23.02.2022 - Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE)

Chemiegewerkschaft will Tarifplus «oberhalb der Teuerungsrate»

Wie viel ist genug - und ab wann könnte es zu viel sein? Wegen der Teuerung sind Tarifverhandlungen in diesem Jahr keine einfache Sache

(dpa) Die Gewerkschaft IG BCE geht mit der allgemeinen Forderung von Lohnsteigerungen über der erhöhten Inflationsrate in die Tarifverhandlungen für die rund 580.000 Beschäftigten der Chemie- und Pharmabranche. Eine konkrete Zahl nannte sie laut dem Beschluss ihrer Bundestarifkommission am Dienstag nicht. Es sei allerdings unabhängig davon «außer Frage, dass am Ende bei Entgelten und Ausbildungsvergütungen ein Plus oberhalb der Teuerungsrate stehen muss». Die Kaufkraft der Beschäftigten solle gestärkt, mögliche Reallohn-Einbußen müssten vermieden werden.

IG-BCE-Vizechef Ralf Sikorski begründete den Verzicht auf einen vorab festgelegten prozentualen Wert mit der dynamischen Entwicklung. «Das Preisniveau ist im Moment recht schwankend», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Szenarien für die kommenden Monate wichen voneinander ab. Es gehe daher darum, grundsätzlich die «Zielorientierung» klarzumachen, dass ein angemessenes Entgelt-Plus herauskommen müsse. «Das haben wir drei Monate lang so in den Betrieben diskutiert.»

Die Zuschläge für Nachtschichten sollen nach Vorstellung der IG BCE auf 25 Prozent steigen. Auch die Bedingungen mobiler Arbeit würden ein zentrales Thema in der Tarifrunde, hieß es in Hannover. Außerdem soll es um den Fachkräftemangel und um bessere Angebote für Lehrlinge gehen. Die Gespräche laufen am 2. März zunächst regional in Hessen an. Der bundesweite Auftakt ist am 21. März in Hannover geplant.

Steigende Kosten für Energie und Rohstoffe belasten derzeit auch die Chemie und Pharmazie. Während viele Betriebe das auf ihre Kunden überwälzen könnten, seien die Belegschaften dieser Teuerungswelle «ungeschützt ausgeliefert», argumentierte die Gewerkschaft. Sie griff erneut eine Formulierung von IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis auf, wonach man ein «Bollwerk gegen die Inflation» errichten wolle.

2021 waren die Verbraucherpreise in der Bundesrepublik im Schnitt um 3,1 Prozent geklettert. 2022 hält die Bundesbank über 4 Prozent für möglich. Die Arbeitgeber zeigten sich zurückhaltend. «Eine auf die gegenwärtig verzerrte Inflation bezogene Reallohnsteigerung, plus Erhöhung der Nachtschichtzuschläge, ist zusammen mit den weiteren Forderungen ein zu teures Überraschungspaket, das wir zurückweisen müssen», sagte Hessen-Chemie-Hauptgeschäftsführer Dirk Meyer jüngst .

Hans Oberschulte, Verhandlungsführer beim Arbeitgeberverband BAVC, bezeichnete die Forderung als Fass ohne Boden. «Je höher die Inflation, desto tiefer sollen die Unternehmen in die Tasche greifen. Das würde bedeuten, die Tarifpolitik von der wirtschaftlichen Entwicklung unserer Branche abzukoppeln». Wenn die IG BCE diesen Kurs fortsetze, stehe eine harte Tarifrunde bevor.

Sikorski hält dagegen. Das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale - also eines Hochschaukelns im Fall eines hohen Tarifabschlusses - sieht er nicht. Der Personalkosten-Anteil in der Branche sei relativ gering. «Und der Chemie geht es insgesamt gut.»

Die bestehenden Tarifverträge laufen Ende März aus. In der vergangenen Runde hatte sich die Gewerkschaft mit dem Bundesarbeitgeberverband BAVC auf eine sehr lange Laufzeit bei moderaten Lohn- und Gehaltszuwächsen geeinigt, aber zugleich eine arbeitgeberfinanzierte Pflegezusatzversicherung durchgesetzt. Für den kommenden Vertrag peilt die IG BCE eine Dauer von zwölf Monaten an.

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