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Mutterkorn



Mutterkorn
 
Systematik
Klasse: Echte Schlauchpilze (Ascomycetes)
Unterklasse: Sordariomycetidae
Ordnung: Hypocreales
Familie: Clavicipitaceae
Gattung: Claviceps
Art: Mutterkorn
Wissenschaftlicher Name
Claviceps purpurea
(Fr.) Tul.
Varietäten
  • C. purpurea var. agropyri Tanda
  • C. purpurea var. purpurea
  • C. purpurea var. spartinae R.A.Duncan & J.F.White
  • C. purpurea var. wilsonii (Cooke) W.G.Sm.

  Das Mutterkorn, auch Purpurroter Hahnenpilz, Ergot, Krähenkorn, Hahnensporn, Hungerkorn, Tollkorn oder Roter Keulenkopf, ist das Sklerotium (also eine längliche, einem Korn ähnliche Dauerform) des Mutterkorn-Pilzes (Claviceps purpurea), der auf den Ähren von Roggen und einigen anderen Getreidegattungen wie Triticale, Weizen, seltener auf Gerste oder Hafer und anderen Gräsern wächst. Es wird auch nach den Wirtspflanzen als „Secale cornutum“ bezeichnet, was allerdings keine biologische Nomenklatur ist, zumal Mutterkorn nicht in die Gattung Secale eingeordnet wird, sondern als Pilz sogar in ein anderes Reich fällt. Namen wie Hunger- oder Tollkorn lassen ahnen, dass vor allem in Notzeiten Erkrankungen an den Giften des Mutterkorns grassierten und den Menschen Schmerzen und Krämpfe bereiteten.

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Inhaltsverzeichnis

Zusammensetzung

Mutterkorn enthält Kohlenhydrate, Öle, Mineralstoffe, Aminosäuren, Farbstoffe und Alkaloide. Die toxische Wirkung des Mutterkorns beruht auf seinem Alkaloidgehalt (zwischen 0,02 und 1 %). Die Mutterkornalkaloide gehören zu den Indolalkaloiden. Ihr Grundbaustein ist das Ergolin, daraus leiten sich zwei Hauptgruppen ab: Clavinalkaloide und Lysergsäurederivate. Bisher sind über 30 Mutterkornalkaloide bekannt.

Fortpflanzung

Wie die reifen Getreidekörner fallen die Mutterkörner auf den Boden, wo sie eine Winterruhe durchmachen. Erst im Frühjahr wird sichtbar, dass es sich bei ihnen keinesfalls um rein pflanzliche Gebilde, sondern um von Pilzen befallene Körner handelt. Aus einem Mutterkorn wachsen dann mehrere gestielte Köpfchen. Jedes enthält zahlreiche Fruchtkörper mit schlauchförmigen Zellen, sogenannten Asci (Sing. Ascus) im Inneren. Der Wind verfrachtet die aus ihnen freigesetzten Ascosporen auf die Narben von Grasblüten. Dort dringen die Keimhyphen in die Fruchtknoten ein. Das sich entwickelnde Myzel löst das Gewebe auf und verhindert so die Samenentwicklung des Korns.

Wirkungen

Der Mutterkornpilz produziert giftige Alkaloide (Mutterkornalkaloide, zum Beispiel Ergotamin), die zu der Krankheit Ergotismus (Antoniusfeuer, Mutterkornbrand) führen können, mit Symptomen wie Darmkrämpfen, Absterben von Fingern und Zehen aufgrund von Durchblutungsstörungen und Halluzinationen. 5 bis 10 Gramm frisches Mutterkorn können für einen Erwachsenen tödlich sein. Der Name weist auf die Beziehung zur Gebärmutter (Mutterkorn) hin, denn die Inhaltsstoffe (insbesondere Ergometrin) regen die Wehen an. Aus diesem Grund wurde der Pilz auch für Abtreibungen verwendet und sogar gezielt im großen Stil angebaut. Die Alkaloide können aber auch medizinisch eingesetzt werden, beispielsweise zum Blutstillen nach der Geburt, gegen orthostatische Hypotonie (niedriger Blutdruck und Schwindel nach dem Aufstehen) oder Migräne. Aus dem Pilz kann Lysergsäure gewonnen werden, aus der die Droge LSD hergestellt werden kann. Nach Hofmann und Wasson (1978 The Road to Eleusis) war es allerdings schon 2000 Jahre vor Christus bekannt, dass nur die natürlich vorhandenen psychoaktiven Lysergsäurealkaloide wasserlöslich waren, und damit wurden berauschende Getränke gebraut, die die unerwünschten Effekte der anderen Alkaloide umgehen.

Die Wirkungsweisen der Mutterkorn-Alkaloide im Stoffwechsel von Mensch und Tier sind hochkomplex. Im Folgenden werden Werte genannt, die nach dem Stand der Wissenschaft gelten (bei Getreide in Gewichts-%, bei Lebensmitteln in µg Gesamtalkaloide/kg). Es werden verschiedene Sicherheitsniveaus genannt:

  • No-toxic-effect-level: Für den Menschen werden nach einer Risikoabschätzung von Toxikologen bis zu 0,1 mg/kg Körpergewicht als zuträgliche tägliche Maximaldosis genannt. Das entspricht 0,5 bis 1,5% (bei 25 bis 75 kg Körpergewicht) beziehungsweise 10 000 bis 30 000 µg Gesamtalkaloid/kg.
  • No-problem-level: 0,1% beziehungsweise 2 000 µg/kg. Dieser Wert wird in der wissenschaftlichen Literatur weitgehend übereinstimmend angegeben und ist so auch als Grenzwert in der Futtermittel-Verordnung festgelegt.
  • No-intervention-level (Orientierungs- beziehungsweise Eingriffswert, aber nicht: Höchstwert): In der EU-Verordnung für den Ankauf von Interventionsgetreide wird als Qualitätskriterium ein Wert von maximal 0,05% beziehungsweise 1 000 µg/kg genannt.

(Quelle: GMF, Bonn)

 

Vorbeugung/Beseitigung

In der Landwirtschaft kann einem Mutterkornbefall vorgebeugt werden durch:

  • Beimischung von Populationsroggen zu Hybrid-Roggen (5 bis 10 %)
  • Anbau von Sorten mit einer besonders hohen Pollenausschüttung

Mutterkornbefall tritt vor allem dann auf, wenn zur Blütezeit feuchte Witterung herrscht und daher die Pollen zur Befruchtung des Getreides dieses schlecht erreichen können.

Da der Verzehr von ungereinigtem, rohem Getreide die größten Risiken birgt, wird dringend empfohlen, nur gereinigtes Getreide zu verzehren. Durch die Reinigung werden die Sklerotien (Dauerorgane des Pilzes = Mutterkörner) aus dem Erntegut entfernt. Übrig bleiben nur die Roggenkörner, die problemlos weiter verarbeitet werden können (Brot, Futtergetreide).

Mutterkorn kann in der Mühle nach Form, Größe und spezifischem Gewicht z. B. durch Siebe, Aspiration, Trieure und Tischausleser entfernt werden. Neuerdings ist die Entfernung durch Farbausleser möglich. Letztere ist die zuverlässigste Methode, besonders wenn das Mutterkorn gleich groß ist wie die Getreidekörner. Sie ist jedoch mit hohen Investitionen für die Farbauslesegeräte verbunden. Daher besitzen in der Regel nur große Mühlen eine solche Ausstattung. Zusammen mit dem Mutterkorn wird im Reinigungsabgang inbegriffen auch gutes Korn ausgeschieden, bei modernen Farbsortierern befindet sich im Abgang etwa gleich viel Mutterkorn wie gutes Getreide, bei Tischauslesern etwas mehr gutes Korn als Mutterkorn.

Geschichte

Mittelalter und frühe Neuzeit

  Hauptsächlich im Mittelalter führte mit Mutterkorn verseuchtes Getreide immer wieder zu massenhaften Vergiftungen ganzer Dörfer und Städte. Dies ist seit dem 9. Jahrhundert urkundlich nachgewiesen. Sie wurde damals als Antoniusfeuer oder auch als Kribbelkrankheit bezeichnet. Dass dieses Krankheitsbild den Hexen zugeschrieben worden und wiederum Hexenverfolgungen ausgelöst haben soll, ist historisch unbewiesen. Einen möglichen Zusammenhang zwischen Mutterkornverseuchung und Hexenhysterie glauben die amerikanische Historikerinnen Linda Caporael und Mary Kilbourne Matossian nachweisen zu können. Linda Caporael untersuchte die biohistorischen Hintergründe der berühmten Hexenprozesse von Salem (1692) und kam zu dem Ergebnis, dass die Hysterie der Mädchen, die jene Hexenverfolgung ausgelöst hatten, durch eine massive Ergotaminvergiftung hervorgerufen worden war. Prof. Matossian (Yale University) griff diese These auf und versuchte in einer breit angelegten Untersuchung über Massenhysterien in der frühen Neuzeit (etwa auch im Vorfeld der Französischen Revolution) den Beweis zu erbringen, dass vor allem die ländlichen Unterschichten an Halluzinationen litten, die durch Mutterkorn im Essen, in der Scheune und selbst im Stroh, auf dem sie schliefen, hervorgerufen waren. In Alpträumen wurden unterbewusste Ängste aktiviert, und die Menschen sahen sich real bedroht von all den Wesen, vor denen sie sich traditionell fürchteten, u. a. Hexen, Werwölfe und Teufel, aber auch Räuberbanden etc. Die Theorien von Caporael und Matossian sind von der Mehrheit der Fachhistoriker freilich als abwegig abgetan worden. Es scheint, dass diese Abwehrreaktion voreilig war, denn neuere Forschungen über die Klimageschichte scheinen zu zeigen, dass gerade in bestimmten Phasen der neueren Geschichte, die durch den eruptiven Ausbruch von Massenhysterie gekennzeichnet waren, auch hervorragende klimatische Verhältnisse für die geradezu pandemische Ausbreitung von Mutterkorn herrschten wie etwa während der Kleinen Eiszeit in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts. Genau in diese Jahre fällt der erste flächendeckende Ausbruch von Hexenhysterie. Im Gegensatz zu anderen medizinhistorischen Theorien, die für sich in Anspruch nehmen, ein Phänomen wie etwa den Vampirglauben voll und ganz erklären zu können, ist die Mutterkorntheorie dazu gedacht, die Entstehungsbedingungen einer Massenhysterie zu erklären, nicht aber die tieferen Ursachen etwa für die Hexenangst. Dadurch unterscheidet sie sich beispielsweise von radikaleren Theorien, wie sie etwa der italienische Literaturhistoriker Camporesi vorbringt. Seiner Ansicht nach befanden sich die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Unterschichten durch verdorbenes Brot in einem permanenten Rauschzustand.

  Pieter Brueghel der Ältere hat in seinem berühmten Bild »Der Kampf zwischen Karneval und Fasten« (Kunsthistorisches Museum Wien) an Ergotismus erkrankte Personen dargestellt. Auch im Isenheimer Altar, einem Gemälde von Matthias Grünewald ist im Ausschnitt: "Versuchung des Antonius" eine Person mit dem Krankheitsbild des »Heiligen Feuers« zu sehen (heutzutage im Museum in Colmar zu besichtigen).

Als Helfer bei der Krankheit Mutterkornbrand galt vor allem der heilige Antonius, der Namenspatron des mit der Pflege der am "Antoniusfeuer" Erkrankten befassten Antoniter-Ordens. M. Buchholz (2005, s. Literatur) erschließt aufgrund eines Berichts über Wunderheilungen aus der Prignitz und verschiedener ikonographischer Beziehungen zwischen Antonius und der heiligen Anna auch eine möglicherweise wiederzuentdeckende Rolle letzterer.

Auch im Mittelalter war die Ekstasen ermöglichende Wirkung von Mutterkorn-Gaben in geringer Dosierung bekannt wie auch die blutstillende und wehenfördernde Wirkung mithin jene als Abtreibungsmittel (vgl. Wirkungen).

Moderne

Erst 1853 erkannte der französische Mykologe Louis René Tulasne, dass der Pilz Claviceps purpurea die Ursache für die Vergiftungen ist. Der Chemiker Albert Hofmann stellte während seiner Forschungsarbeiten zum Mutterkorn erstmals 1938 LSD her, mit der Zielsetzung, ein Kreislaufstimulans zu entwickeln. Im 19. Jahrhundert gehörten Mutterkornvergiftungen größtenteils der Vergangenheit an, doch ab und zu gab es auch noch im 20. Jahrhundert Fälle, der letzte trat 1951 in Pont-Saint-Esprit (Frankreich) auf und forderte etwa 200 Opfer. In den Jahren 1926 und 1927 kam es in der Sowjetunion zu Massenvergiftungen – offiziell gab es über 11.000 Tote durch mutterkornhaltiges Brot. Seitdem stellt Mutterkorn in Europa keine Gefahr mehr für die Gesundheit der Menschen dar, wenn kein ungereinigtes Getreide verzehrt wird. Getreidemühlen entfernen heutzutage das Mutterkorn mit ihren Reinigungsanlagen effizient aus den Getreidepartien.

Da heute zunehmend ungemahlenes Getreide konsumiert wird, das direkt vom Landwirt kommt, kann es z. B. bei ungereinigtem Roggen aus Direktverkäufen zu Vergiftungen kommen. In Deutschland ist die letzte Vergiftung auf mutterkornhaltiges Müsli zurückzuführen gewesen [1].

Quellen

  1. Pfänder, H., K. Seiler und A. Ziegler (1985) Morgendliche Müsli-Mahlzeit als Ursache einer chronischen Vergiftung mit Secale-Alkaloiden. Deutsch. Ärztebl. 27:2013-2016.

Literatur

  • Marlies Buchholz: Anna selbdritt. Eine wirkungsmächtige Heilige. Königstein/Ts. 2005, S. 71-84. ISBN 3-7845-2113-4
  • Piero Camporesi: Bread of Dreams. Food and Fantasy in Early Modern Europe. Chicago Universiätsverlag, 1989; ISBN 0-226-09258-5
  • Linda Caporael: „Ergotism: Satan Loosed in Salem?“, Science 192 (1976), 21-26.
  • John Grant Fuller: The Day of St Anthony’s Fire, New York 1968. deutsch: Apokalypse 51, Bergisch Gladbach 1969
  • Kay Peter Jankrift: Krankheit und Heilkunst im Mittelalter. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2003. ISBN 3-534-07659-1
  • Kay Peter Jankrift: Mit Gott und schwarzer Magie. Medizin im Mittelalter. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 2005, ISBN 3-8062-1950-8
  • Mary Allerton Kilbourne Matossian: Poisons of the Past: Molds, Epidemics & History. Yale Universität, 1989. ISBN 0-300-03949-2
  • Erich Mühle und Klaus Breuel: Das Mutterkorn – ein Gräserparasit als Gift- und Heilpflanze. A. Ziemsen, Wittenberg Lutherstadt, 1977, 2003; ISBN 3-89432-576-3
  • Homayun Sidky: Witchcraft, Lycanthropy, Drugs, and Disease: an Anthropological Study of the European Witch-Hunts. Peter Lang, New York, 1987, 2004. ISBN 0-8204-3354-3
 
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