Pharmaforschung in Deutschland stagniert
Hightech-Agenda bietet Chance, Handicaps zu überwinden: »Deutschland hat kein Erkenntnisproblem, Deutschland hat ein Translationsproblem«
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Die pharmazeutische Forschung und Entwicklung in Deutschland stagniert, entgegen den Beteuerungen der Bundesregierung, den Pharmastandort Deutschland ausbauen zu wollen. Wesentliche Indikatoren wie etwa die Zahl Industrie-veranlasster klinischer Studien oder der deutsche Anteil am globalen Patient:innen-Recruting für Studien haben sich binnen zwei Jahren kaum verändert. Gleiches gilt für das Länderranking. Stark zeigt sich Deutschland dagegen vor allem in der medizinischen Grundlagenforschung und bei Patentanmeldungen. Das geht aus der aktuellen Publikation »PROUD Update« von Fraunhofer Gesundheit, dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) und seinen Mitgliedsfirmen sowie der Agentur Vintura hervor. PROUD steht dabei für »PharmafoRschung & Entwicklung ErfOlgsmessUng in Deutschland«.
Die seit 2024 durchgeführten PROUD-Erhebungen ermöglichen es die Wirksamkeit staatliche Initiativen zur Standortstärkung zu prüfen und künftig auch Effekte der Hightech-Agenda (HTAD) zu erfassen.
Vom Erkenntnisstandort zum Wertschöpfungsstandort
Seit langem steht hierzulande dem starken Output der medizinischen Grundlagenforschung kein gleichwertiger Output an Entwicklungsprojekten für neue Medikamente gegenüber.
»Deutschland hat kein Erkenntnisproblem, Deutschland hat ein Translationsproblem«, sagt Prof. Dr. Ulrike Köhl, die stellvertretende Vorsitzende des Fraunhofer-Verbunds Gesundheit. »Es investiert viel in kluge Köpfe und exzellente Forschung. Aber dann würgen Bürokratie, Finanzierungslücken und Kleinstaaterei den Wertschöpfungsmotor ab. Durchgestartet wird in anderen Ländern. Daher brauchen wir eine Transformation vom Erkenntnisstandort zum Wertschöpfungsstandort, um internationale Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität zu erhalten und rückzugewinnen. Das bedeutet mehr Tempo bei Antragsverfahren, gezielte Förderung von Entwicklungen in fortgeschrittenen Entwicklungsstadien und strategische Fokussierung auf Schlüsseltechnologien.«
Ein besonderes Finanzierungsproblem gibt es für Start-ups und Forschungsinstitute, die aufbauend auf deutscher Grundlagenforschung neue Medikamente entwickeln, um sie dann noch vor der Zulassungsreife an größere Pharmaunternehmen auszulizenzieren. Noch immer fließt ihnen – gerade für die besonders kostspieligen klinischen Entwicklungsphasen – zu wenig Wagniskapital zu.
»Wo aber die Finanzierung abreißt, wandern die Projekte und mit ihnen die IP- Rechte und Kompetenzen ins Ausland ab; dahin, wo wirklich investiert wird«, so Dr. Matthias Meergans, Geschäftsführer Forschungspolitik des vfa. »Erkenntnisgewinn, der nicht im eigenen Land in Produkte überführt wird, ist also Wirtschaftsförderung für andere Länder. Wir brauchen daher eine ressort- und sektorenübergreifend abgestimmte, kohärente Gesamtstrategie, wie wir Forschung und Entwicklung entlang der pharmazeutischen Wertschöpfungskette in Deutschland stärken.«
Eine Gelegenheit, es besser zu machen, besteht bei der laufenden Ausarbeitung der Roadmap für die Hightech-Agenda des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), die erklärtermaßen auch in der Biotechnologie für Investitionen und Arbeitsplätze sorgen soll. Laut Fraunhofer Gesundheit und vfa sollten dafür folgende Erfolgsfaktoren in die Roadmap aufgenommen werden:
- fokussierte Förderung statt Flächenförderung
- bundeseinheitliche Standards
- Deregulierung bei Genehmigungs- und Zugangsverfahren
- Behörden als One-Stop-Shop für Beratung und Genehmigungen
- Kapazitätsinitiative für die klinische Forschung
- Förderung auch von Scale-up und Produktionsinvestitionen
- Output, nicht Fördervolumen, als Erfolgskriterium
»Wird dies ernsthaft umgesetzt«, so Meergans abschließend, »kann die Hightech- Agenda wirklich zur guten Investition werden: für Deutschlands Wirtschaftskraft ebenso wie für zahlreiche Patientinnen und Patienten mit heute noch kaum behandelbaren Krankheiten.«
Aktuelle PROUD-Ergebnisse
Als Zusammenstellung von Indikatoren zur mittel- und längerfristigen Verlaufsmessung der Qualität und Leistungsfähigkeit des F&E-Standorts Deutschland bietet PROUD Updates zu 28 Indikatoren. Dazu kommen die Einschätzungen von Expert:innen und Entscheidungsträger:innen zum Standort.
Die wichtigsten Ergebnisse:
- Stagnation statt Aufholjagd: Je 9 Indikatoren haben sich gegenüber 10/2025 verbessert bzw. verschlechtert. Die Expertensicht auf die Gesamtattraktivität sinkt das zweite Jahr in Folge (von 6,03 über 5,80 auf 5,65 auf einer Skala von 0 bis 10).
- Die Translationslücke weitet sich: Zwar stieg der vorklinische Forschungsoutput leicht (Publikationen +3 Prozent, Patente +0,6 Prozent), aber die klinische Umsetzung durch Industrie-veranlasste Studien ließ nach (Phase I-Studien −10 Prozent, Gen- und Zelltherapie-Studien −39 Prozent). Deutschlands Anteil an der weltweiten Patient:innen-Rekrutierung für klinische Studien stagniert bei rund 3,0 Prozent.
- Mehrere strukturelle Standortfaktoren erodieren: Die Eigenkapitalinvestitionen in der Life-Science-Branche sanken um −15 Prozent. Die Attraktivität Deutschlands für Talente sank um −4 Punkte auf 66. Für die Qualifikation der Fachkräfte wird ein Rückgang von 7,90 auf 7,29 erwartet (auf einer Skala von 0 bis 10).