02.05.2019 - Universität Zürich

Krankheitsanfälligkeit entwickelt sich im Kindesalter

Traumatisierte Kinder und Kinder, bei denen sich mehrere Allergien entwickeln, leiden im Erwachsenenalter eher an chronischen Entzündungskrankheiten und psychischen Beeinträchtigungen. Dies zeigen Forscher der Universitäten Zürich und Lausanne in einer Studie, in der sie fünf Gruppen der frühen Immunsystem-Programmierung identifizieren.

Das Immunsystem wird in der Kindheit geformt: Die sogenannte Hygienehypothese liefert dazu eine vielbeachtete Perspektive. Sie besagt, dass eine bessere Hygiene, Veränderungen in der Landwirtschaft und die Verstädterung dazu geführt haben, dass unser Immunsystem mit manchen Mikroben weniger oft oder erst später im Leben in Kontakt kommt. Als negative Folgen dieser Entwicklung werden eine Zunahme von chronisch entzündlichen Erkrankungen, von Allergien und psychischen Erkrankungen wie Depressionen vermutet.

Von der Hygienehypothese ausgehend, untersuchte eine interdisziplinäre Gruppe von Forschern der Universitäten Zürich und Lausanne die epidemiologischen Daten einer Kohorte von knapp 5‘000 Mitte des 20. Jahrhunderts geborenen Personen. Dabei konzentrierte sie sich auf die Koinzidenz von Allergien, viralen und bakteriellen Krankheiten sowie psychosozialen Belastungen in der Kindheit. Aus den frühen Krankheitsmustern identifizierten die Wissenschaftler fünf unterschiedliche Gruppen, die sie anhand biologischer Marker (weisse Blutkörperchen, Entzündungsmarker) charakterisierten und in einem weiteren Schritt mit chronischen Entzündungskrankheiten sowie psychischer Störungen im Erwachsenenalter in Verbindung brachten.

Jeder Fünfte hat ein sehr widerstandfähiges Immunsystem

Die Hauptgruppe, die knapp 60 Prozent der untersuchten Personen umfasste, verfügte über ein unauffälliges, «neutrales» Immunsystem. Ihre Krankheitsbelastung im Kindesalter war vergleichsweise tief. Noch stärker traf dies für die zweitgrösste Gruppe mit über 20 Prozent der Personen zu: Sie zeigte ein besonders widerstandsfähiges, «resilientes» Immunsystem. Selbst Symptome typischer und zu jener Zeit unvermeidbarer Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps oder Röteln manifestierten sich in dieser Gruppe deutlich weniger als in der neutralen Gruppe.

Der resilienten Gruppe stehen drei kleinere Gruppen gegenüber: In der «atopischen» Gruppe (7 %) traten mehrere allergische Erkrankungen auf. Die ungefähr gleich grosse «gemischte» Gruppe (rund 9 %) war gekennzeichnet durch einzelne allergische Erkrankungen – etwa Medikamentenallergien – sowie bakterielle und mit Hautausschlägen einhergehende Kinderkrankheiten wie Scharlach, Keuchhusten oder Röteln. Die kleinste der fünf Gruppen (rund 5 %) umfasste Personen, die in der Kindheit traumatisiert wurden. Sie waren anfälliger für allergische Erkrankungen, reagierten aber vergleichsweise resilient bei typischen viralen Kinderkrankheiten.

Hygienehypothese weitergedacht

Vergleichende Analysen ergaben, dass die neutrale und die resiliente Gruppe bei älteren Jahrgängen häufiger vertreten sind als bei jüngeren. Genau entgegengesetzt verhielt es sich mit der atopischen Gruppe: Diese hat bei jüngeren Jahrgängen zugenommen. «Damit bestätigt unsere Studie die Hygienehypothese», so Ajdacic-Gross, «geht zugleich aber über diese hinaus».

Unterschiede zwischen den Gruppen manifestierten sich nämlich auch hinsichtlich der späteren Gesundheit. Personen, die zur resilienten Gruppe gehören, waren im Erwachsenenalter nicht nur vor chronischen Entzündungskrankheiten, sondern auch vor psychischen Beschwerden besser geschützt. Wer hingegen der atopischen oder der gemischten Gruppe angehörte, war später einem erhöhten Krankheitsrisiko ausgesetzt – im somatischen wie im psychischen Bereich. Die traumatisierte Gruppe zeigte ebenfalls eine höhere Anfälligkeit für psychische Erkrankungen im Erwachsenenalter und – allerdings nur bei den Frauen – ein höheres Risiko für chronische Entzündungskrankheiten. «Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Immunsystem wie eine Schaltstelle zwischen somatischen und psychischen Prozessen funktioniert», sagt Erstautor Vladeta Ajdacic-Gross von der UZH. «Sie helfen uns zu verstehen, weshalb auch viele Menschen ohne psychosoziale Vorbelastungen von psychischen Beschwerden eingeholt werden und weshalb umgekehrt traumatisierte Personen zu chronischen Entzündungskrankheiten neigen.»

Fakten, Hintergründe, Dossiers
Mehr über Universität Zürich
  • News

    Leukämie- und Blutstammzellen viel selektiver eliminieren

    Blutstammzellen eines gesunden Spenders können Patienten mit akuter Leukämie helfen. Schwere Nebenwirkungen sind jedoch häufig. Forscher unter der Leitung der Universität Zürich zeigen nun an Mäusen, wie menschliche Krebs- und Blutstammzellen mithilfe einer Immun- statt einer Chemotherapie ... mehr

    Fettstoffwechsel steuert Gehirnentwicklung

    Ein Enzym des Fettstoffwechsels steuert die Aktivität von Hirnstammzellen und die lebenslange Gehirnentwicklung. Funktioniert das Enzym nicht korrekt, schränkt dies die Lern- und Gedächtnisleistung bei Menschen und Mäusen ein, wie Forschende der Universität Zürich ermittelt haben. Die Regul ... mehr

    Sind die hohen Preise für Krebsmedikamente gerechtfertigt?

    Ist ein Mittel gegen Krebs so teuer, weil es besonders gut wirkt? Eine internationale UZH-Studie kommt zum Schluss, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem klinischen Nutzen und den Kosten eines Medikamentes gibt. Die Forscher fordern daher, die potentielle Wirksamkeit bei der Preisgestalt ... mehr