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Blauzungenkrankheit



  Die Blauzungenkrankheit (Syn. Bluetongue, Maulkrankheit, Catarrhal fever of sheep) ist eine virale Infektionskrankheit von Wiederkäuern wie z. B. Schafen, Rindern und Ziegen. Ihr Name leitet sich von der blauen Farbe (Zyanose) der Zunge, einem der Leitsymptome bei Krankheitsausbruch, ab. Die Erkrankung ist eine anzeigepflichtige Tierseuche. Für den Menschen besteht keine Ansteckungsgefahr, weshalb Fleisch- und Milchprodukte ohne Bedenken verzehrt werden können.

Inhaltsverzeichnis

Krankheitserreger

Der krankheitsauslösende Erreger ist das Blauzungenvirus (engl. Bluetongue virus, kurz BTV), ein Orbivirus aus der Familie der Reoviridae. Es gehört somit zu den unbehüllten doppelsträngigen RNA-Viren. Von diesem Virus sind bislang mindestens 24 verschiedene Serotypen bekannt, die jeweils eine unterschiedliche Virulenz aufweisen.[1] Bei dem in den Jahren 2006 und 2007 im mittleren und nördlichen Teil der EU nachgewiesenen Erreger handelt es sich um den Serotyp 8, kurz BTV-8.

Übertragung

Das Blauzungenvirus wird durch Mücken der Gattung Culicoides aus der Familie der Gnitzen übertragen. Von den mehr als 5000 Arten werden in Zentraleuropa etwa ein Dutzend als Vektoren, vor allem Insekten der Culicoides-obsoletus-Gruppe sowie Culicoides dewulfi [2] verantwortlich gemacht. Weiterhin sind die Arten C. actoni, C. brevitarsis, C. fulvus, C. imicola, C. insignis, C. nubeculosus und C. variipennis als Krankheitsüberträger nachgewiesen worden.

Die Gnitze nimmt das im Blut eines infizierten Tieres zirkulierende Virus während des Saugaktes auf. Nach einem Vermehrungszyklus im Insekt, bei dem das Virus auch in die Speicheldrüse gelangt, überträgt es dieses beim nächsten Saugen auf ein anderes Tier. Eine rein mechanische Übertragung ist auch durch andere blutsaugende Arthropoden (z. B. Stechmücken, Zecken oder Schaflausfliegen) möglich, allerdings ist über die Häufigkeit und Effizienz dieses Übertragungsweges bisher wenig bekannt. Weitere Möglichkeiten sind die Übertragung über das Sperma infizierter Bullen, welches während der Virämie das Virus enthält, sowie durch kontaminierte Spritzen im Rahmen tierärztlicher Tätigkeiten. Eine Übertragung durch Schmierinfektion unter Tieren sowie eine Übertragbarkeit auf den Menschen ist nicht bekannt.

Die Empfänglichkeit für diese Infektionskrankheit ist beim Schaf, besonders bei den Lämmern am größten, bei den verschiedenen Schafrassen jedoch ungleich verteilt. Ziegen und andere Haustiere erkranken weniger häufig und schwer. Als Erregerwirte bzw. Reservoirwirte gelten hauptsächlich Rinder, die daher selbst ebenfalls nur selten schwer erkranken, sowie Wildwiederkäuer (Antilopen, Hirsche) und afrikanische Wildnager.

Beim Einsetzen winterlicher Witterung sind keine Neuinfektionen zu erwarten, da die Gnitzen als Überträger dann nicht mehr aktiv sind.

Symptome und Krankheitsverlauf

Schaf

Nach einer Inkubationszeit von 2 bis 15 Tagen kommt es zu 6 bis 8 Tage anhaltendem Fieber und Hyperämie der Kopfschleimhäute. Weiterhin treten Ödeme an Lippen, Augenlidern und Ohren sowie blaurote Färbung (Zyanose) im Maulbereich und vor allem an der Zunge auf. In der Folge entwickeln sich in diesen Bereichen Schleimhauterosionen und -geschwüre. Häufig kommt es auch zu schaumigem Speichelfluss, Nasenausfluss (eventuell eitrig) sowie Atembeschwerden. Entzündungen am Klauensaum sowie in den Skelettmuskeln führen zu Lahmheiten. Bei tragenden Tieren kommt es mitunter zu Aborten oder zur Geburt missgebildeter Lämmer.

Rind

Nach einer Inkubationszeit von fünf bis zwölf Tagen kommt es je nach Virustyp zu unterschiedlich stark verlaufenden Erkrankungen. Die häufigeren leichten Formen gehen mit vorübergehendem Fieber, vermindertem Appetit, vermehrtem Speicheln und evtl. einem klammen Gang einher. Betroffene Tiere erholen sich relativ schnell, aber auch ohne sichtbare Erkrankungszeichen kann es zu Aborten, Fruchtbarkeitsstörungen, fetalen Missbildungen sowie erhöhter Kälbersterblichkeit kommen. Die selteneren schweren Erkrankungen sind anfangs gekennzeichnet durch hohes Fieber, Apathie, Tachypnoe, vermehrtes Speicheln sowie Hyperämie der Kopfschleimhäute. An der Maulschleimhaut, den Lippen und vor allem der Zunge kommt es zunächst zu Zyanose und Schwellungen später dann zu Erosionen und Ulzerationen. Es treten entzündliche Veränderungen an Kronsaum und Zitzen, vor allem in unpigmentierten Bereichen auf. Entzündungen in Muskeln und an den Klauen führen zu Bewegungsunlust und Lahmheiten.

Diagnose und Differentialdiagnosen

Zur Absicherung der Verdachtsdiagnose ist der serologische Nachweis von BTV-Antikörpern mit einem kompetitiven ELISA möglich. Weiterhin kann eine virologische Untersuchung über die Virusanzucht und den Virusnachweis durch einen Immunfluoreszenztest erfolgen. Der Genomnachweis wird mittels RT-PCR durchgeführt. Als Probenmaterial werden Blut oder Plasma, sowie vom toten Tier Milz, Lymphknoten oder Herzblut verwendet.

Je nach Tierart kommen differentialdiagnostisch u. a. Maul- und Klauenseuche, Stomatitis vesicularis, BVD/MD, Bösartiges Katarrhalfieber, Lippengrind, Moderhinke, Pockenseuche der Schafe und Ziegen und akute Haemonchose infrage.

Therapie und Vorbeugung

Bei einem milden Krankheitsverlauf ist besonders bei Rindern auch eine selbstständige Heilung möglich. Neben Maßnahmen zur Linderung lokaler Krankheitserscheinungen wird empfohlen, erkrankte Tiere nicht der Sonnenstrahlung, die die Symptome verschlimmern kann, auszusetzen.[3]

Zur Krankheitsvorbeugung gehören planmäßige Insektenbekämpfung, Stallhaltung gefährdeter Tierbestände während der Nacht sowie aktive Immunisierung in verseuchten oder seuchenverdächtigen Ländern. In Deutschland ist eine Impfung gegen die Blauzungenkrankeit verboten. Weiterhin ist derzeit kein zugelassener Impfstoff zum Schutz vor dem in Mitteleuropa vorhandenen BTV-8 vorhanden. Um den Befall mit Gnitzen zu verringern, können Pyrethroide wie Deltamethrin oder Cyfluthrin eingesetzt werden.[4]

Durch Transportrestriktionen, z. B. virologische und serologische Tests bei Transport von Tieren aus der 150-km-Zone (Beobachtungsgebiet)in das „freie“ Gebiet, soll die Ausbreitung der Krankheit verlangsamt werden.

Vorkommen und Ausbreitung

Die Krankheit wurde erstmalig in Südafrika festgestellt und von dort mit Merinoschafen in andere Teile Afrikas verschleppt. Weiterhin ist sie aus Afrika über die Mittelmeer-Inseln auch nach Südeuropa vorgedrungen. Blauzungenkrankheit ist auch im Nahen Osten, auf dem Indischen Subkontinent, in China, den USA und Mexiko, wo die Mücken als Überträger ganzjährig aktiv sind, klinisch präsent. Virusstämme ohne typisches Krankheitsbild sind in Südostasien, im nördlichen Südamerika, in Nordaustralien und in Papua Neuguinea nachgewiesen worden.

Im August 2006 ist die Krankheit erstmals auch bei Schafen in der niederländischen Provinz Limburg, in der belgischen Provinz Lüttich sowie in acht Rinderbeständen und einer Schafherde im grenznahen Raum Aachen in Nordrhein-Westfalen aufgetreten. Anschließend wurden im Jahr 2006 bundesweit insgesamt 885 Fälle, im Jahr 2007 bereits mehr als 19.000 Fälle amtlich nachgewiesen, wobei Nordrhein-Westfalen am stärksten betroffen ist. Aktuelle Zahlen zum Auftreten der Blauzungenkrankheit in Deutschland liefert das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV, siehe Weblinks).

Die europäischen Staaten Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Schweiz, Tschechien und Vereinigtes Königreich sind von dem Virustyp BTV-8 betroffen.[5]

Durch Winde können infizierte Mücken bis zu 200 Kilometer weit versetzt werden und anschließend am neuen Ort den Erreger weiterverbreiten. Durch Tierbewegungen, über das Sperma und den Handel infizierter Tiere einerseits, die Verschleppung von Insekten durch Flugzeuge und starke Winde andererseits kann der Erreger jederzeit in weitere freie Regionen eingeschleppt werden. Dort ist ihm ein Überleben jedoch nur möglich, wenn geeignete Vektoren und eine empfängliche Wirtspopulation vorhanden sind.

Bei dem in dem im Mitteleuropa gefundenen BTV-8 handelt es sich nicht um den gleichen, der in Südeuropa vorhanden ist. Wissenschaftler schließen daher klimatische Gründe als Grund für die Ausbreitung nach Nordeuropa aus. Der Serotyp 8 kommt nach bisherigem Kenntnisstand ausschließlich südlich der Sahara und in der Karibik, eventuell auch in Indien oder Pakistan vor. Wie das Virus in die Niederlande gelangt ist, ist allerdings weiter unklar.[6]

Literatur

  • Franz J. Conraths et al.: Blauzungenkrankheit in Deutschland: Klinik, Diagnostik und Epidemiologie. In: Der praktische Tierarzt. 88 (Suppl. 2), 2007, S. 9–15.
  • Gerrit Dirksen: Blauzungenkrankheit. In: Gerrit Dirksen et al. (Hrsg.): Innere Medizin und Chirurgie des Rindes. 4. Auflage. Verlag Parey, Berlin 2002, ISBN 3-8263-3181-8, S. 366–368.
  • Dieter Ebner: Blauzungenkrankheit. In: Heinrich Behrens u. a.: Lehrbuch der Schafkrankheiten. 4. Auflage. Verlag Parey, Berlin 2001, ISBN 3-8263-3186-9, S. 159–162.

Einzelnachweise

  1. P. Roy: Molecular Dissection of Bluetongue Virus. In: T. C. Mettenleiter u. F. Sobrino (Hrsg.): Animal Viruses Molecular Biology. Caister Academic Press UK, Kapitel 7
  2. http://cordis.europa.eu/fetch?CALLER=DE_NEWS&ACTION=D&RCN=26556&DOC=3&CAT=NEWS&QUERY=1161972580663
  3. International Society for Infectious Diseases Promed Mailing List: BLUETONGUE – EUROPE (26): BTV-8, FRANCE, NETHERLANDS, 23. August 2007
  4. FLI: Blauzungenkrankheit – Empfehlungen zum Schutz von Wiederkäuern vor dem Befall mit Gnitzen. Sept. 2007 pdf
  5. ProMED-mail: Bluetongue - Europe (61): BTV-8, Czech Republic, OIE. ProMED-mail 2007; 29 Nov: 20071129.3856, [1].
  6. http://www.nrc.nl/wetenschap/article440950.ece


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Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Blauzungenkrankheit aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
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