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Tierversuch



Tierversuche sind Experimente, in denen Tiere eingesetzt werden. Ziele von Tierversuchen sind der Erkenntnisgewinn in der Grundlagenforschung und die Entwicklung und Erprobung neuer Therapiemöglichkeiten in der Medizin. Es wird geschätzt, dass weltweit jedes Jahr mindestens 100 Millionen Wirbeltiere, von Mäusen bis zu Primaten, für Tierversuche verwendet werden. Viele davon sterben während der Experimente oder werden anschließend getötet. Die Forschung mit Tieren wird in Universitäten und Forschungseinrichtungen, Pharmaunternehmen und Dienstleistungsunternehmen durchgeführt. Die meisten Tiere werden extra für Forschungszwecke gezüchtet, nur sehr wenige werden dafür aus der freien Wildbahn gefangen. Laut § 7 des deutschen Tierschutzgesetzes sind Tierversuche Eingriffe oder Behandlungen zu Versuchszwecken, die mit Schmerzen, Leiden oder Schäden für diese Tiere einhergehen können. Auch die Veränderung des Erbguts von Tieren fällt unter den Begriff Tierversuch, wenn diese mit Schmerzen, Leiden oder Schäden für die erbgutveränderten Tiere oder deren Trägertiere verbunden sein können. [1]

Weiteres empfehlenswertes Fachwissen

Inhaltsverzeichnis

Bereiche, in denen Tierversuche durchgeführt werden

Für Tierversuche werden meistens speziell gezüchtete Tiere verwendet, da man für aussagekräftige Resultate genaue Daten über diese Tiere braucht, z.B. durchschnittliche Lebensdauer, aber auch Daten darüber, welche Krankheiten (Krebs, Diabetes etc.) wie häufig normalerweise in der Population auftreten. In der freien Wildbahn eingefangene Tiere werden aus diesen Gründen sehr selten verwendet. Gerüchte über „Tierfänger“, die im Auftrag von Pharmaunternehmen Haustiere einfangen (insbesondere streunende Katzen), gehören in den Bereich der „Urban Legends“.

Grundlagenforschung

Mit 29 % werden die meisten Tierversuche im Bereich der Grundlagenforschung durchgeführt. [2] Die Grundlagenforschung ist im Unterschied zur Arzneimittelforschung weder wirtschafts- noch anwendungsorientiert. Mit ihr wird das allgemeine medizinische und naturwissenschaftliche Wissen vermehrt.

Tötung zu wissenschaftlichen Zwecken

Rund 25 % der 2005 verwendeten Tiere wurden getötet, um Zellen oder Organe zu gewinnen. [3]

Arzneimittelforschung

21 % der bei Tierversuchen in Deutschland verwendeten Tiere wurden 2005 zur Erforschung und Entwicklung von Produkten und Geräten für die Human-, Zahn- und Veterinärmedizin benötigt. [4] Da die meisten Erkrankungen des Menschen beim Versuchstier spontan nicht vorkommen, werden durch verschiedene Verfahren im Tier Symptome herbeigeführt, die menschlichen Krankheiten ähneln (siehe hierzu auch: Modellorganismus). Die weitaus meisten Tiere in dieser Kategorie sind Mäuse und Ratten (2005: 92 %).

In den 21 % aller Tierversuche sind die vorgeschriebenen toxikologischen oder andere Sicherheitsüberprüfungen von Arzneimitteln und Medizinprodukten nicht enthalten (siehe Absatz Toxikologie und Artikel Pharmaforschung). Laut Angaben des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VFA) entfallen 86 % der im pharmazeutischen Bereich durchgeführten Tierversuche auf die Überprüfung von Arzneimitteln auf ihre Unbedenklichkeit, Qualität und Wirksamkeit. [5]

Herstellung und Qualitätskontrolle von Produkten

Knapp 14 % der Tierversuche entfielen 2005 auf den Bereich der Produktherstellung und Qualitätskontrolle. [6]

Toxikologie (Giftigkeitsprüfungen)

Die Toxizitätsbestimmungen standen 2005 mit 6,6 % an Platz 5 der offiziellen Tierversuchs-Statistiken. [7] Neue Wirkstoffe und Chemikalien werden auf mögliche schädigende Wirkungen getestet. Mit dem Inkrafttreten der neuen EU-Chemikalien-Richtlinie REACH am 1. Juli 2007 wird ein erheblicher Anstieg der Tierversuche im toxikologischen Bereich erwartet. 30.000 Chemikalien, die vor 1981 auf den Markt gekommen sind, sollen hinsichtlich ihrer Gefährlichkeit für Mensch und Umwelt zu großen Teilen in Tierversuchen getestet werden.

Studium und Ausbildung

1,6 % der Tierversuche des Jahres 2005 wurden im Rahmen der Aus- und Weiterbildung durchgeführt. [8] Dabei geht es vor allem um die Veranschaulichung des theoretischen Lehrstoffs im Studium der Biologie, Human- und Tiermedizin. Zum Beispiel werden Ratten getötet, um an ihnen modellhaft den Bau und die räumliche Anordnung der inneren Organe eines Säugetiers kennenzulernen. An getöteten Fröschen kann beispielsweise das Zusammenspiel von Nerven und Muskeln vorgeführt werden, da diese Organe auch nach dem Tod noch einige Zeit funktionsfähig bleiben.

Wenn vor der Tötung keine Eingriffe an den Tieren vorgenommen werden, ist die Tötung nur anzeigepflichtig, nicht aber genehmigungspflichtig. Die getöteten Tiere werden in der jährlichen Tierversuchsmeldung dennoch miterfasst.

Andere Bereiche

Tierversuche werden außerdem zur Diagnose von Krankheiten wie Tollwut und zur Prüfung von Schädlingsbekämpfungsmitteln durchgeführt. [9] Weiterhin werden Tierversuche auch in der Raumfahrt zum Test von Lebenserhaltungssystemen oder zur Erforschung von Auswirkungen kosmischer Umweltbedingungen durchgeführt. Die Hündin Laika erlangte 1957 als erstes Lebewesen im Orbit Berühmtheit. Auch Munitionshersteller nutzen Tierversuche, um die Wundballistik neu entwickelter Munition zu erforschen.[10]

Kosmetik

Kosmetiktierversuche werden in der offiziellen Statistik nicht gesondert geführt, da sie in Deutschland seit 1998 und in der EU seit 2004 verboten sind. Dennoch werden weiterhin in diesem Bereich Tierversuche durchgeführt. Die wenigsten Kosmetikinhaltsstoffe werden ausschließlich für diesen Zweck verwendet. Deswegen gelten sie als Chemikalien und werden als solche in Tierversuchen getestet. Kosmetikhersteller führen für ihre Produkte Tierversuche auch in Drittländern durch. Die Kosmetikrichtlinie (2003/15/EC) sieht vor, dass zweistufig ab 2009 bzw. 2013 keine in Tierversuchen getesteten Kosmetikprodukte mehr in die EU eingeführt werden dürfen. [11]

Beispiele für Testreihen

In der medizinischen Forschung

Je nach Zielsetzung und Versuchstieren können sehr unterschiedliche Versuchsaufbauten zum Einsatz kommen.

In der medizinischen Forschung am häufigsten sind Testreihen mit je acht bis zehn Tieren (meist Mäuse oder Ratten), denen je Testreihe eine unterschiedlich große Dosis eines bestimmten Wirkstoffs gespritzt wird. Nach einer bestimmten, vorgegebenen Zeit wird dann zum Beispiel Blut entnommen, um Abbauprodukte des Wirkstoffs zu analysieren. In den meisten Fällen werden die Testtiere am Versuchsende getötet um den Einfluss des Wirkstoffs auf innere Organe untersuchen zu können.

Die Wirkungen und Nebenwirkungen von Hormonpräparaten wie der Antibabypillen werden in aller Regel an jugendlichen weiblichen Ratten untersucht, denen vor Gabe des Wirkstoffs die Eierstöcke entfernt wurden. Diese Medikamente, die nahezu täglich und oft jahrelang von gesunden jungen Frauen eingenommen werden und deshalb besonders sicher sein müssen, sind ein Beispiel dafür, dass viele Arzneimittelwirkstoffe noch immer im lebenden Tier getestet werden müssen: Nur im Tiersystem kann die Hauptwirkung (die Aufrechterhaltung einer bestimmten Hormonkonzentration im Körper) in unmittelbarer Verbindung mit möglichen Nebenwirkungen (Veränderung der Fett- oder Wassereinlagerung im Gewebe) und den natürlichen Abbauprodukten der Wirkstoffe analysiert werden.

In der chemischen und Kosmetikindustrie

Ein Testverfahren im Bereich der chemischen und Kosmetikindustrie ist beispielsweise die Prüfung auf schleimhautreizende Eigenschaften von Stoffen an Kaninchen, der Draize-Test. Hierzu werden den Testtieren oft erheblich konzentrierte Mengen der zu testenden Substanzen in die Augen getropft, die ähnlich empfindlich reagieren wie menschliche Augen. Damit sichergestellt ist, dass sie die Substanzen nicht aus den Augen wischen können, werden die Kaninchen während der Testreihen in Boxen gesperrt, aus denen ihr Kopf ins Freie ragte. Bereits in 80er Jahren wurden mehrere alternative Verfahren mit Zellkulturen und bebrüteten Hühnereiern entwickelt. Teilweise werden diese Testsysteme heute bereits eingesetzt. Im Jahr 2005 wurden in Deutschland für den Schleimhautreizungstest 505 Kaninchen verwendet.[12]

Rechtliche Grundlagen

Deutschland

Nach § 1 des deutschen Tierschutzgesetzes werden Tiere als „Mitgeschöpfe“ anerkannt und das Zufügen von Schmerzen, Leiden oder Schäden ohne vernünftigen Grund ist verboten. Tierversuche werden in § 7 Tierschutzgesetz geregelt. Laut § 7 dürfen Tieren Schmerzen, Leiden und Schäden zum Vorbeugen, Erkennen oder Behandeln von Krankheiten, zum Erkennen von Umweltgefährdungen, zur Prüfung von Stoffen oder Produkten auf ihre Unbedenklichkeit und im Rahmen der Grundlagenforschung zugefügt werden. [13] Das deutsche Tierschutzgesetz unterscheidet bei Tierversuchen zwischen Anzeige- und Genehmigungspflicht.

Tierversuche vor allem im Bereich der Grundlagen- und Arzneimittelforschung, bedürfen der Genehmigung durch die Genehmigungsbehörde, meist das zuständige Regierungspräsidium. Ihm steht die Ethikkommission beratend zur Seite. Sie besteht zu zwei Dritteln aus Wissenschaftlern und zu einem Drittel aus Tierschutzvertretern. [14]

Zu den anzeigepflichtigen Tierversuchen zählen vor allem gesetzlich vorgeschriebene Tests [15], z.B. Giftigkeitsprüfungen von Chemikalien. Ein Dutzend bundesdeutsche und EU-Gesetze schreiben Tierversuche vor. Aufgrund eines verstärkten Einsatzes tierversuchsfreier Testmethoden in diesem Bereich sinkt der Anteil der aufgrund von Rechtsvorschriften durchgeführten Tierversuche seit Jahren. Im Jahr 1991 lag ihr Anteil bei 35 % (rund 842.000 Tiere), 2000 waren es 21 % (389.000) und 2004 noch 15 % (350.000 Tiere). Im Jahr 2005 ist die Anzahl der Tiere wieder angestiegen (454.000 = 19 %). [16]

Österreich

Nur der Eingriff an lebenden Tieren wird als Tierversuch bezeichnet. Der Eingriff muss vorher von den zuständigen Behörden genehmigt werden. Der Tierversuchsleiter bekommt für diesen einen Tierversuch auch eine Genehmigung der Behörden. Die Tierversuchseinrichtungen werden regelmäßig unangekündigt kontrolliert. Ein „Nicht-Bestehen“ dieser Kontrolle oder ein Verstoß gegen die Gesetzeslage wird mit sofortigem Außerkraftsetzen der Genehmigung und mit einem Strafverfahren geahndet.

In Österreich sind Tierversuche für Kosmetika gesetzlich verboten. In Österreich sind außerdem Tierversuche an Menschenaffen gesetzlich verboten. Weiters werden jährlich staatliche Förderungen und Staatspreise für Entwicklungen von Alternativen zum Tierversuch ausgeschrieben, gefördert und finanziert.

Art und Anzahl der bei Tierversuchen verwendeten Tiere

Deutschland

Seit dem 1. Januar 1989 besteht in Deutschland durch die Versuchstiermeldeverordnung eine gesetzliche Verpflichtung zur Erfassung der in Tierversuchen getöteten Tiere. Das deutsche Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz veröffentlicht seither jedes Jahr entsprechende Statistiken. Die Zahlen gingen zunächst von 2,6 Millionen im Jahr 1989 auf 1,5 Millionen im Jahr 1997 zurück. Seither steigen sie wieder an. [17]

Im Jahr 2005 wurden 2.412.678 Wirbeltiere in deutschen Forschungseinrichtungen getötet. Die am häufigsten verwendeten Tierarten waren Mäuse und Ratten. Rund 1,4 Millionen Mäuse und 570.000 Ratten wurden 2005 in deutschen Laboren getötet, außerdem 4.892 Hunde, 1.023 Katzen, 2.105 Affen, 105.293 Kaninchen, 40.297 Meerschweinchen, 8.581 Hamster, 14.004 Schweine, 3.652 Schafe sowie Tiere vieler weiterer Arten. [18] Diese Zahlen, die das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz jedes Jahr herausgibt, sind nicht vollständig. So fehlen beispielsweise die Tiere, die zur Herstellung genetisch veränderter Linien getötet werden, und wirbellose Tiere. [19]

Österreich

Im Jahr 2005 wurden in Österreich 167.312 Tiere in Tierversuchen getötet, darunter 128.634 Mäuse, 11.920 Ratten, 18.439 Kaninchen, 3.149 Meerschweinchen, 1.199 Fische, 85 Hunde, 12 Katzen und 56 Affen.

Schweiz

In der Schweiz wurden im Jahr 2005 550.505 Tiere in Tierversuchen getötet, unter anderem 361.693 Mäuse, 136.657 Ratten, 10.818 Fische, 6.488 Kaninchen, 6.757 Vögel, 3.071 Hunde 409 Katzen und 408 Affen. Ursache der vergleichsweise hohen Zahl ist die Bedeutung der Schweizer Pharma- und Chemie-Industrie.

Europa

Für Europa ergeben sich für das Jahr 2005 die folgenden Zahlen (dabei sind Tiere erfasst, die bei Tests eingesetzt wurden, wo Schmerzen, Leiden und dauerhafte Schäden verursacht wurden [20]):

Tierart Anzahl in Mio.
Mäuse 6,42
Ratten 2,34
Fische 1,75
Vögel 0,65
Kaninchen 0,31
Meerschweinchen 0,26

Kontroverse um Tierversuche

Bei der Argumentation von Befürwortern und Gegnern von Tierversuchen sollen hier vier Kernaussagen aus der jeweiligen Position heraus gegenübergestellt werden.

Argumente von Tierversuchsbefürwortern

  • Erkenntnisgewinn

Vertreter der tierexperimentell ausgerichteten Forschung, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft [21], führen an, dass alle wichtigen Erkenntnisse im Bereich der Medizin auf Tierversuche zurückzuführen seien. Versuche an Hunden und Kaninchen haben zur Entdeckung des Insulins geführt und halfen, die Wirkung dieses Hormons zu verstehen und neue Therapien für die Zuckerkrankheit zu entwickeln. Als weitere Beispiele für den Nutzen von Tierversuchen in der Medizin sind laut Deutsche Forschungsgemeinschaft die Entwicklung von Impfseren z.B. gegen Diphtherie (Meerschweinchen), gegen Gelbfieber und Kinderlähmung (Maus und Affe) sowie Untersuchungen zur Krankheitsentstehung der Tuberkulose (Schaf und Rind), des Typhus (Maus, Ratte, Affe) und der Malaria (Taube). In der Chirurgie konnten durch Tierversuche neue Techniken entwickelt und Operationsmethoden verfeinert werden. So fanden erste Versuche zur Verpflanzung von Gewebe bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Mäusen statt. Andere wichtige Forschungsbereiche sind Untersuchungen zur Funktionsweise des Nervensystems, des Herz-Kreislauf-Systems und der Wirkungsweise von Hormonen sowie in der Krebsforschung. Ein Verzicht auf Tierversuche würde eine „Verlangsamung des medizinischen Fortschritts bedeuten und damit Heilungschancen für kranke Menschen deutlich schmälern“, heißt es bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

  • Übertragbarkeit

Zur Frage der Übertragbarkeit der Ergebnisse führen Tierversuchsbefürworter die große Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier hinsichtlich Zell- und Organfunktion an. Die Bestandteile von Körperzellen und die biochemischen Mechanismen, die den Lebensvorgängen zu Grunde liegen, weisen bei den verschiedenen Tierarten sehr große Ähnlichkeiten auf. Eine Übertragung vom Tier auf den Menschen sei daher meistens möglich. Diese Grundvermutung gilt sowohl für die erwünschten als auch für die schädigenden und toxischen Wirkungen eines Stoffes. Insbesondere das komplexe Zusammenspiel von Wirkstoffen und deren Abbauprodukten mit unterschiedlichen Organen lasse sich in vielen Fällen nur am lebenden Tier sicher nachvollziehen.

  • Aussagekraft

Trotz wesentlicher Fortschritte im Bereich der Alternativmethoden zum Beispiel mit Zellkulturen und Computersimulationen könne mit diesen Verfahren der „intakte Organismus“ nicht ersetzt werden, heißt es bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Untersuchung des komplexen Zusammenspiels von Geweben und Organen sei nur im Tierversuch möglich.

  • Ethische Argumentation

Tierversuchsbefürworter sind der Überzeugung, dass das Genehmigungsverfahren unsinnige und ethisch nicht vertretbare Tierversuche ausschließen würde. Eine „Unerlässlichkeit“ eines Versuchs sei gegeben, wenn der Forscher darlegt, dass es gemessen am verfolgten Zweck keine gleichwertigen Alternativen gibt. Bei der Frage der „ethischen Vertretbarkeit“ geht es um die Abwägung der Belastung des Versuchstiers auf der einen Seite und der wissenschaftlichen Erkenntnis auf der anderen Seite. Tierversuchsbefürworter gehen davon aus, dass im tierexperimentellen Bereich tätige Forscher diese Maximen berücksichtigen. Tierversuche seien nach Meinung von Tierversuchsbefürwortern zwar durchaus auch mit Schmerzen und Leiden für die Tiere verbunden, starke Belastungen würden aber vermieden werden, da dies Auswirkungen auf das Versuchsergebnis habe. Ergebnisse aus Versuchen mit verängstigten und leidenden Tieren seien für die Wissenschaft nutzlos und würden in der Grundlagenforschung international nicht anerkannt.

Argumente von Tierversuchsgegnern

  • Erkenntnisgewinn

Der Stand der heutigen evidenzbasierten Medizin, die zu einem wesentlichen Teil auf Tierversuchen basiert, ist nach Ansicht von Tierversuchsgegnern wie den Ärzten gegen Tierversuche [22] weder ein Beweis für ihre Notwendigkeit noch sagt sie etwas über die weitere Entwicklung der Medizin aus. Natürlich seien auch einzelne Fortschritte erzielt worden. Diese stünden jedoch in keinem akzeptablen Verhältnis zum jahrzehntelangen immensen Aufwand unter Einsatz von Abermillionen von Tieren. Tierversuchsgegner sind überzeugt: Bei gleichem Forschungsaufwand für tierversuchsfreie Verfahren in Kombination mit umfangreicher Prävention wäre es ohne Tierversuche um die Gesundheit der Menschen heute weitaus besser bestellt. Allein in Bezug auf Krebs ließen sich zwei Drittel der Erkrankungen durch Prävention verhindern. [23] Ohne Tierversuche wären wahrscheinlich auch viele Arzneimittel-Katastrophen (z.B. Contergan) zu verhindern gewesen. Denn Tierversuche täuschen eine Arzneimittelsicherheit vor, die nicht vorhanden ist. Manche wissenschaftliche Studien unterstützen die Thesen der Tierversuchsgegner. So kam eine Studie zur klinischen Relevanz von Tierversuchen zu dem Ergebnis, dass selbst zehn Jahre nach der Durchführung der Tierversuche keine Umsetzung in der Humanmedizin nachweisbar war. [24]

  • Übertragbarkeit

Tierversuchsgegner führen die vielfältigen Unterschiede zwischen Tier und Mensch hinsichtlich Körperbau, Organfunktion und Stoffwechsel an. Tiere verschiedener Arten reagieren auf Chemikalien und Medikamente unterschiedlich. Beispielsweise sei Asbest bei Ratten erst in 300fach höherer Dosis als beim Menschen krebsauslösend. [25] Umgekehrt ruft Saccharin bei Ratten Blasenkrebs hervor, beim Menschen konnte bislang keine schädigende Wirkung festgestellt werden. Auch die vielen aufgrund von Tierexperimenten für sicher gehaltenen Medikamente, die beim Menschen schwerwiegende oder gar tödliche Nebenwirkungen hervorriefen, seien ein Beweis dafür, dass sich die Ergebnisse von Tierversuchen nicht mit der nötigen Zuverlässigkeit auf den Menschen übertragen lassen.

  • Aussagekraft

Viele der heute existierenden Zellkultur-Methoden können tatsächlich nicht vorhersagen, wie ein kompletter Organismus, ein ganzer Mensch, reagieren wird. Allerdings können Tierversuche dies genauso wenig. Tierversuchsgegner zweifeln die Aussagekraft von Tierversuchen an, da es sich bei Tieren zwar um einen ganzen Organismus handele, aber um den falschen. Tierversuchsfreie Methoden mit menschlichen Zellen und Geweben kombiniert mit speziellen Computerprogrammen lieferten im Gegensatz zum Tierversuch genaue und aussagekräftige Ergebnisse.

In der tierexperimentellen Forschung würden zudem wichtige Aspekte der Krankheitsentstehung wie Ernährung, Lebensgewohnheiten, Verwendung von Suchtmitteln, schädliche Umwelteinflüsse, Stress, psychische und soziale Faktoren außer acht gelassen. Ergebnisse aus Studien mit Tieren seien daher irreführend und irrelevant. Anstatt an Forschungsmethoden aus dem vorletzten Jahrhundert festzuhalten, so die Ärzte gegen Tierversuche, müssen die Vorbeugung von Krankheiten sowie Studien am Menschen zum Beispiel im Bereich der Epidemiologie, klinischen Forschung, Arbeits- und Sozialmedizin ausgebaut werden, um in der Medizin zu wirklichen Fortschritten zu gelangen.

  • Ethische Vertretbarkeit

Tiere können fühlen, Freude und Angst empfinden, Schmerz und Qualen erleiden wie Menschen, behaupten Tierversuchsgegner. Quälen und Töten von Tieren müssten daher genauso als moralisch unzulässig angesehen werden wie das eines Menschen. Tieren muss ein grundlegendes Recht auf Schutz vor Willkür und Gewalt durch den Menschen eingeräumt werden. Im Tierversuch werden Tiere nach Aussage von Tierversuchsgegnern vergiftet und verstrahlt, mit tödlichen Viren, Bakterien und Parasiten infiziert, ihre Gehirne werden geschädigt, sie werden verbrannt, verbrüht, verstümmelt, bei ihnen werden Infektionen, Entzündungen, Anfälle oder Krebs erzeugt, ihnen werden Elektroden in das Gehirn gesteckt, die Knochen gebrochen, die Augen vernäht, Organe entfernt und wieder eingepflanzt. Im Tierversuch würden Tiere zu Messinstrumenten degradiert, die nach Gebrauch weggeworfen werden. Doch bloßes Nützlichkeitsdenken könne und dürfe kein ärztliches Prinzip sein. Tierversuche und eine ethisch vertretbare Medizin und Wissenschaft schließen sich aus, heißt es bei den Ärzten gegen Tierversuche.

Alternativen zu Tierversuchen

Im Bereich der tierversuchsfreien Forschung konnten in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte verzeichnet werden. Heutzutage steht eine Vielzahl sogenannter In-vitro-Verfahren zur Verfügung. Darunter versteht man „im Reagenzglas“ durchgeführte Tests. Diese sind oftmals aussagekräftiger, zuverlässiger und kostengünstiger als Tierversuche. Neue Arzneimittel können heute „im Computer“ entwickelt und an menschlichen Zell- und Gewebekulturen, die z.B. aus Operationen zur Verfügung stehen, getestet werden. Zur Prüfung der Erbgutschädigung eignen sich Bakterienkulturen. Die hautreizenden Eigenschaften von Chemikalien und kosmetischen Stoffen können an künstlicher Haut getestet werden. Für die Untersuchung auf fieberauslösende Substanzen in Medikamenten und Impfstoffen steht heute ein Test mit menschlichem Blut zur Verfügung. Studierende der Biologie, Human- und Tiermedizin können physiologische Zusammenhänge in Filmen, Computersimulationen oder im schmerzlosen Selbstversuch nachvollziehen. Chirurgische Eingriffe können an Modellen geübt werden, die ähnlich wie Flugsimulatoren funktionieren. Amerikanische Wissenschaftler haben einen Weg gefunden, eine Art Organismus mit Stoffwechsel auf einem Mikrochip darzustellen. Winzige Kammern aus Glasröhren sind mit lebenden Zellen ausgekleidet und stellen einzelne Organe dar. In dem künstlichen Körper können neue Wirkstoffen getestet werden.[26] Hirnforschung kann direkt am Menschen mit nicht invasiven Methoden, zum Beispiel Computertomographie betrieben werden. Dies sind nur einige wenige Beispiele der Möglichkeiten, die die In-vitro-Forschung bietet. In Universitäten und anderen Forschungslabors werden fortlaufend Methoden entwickelt, durch die Tierversuche ersetzt werden könnten.

Für die Validierung, das heißt den Vergleich zwischen tierversuchsfreier Methode und dem entsprechenden Tierversuch sowie die Anerkennung auf nationaler und internationaler Ebene ist ZEBET (Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch) zuständig. Auf europäischer Ebene befasst sich ECVAM (European Centre for Validation of Alternative Methods) mit der Erforschung, Entwicklung und Validierung von tierversuchsfreien Methoden. Beide Einrichtungen betreiben Internet-Datenbanken zu tierversuchsfreien Testmethoden.

Öffentliche Meinung

Die EU-Kommission führte anlässlich der anstehenden Revision der Richtlinie 86/609/EWG zum Schutz der in Versuchen eingesetzten Tiere von Juni bis August 2006 eine Online-Bürgerbefragung zum Thema Tierversuche durch.[27] Die überwiegende Mehrheit der rund 43.000 Bürger aus 25 Ländern, die sich an der Umfrage beteiligten, sprach sich für mehr Tierschutz aus.

So meinten über 90 % der Teilnehmer, dass die EU sowie die Regierung im eigenen Land für deutlich mehr Tierschutz im Bereich Tierversuche sorgen sollten, insbesondere für Affen, Hunde und Katzen. Die überwiegende Mehrheit der Befragten spricht sich selbst für einen verbesserten Schutz von Mäusen (87%), Hummern (83%) und Fruchtfliegen (60 %) aus.

Nahezu alle Teilnehmer wünschen sich mehr Transparenz und Mitspracherecht hinsichtlich der Frage, wann und wie ein Tierversuch überhaupt durchgeführt werden darf. Den medizinischen Fortschritt oder die Konkurrenzfähigkeit von Europa sehen rund Dreiviertel der Befragten durch Tierschutzbestimmungen keineswegs gefährdet. Ebenso viele Menschen dringen auf eine stärkere Förderung der Entwicklung und Anerkennung von tierversuchsfreien Methoden.

Quellen

  1. Deutsches Tierschutzgesetz
  2. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  3. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  4. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  5. VFA-Positionspapier zu Tierversuchen in der Pharmaforschung
  6. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  7. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  8. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  9. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  10. LeMas schießt auf lebende Schweine - Meldung der Tierschutzorganisation PETA
  11. Richtlinie 2003/15/EC
  12. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  13. Deutsches Tierschutzgesetz
  14. Deutsches Tierschutzgesetz
  15. Deutsches Tierschutzgesetz
  16. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  17. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  18. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  19. C. Gericke: Was Sie schon immer über Tierversuche wissen wollten, 2005, Echo-Verlag Göttingen, ISBN 3-926914-45-9
  20. Focus Nachrichtenmagazin, Ausgabe 48/07 vom 26. November 2007, Seite 20: „Focussiert“ – Quelle ist die EU-Kommission
  21. Deutsche Forschungsgemeinschaft: Tierversuche in der Forschung, 2004
  22. Ärzte gegen Tierversuche e.V.
  23. Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums
  24. T. Lindl et al: „Tierversuche in der biomedizinischen Forschung“, Altex 22, 3/05, 143-151
  25. G. Langley: „Chemical Safety and Animal Testing: A Regulatory Smokescreen?“, 2004, S. 9
  26. D. Freedman: Versuchskaninchen aus Silizium, Technology Review Juli 2004, S. 45–48
  27. Umfrage der EU-Kommission zu Tierversuchen, 2006

Literatur

  • Corina Gericke: Was Sie schon immer über Tierversuche wissen wollten. Echo-Verlag, Göttingen 2005, ISBN 3-926914-45-9
  • Johann S. Ach: Warum man Lassie nicht quälen darf. Tierversuche und moralischer Individualismus. Harald Fischer Verlag, Erlangen 1999, ISBN 3-89131-119-2
  • Franz Paul Gruber, Horst Spielmann (Hrsg.): Alternativen zu Tierexperimenten. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin, Oxford 1996, ISBN 3-86025-195-3
 
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