit zum Beispiel im Home-Office zeigen: Die Umgebung, in der man sich normalerweise erholt und geniesst, wird plötzlich auch mit Arbeit und Leistung in Verbindung gebracht. «Gedanken an die Pendenzen können die Erholungsphasen so einfacher durchkreuzen und sie beeinträchtigten», sagt Bernecker.

Wie sich die Hedonismus-Fähigkeit verbessern liesse, muss laut Studienautorinnen noch weiter untersucht werden. Das bewusste Einplanen bestimmter Genusszeiten im Alltag könnte aber helfen, sie klarer von anderen Tätigkeiten abzugrenzen und so ungestörter auszukosten.

Fakten, Hintergründe, Dossiers
  • Psychologie
Mehr über Universität Zürich
  • News

    Exakten dreidimensionalen Aufbau des «Kuschelhormon»-Rezeptors bestimmt

    Das «Kuschelhormon» Oxytocin ist an diversen Störungen der psychischen Gesundheit und der Fortpflanzung beteiligt. Forscher der Universität Zürich haben nun den exakten dreidimensionalen Aufbau des Oxytocin-Rezeptors bestimmt, an den das Hormon bindet. Diese Kenntnis hilft, neue Medikamente ... mehr

    Genetische Fehlfunktion von Astrozyten löst Migräne aus

    Neurowissenschaftler der Universität Zürich haben den Mechanismus entschlüsselt, der für familiär bedingte Migräne verantwortlich ist: Durch eine genetische Fehlfunktion können bestimmte Hirnzellen, die für Schmerzverarbeitung zuständig sind, überschüssige Reize nicht abbauen. Stattdessen r ... mehr

    Den Immunzellen in Hirntumoren auf der Spur

    Bösartige Hirntumore operativ vollständig zu entfernen ist nicht immer möglich. Forscher der Universität Zürich und des Universitätsspitals Zürich konnten nun die Zusammensetzung der Immunzellen von verschiedenen Hirntumoren mit beispielloser Präzision charakterisieren. Damit liefern sie wi ... mehr

Mehr über Radboud Universiteit Nijmegen
  • News

    Tuberkulose-Impfstoff stärkt Immunsystem

    Ein vor 100 Jahren entwickeltes Tuberkulose-Vakzin macht Geimpfte auch für andere Infektionen unempfindlicher. Dieser Effekt ist lange bekannt, nicht jedoch, wodurch er verursacht wird. Wissenschaftler der Universitäten Nijmegen und Bonn haben nun mit Kollegen aus Australien und Dänemark ei ... mehr

    Licht an für keimfreie Wundauflagen

    Nach einer Operation, bei der Behandlung von Wunden oder bei der Gewebezucht sind Infektionen eine gefürchtete Bedrohung, die lebensgefährlich werden kann. Biomimetische Hydrogele mit „eingebauten“ antimikrobiellen Eigenschaften können diese Gefahr deutlich mindern. In der Zeitschrift Angew ... mehr

    Die Geister von HeLa

    Seit Jahrzehnten „verunreinigen" unsterbliche Zellen wie die berüchtigten nHeLa-Zelle andere Zellkulturen im Labor. Daher gründen wissenschaftliche Studien auf Zellen, bei denen es sich eigentlich um völlig andere Zellen handelt. Willem Halffman und Serge Horbach, Forscher an der Radboud Un ... mehr