26.02.2020 - Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf e. V.

Nanopartikel gezielt zum Tumor lenken

Forscher spüren Krebszellen mit maßgeschneiderten Materialien auf

Moderne Behandlungsmethoden in der Onkologie zielen darauf ab, Tumorzellen gezielt anzugreifen und dabei das gesunde Gewebe zu schonen. Ein interdisziplinäres Forscherteam vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) und der FU Berlin kann auf diesem Gebiet wichtige Fortschritte vorweisen: Die Wissenschaftler haben winzige Nanopartikel hergestellt, die regelrecht auf bestimmte Krebszellen abgerichtet sind. Sie können die Tumorzellen aktiv ansteuern und in bildgebenden Verfahren sichtbar machen. Sowohl in der Petrischale als auch im Tiermodell ließen sich die Nanoteilchen effektiv zum Tumor lenken. Perspektivisch lässt sich das neue Verfahren mit therapeutischen Ansätzen koppeln.

Ausgangspunkt für die HZDR-Forscher sind winzige bioverträgliche Nanopartikel aus sogenannten dendritischen Polyglycerolen, die als Trägermoleküle dienen. „Diese Partikel können wir modifizieren und verschiedene Funktionen einführen“, erläutert Dr. Kristof Zarschler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am HZDR-Institut für Radiopharmazeutische Krebsforschung. „Wir bringen beispielweise auf dem Partikel ein Antikörperfragment an, das spezifisch an die Oberfläche von Krebszellen bindet. Dieses Antikörperfragment ist unsere zielsuchende Einheit, denn es leitet die Nanopartikel zu den Krebszellen.“

Im Fadenkreuz der modifizierten Nanopartikel befindet sich ein Antigen, das als EGFR (Epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor) bekannt ist. Dieses Protein wird bei bestimmten Krebsarten wie etwa Brustkrebs oder Kopf-Hals-Tumoren im Übermaß produziert – die Zellen präsentieren es zuhauf auf ihrer Oberfläche. „Wir konnten nachweisen, dass unsere Nanopartikel durch das verwendete Antikörperfragment bevorzugt mit diesen Krebszellen interagieren“, bestätigt Dr. Holger Stephan, Gruppenleiter „Nanoskalige Systeme“ am HZDR. „In Kontrollversuchen mit gleichartigen Nanopartikeln, die jedoch mit einem unspezifischen Antikörper beladen waren, reicherten sich deutlich weniger Nanopartikel an den Tumorzellen an.“

Intensiv untersuchten die Wissenschaftler das Verhalten der Nanopartikel sowohl in Zellkulturen als auch im Tiermodell. Dazu verliehen sie den Nanopartikeln zusätzlich Reporter-Eigenschaften, wie Kristof Zarschler erläutert: „Wir haben dabei zwei sich ergänzende Möglichkeiten genutzt. Auf den Nanopartikeln haben wir neben dem Antikörper ein Farbstoff-Molekül sowie ein Radionuklid angebracht. Das Farbstoff-Molekül fluoresziert im Nah-Infrarot, sodass das emittierte Licht sogar durchs Gewebe dringt und unter einem entsprechenden Mikroskop sichtbar wird. Damit verrät uns der Farbstoff, wo die Nanopartikel genau sind.“ Das Radionuklid, Kupfer-64, hat einen ähnlichen Zweck. Es sendet Strahlung aus, die Detektoren eines PET-Geräts (Positronen-Emissions-Tomographie) registrieren. Aus den Signalen lässt sich anschließend ein dreidimensionales Bild erstellen, das die Verteilung der Nanopartikel im Organismus sichtbar macht.

Vorteilhafte Eigenschaften im lebenden Organismus

Mit diesen bildgebenden Verfahren konnten die Forscher beispielsweise zeigen, dass bei Mäusen zwei Tage nach Gabe der Nanopartikel eine maximale Anreicherung im Tumorgewebe erreicht wird. Anschließend werden die markierten Nanoteilchen über die Niere wieder ausgeschieden, ohne den Körper zu belasten. „Sie haben offenbar optimale Größe und Eigenschaften“, sagt Holger Stephan. „Kleinere Teilchen sind schon nach wenigen Stunden aus dem Blutkreislauf gefiltert und können daher nur kurze Zeit wirken. Wenn die Partikel hingegen zu groß sind, werden sie in Milz, Leber oder Lunge angereichert und nicht mehr über Niere und Blase aus dem Körper entfernt.“ Im Zusammenspiel der Nanopartikel – die exakt drei Nanometer groß sind – und angehefteten Antikörperfragmenten lassen sich offenbar die Verteilung und Verweildauer des Antikörpers im Organismus sowie dessen Ausscheidungsweg positiv beeinflussen.

In künftigen Experimenten wollen die HZDR-Forscher testen, ob sich ihr Trägersystem mit anderen Komponenten ausstatten lässt. Kristof Zarschler beschreibt die Pläne: „Man kann diese Nanopartikel beispielsweise mit einem Wirkstoff beladen. Das würde uns erlauben, ein Arzneimittel ganz gezielt zum Tumor zu bringen. Dabei könnte es sich beispielsweise um ein therapeutisches Radionuklid handeln, das die Tumorzellen zerstört.“ Denkbar ist auch, die Nanopartikel mit anderen zielsuchenden Antikörperfragmenten auszustatten, um weitere Tumorarten ins Fadenkreuz zu nehmen.

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