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Anaphylaxie



Die Anaphylaxie (griechisch αναφυλαξία, allergische Reaktion) ist eine akute und pathologische (krankhafte) Reaktionsweise des Immunsystems von Mensch und Tier auf chemische Reize und betrifft den gesamten Organismus. Das Bild anaphylaktischer Reaktionen reicht von leichten Hautreaktionen, über Störungen von Organfunktionen, Kreislaufschock mit Organversagen bis zum tödlichen Kreislaufversagen, dem anaphylaktischen Schock.

Inhaltsverzeichnis

Pathogenese und -physiologie

Anaphylaxien sind Überreaktionen des erworbenen Immunsystems. Dabei kommt es zu überschießender Freisetzung von Mediatorsubstanzen (Histamin, Leukotriene usw.) durch Mastzellen und basophile Granulozyten, die durch die vermittelnde Wirkung spezieller Antikörper (Immunglobulin E) verursacht werden kann.

Sie setzen Sensibilisierung voraus. Dabei wird nach erstmaligem Antigenkontakt von Plasmazellen ein Antikörper vom IgE-Typ sezerniert (freigesetzt), der sich an basophile Granulozyten und Mastzellen mit dem Fc-Anteil anlagert. Der freie Fab-Anteil des IgE-Moleküls weist damit in den Extrazellularraum.

Grundlegend ist die Reaktion von Antigenen mit diesen zellständigen IgE-Antikörpern, entsprechend einer Typ-1-Reaktion nach Gell und Coombs. Das Antigen (Molare Masse 10.000 bis 70.000 Dalton) ist meistens bivalent, so dass es zur Brückenbildung zwischen IgE-Antikörper-Molekülen kommt.

Nach der Stimulation durch das Antigen setzen die basophilen Granulozyten und die Mastzellen Mediatoren (Histamin, Prostaglandine, Leukotriene, den Plättchen-aktivierenden Faktor PAF und andere) sowie Zytokine frei.

Die Mediatoren führen zum klinischen Bild der Anaphylaxie (s.u.).

Die Sezernierung der Zytokine führt wiederum zum Anlocken von neutrophilen Granulozyten und Thrombozyten, die ihrerseits weitere Mediatoren freisetzen, die Bedeutung im Entzündungsgeschehen haben. Diese Vorgänge sind Grundlage für klinische Erscheinungen, die sich 6 bis 12 Stunden nach Antigenpräsentation einstellen können.

Es wird die klassische anaphylaktische Reaktion, die ein IgE-vermitteltes allergisches Ereignis ist, von der IgE-unabhängigen anaphylaktoiden Reaktion unterschieden. Beide Ereignisse verlaufen unter dem gleichen klinischen Bild. Bei den anaphylaktoiden Reaktionen führen aber nicht der Kontakt zu IgE-Antikörpern, sondern chemische, physikalische und osmotische Stimuli zur Freisetzung der Mediator-Substanzen aus Mastzellen und basophilen Granulozyten.

Die Effekte der freigesetzten Mediatoren sind

  1. erhöhte Gefäßpermeabilität (Durchlässigkeit der Gefäßwände)
  2. Vasodilatation (Weitstellung von Gefäßen) und
  3. Bronchospasmus (Engstellung von Bronchien).

Klinik

Das Ausmaß der allergischen Reaktion kann stark interindividuell variieren. Eine anaphylaktische Reaktion verläuft in zwei Phasen ab:

  1. Initialphase und
  2. systemische Reaktion.

Initialphase

Innerhalb von Minuten bis Stunden:

  • Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle, Darmkoliken
  • Hauterscheinungen (lokal)
  • Bronchospasmen (allergisches Asthma)

Systemische Reaktion

Folgend entwickeln sich

  • generalisierte Hauterscheinungen (Juckreiz [Pruritus], Gesichtsrötung [Flush], generelle entzündliche Hautrötung [Erythem], Nesselsucht [Urtikaria])
  • Atemwegsverengung (Obstruktion) durch Ödeme im Rachen- (Pharynx-) und Schlundbereich (Larynx) sowie Bronchospasmus und Lungenödem
  • Magen-Darm-Symptome mit Koliken, Erbrechen, Durchfall (Diarrhoe)
  • Hämodynamische Veränderungen aufgrund von Flüssigkeitsverschiebungen und Gefäßerweiterung (Vasodilatation), die zum Schock führen können.

Anaphylaktischer Schock

Ein anaphylaktischer Schock ist eine lebensbedrohliche Anaphylaxie. Sie kann z. B. durch Insektengifte, Nahrungsmittel, Infusionen oder Medikamente ausgelöst werden. Durch die Weitstellung der Blutgefäße kommt es zu einem starken Blutdruckabfall, außerdem tritt Flüssigkeit aus den Gefäßen in das umliegende Gewebe aus. Aufgrund des Blutdruckabfalls kommt es zu einer verminderten Durchblutung lebenswichtiger Organe.

Je schneller die Symptome während der Injektion eines Medikamentes auftreten, desto lebensgefährlicher ist der Zustand. Im schlimmsten Fall treten schon 10 Sekunden nach Beginn der Injektion die ersten Symptome auf. Diese sind sehr unspezifisch – z. B. Übelkeit, Kreislaufbeschwerden, Brechreiz oder Erbrechen, trockener Mund, Zungenbrennen, Sehstörungen, akute Atemnot, Konzentrationsstörungen.

  Auch Hautreaktionen, Juckreiz, Quaddelbildung oder die Ausbildung eines Lidödems sind möglich, fehlen wegen der schnellen Entwicklung aber oft auch ganz.

Im weiteren Verlauf treten die typischen Symptome eines Schocks auf, d. h. der Puls wird flach und schnell und die Bewusstlosigkeit kann eintreten.

Systematik und Therapie

Anaphylaktische Reaktionen werden in 4 Schweregrade eingeteilt [1]:

Schweregrade, Symptomatik und Therapie
Schweregrad Symptome Therapie
0 lokal begrenzte Hautreaktion
1 leichte Allgemeinreaktion disseminierte Hautreaktion (Flush, Urtikaria), Schleimhautreaktionen, Allgemeinreaktion (Unruhe, Kopfschmerz) H1- und H2-Antagonisten, Prednisolon (50–125 mg iv.)
2 ausgeprägte Allgemeinreaktion Kreislaufdysregulation, Luftnot, Stuhl- und Urindrang H1- und H2-Antagonisten, Prednisolon (250–500 mg iv., bei pulmonaler Reaktion O2 und β2-Mimetika inhalieren, bei Kreislaufreaktion kristalloide (evtl. kolloide) Volumenmittel
3 bedrohliche Allgemeinreaktion Schock, Bronchospasmus, Dyspnoe, Bewusstseinseintrübung pulmonal: β2-Mimetika/Adrenalin inhalieren, 1000 mg Prednisolon, Theophyllin (5 mg/kg KG; bei Schock wegen blutdrucksenkender Wirkung nicht empfohlen), für Kreislauf Volumen (>2000 ml kristalloides oder >1 l kolloides Volumenersatzmittel [HAES]), Adrenalin iv., Dopamin
4 vitales Organversagen Atem-, Kreislaufstillstand Regeln der Reanimation

Schocktherapie

Bei den ersten Anzeichen eines Schocks (Schweißausbruch, Übelkeit, Zyanose) wird die Injektion unterbrochen, bzw. die Allergenexposition beendet, falls möglich. Der Patient wird durch Anheben der Beine in Schocklage gebracht, falls verfügbar, wird Sauerstoff über eine Maske gegeben. Bewusstlose werden in die stabile Seitenlage gebracht, bei einem Kreislaufstillstand wird mit der Reanimation begonnen.

 

Wird der anaphylaktische Schock außerhalb einer medizinischen Überwachung (z. B. durch einen Wespenstich oder Lebensmittel-Allergie) ausgelöst, so können Adrenalin enthaltende Autoinjektoren genutzt werden, um die akuten Symptome zu mindern.

Von Notarzt wird ein venöser Zugang geschaffen und mit der Volumentherapie mit Plasmaexpandern (HAES) und kristallinen Vollelektrolytlösungen (Ringer-Lösung, Kochsalzlösung) begonnen. Im Falle von Bewusstlosigkeit und/oder Atemstörungen muss die Intubation und künstliche Beatmung in Betracht gezogen werden. Die medikamentöse Therapie besteht aus

  • Adrenalin i.m.: Autoadrenalininjektor z. B. FASTJEKT oder ANAPEN, bzw. ANAPEN junior oder i.v.: verdünntes Adrenalin (1 : 10.000) verengt die Gefäße und erleichtert die Atmung. Die Gabe erfolgt unter Puls- und Blutdruckkontrolle und kann wiederholt werden.
  • Glucocorticoide i.v.: z. B. 250–1000 mg Prednisolon (oder äquivalente Menge eines Derivats).
  • Antihistaminika i.v.: kombinierte Gabe von H1- (z. B. Clemastin oder Dimentiden) und H2-Rezeptor-Antagonisten (z. B. Cimetidin oder Ranitidin)


Bitte beachten Sie den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

  1. U. Müller-Werdan, K. Werdan: Anaphylaktischer Schock; in Eckart, Forst, Burchardi: Intensivmedizin, 2004, ecomed; ISBN 3-609-20177-0
 
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Anaphylaxie aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
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