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Nikotinabhängigkeit



 

Unter Nikotinabhängigkeit versteht man Gewöhnung und Abhängigkeit an den Stoff Nikotin, die sich bei Konsum von Tabakprodukten einstellt (Tabakrauchen, vor allem Zigaretten, auch bei Zigarillos oder Zigarren, Tabakspfeifen und Schnupf- und Kautabak sowie beim Rauchen von mit Tabak vermischtem Cannabis möglich). Es können sowohl physische (körperliche) wie auch psychische (geistige / seelische) Symptome auftreten.

Weiteres empfehlenswertes Fachwissen

Inhaltsverzeichnis

Wie Nikotin wirkt

Wenn der Tabak glimmt, wird das Nikotin in den Tabakrauch freigesetzt. Gebunden an die winzigen Teerteilchen im Rauch gelangt es in die Lunge und von dort ins Blut. Bei Kau- und Schnupftabak erfolgt die Aufnahme über die Schleimhaut von Nase oder Mund. Da Nikotin die Eigenschaft besitzt, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden, die viele andere Giftstoffe stoppen kann, erreichen die Nikotinmoleküle schon sieben Sekunden später das Gehirn, heften sich dort an die Nervenzellen und beeinflussen deren Aktivität. Das lässt sich mit modernen Verfahren sogar auf dem Bildschirm verfolgen.[1]

In den folgenden Absätzen wird hin und wieder von „Nikotin-Rezeptoren“ zu lesen sein. Dieser Begriff ist nicht ganz korrekt, denn die genannten Rezeptoren warten keineswegs darauf, dass ein Nikotin-Molekül andockt. Vielmehr handelt es sich um Rezeptoren, die normalerweise auf Acetylcholin reagieren. Nikotin ist diesem Neurotransmitter (Botenstoff) sehr ähnlich, sodass die Acetylcholin-Rezeptoren auch auf Nikotin reagieren.

„Nikotin ist eine der am schnellsten süchtig machenden Substanzen. Es hat nicht nur psychostimulierende Wirkungen wie Kokain oder Amphetamin, sondern stößt im Gehirn die gesamte Breite der Neuromodulatoren an und wirkt wie der Dirigent in einem Konzert auf viele Instrumente ein“, erläuterte Professor Lutz Schmidt aus Berlin auf der 2. Nikotin-Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Nikotinforschung in Erfurt. Nikotin greift an zwei verschiedenen Kompartimenten an, den präsynaptischen und postsynaptischen Acetylcholinrezeptoren („Nikotinrezeptoren“). Bei Bindung an die Rezeptoren kommt es zur Ausschüttung unterschiedlicher Neurotransmitter [chemische Stoffe, die dem Informationsaustausch zwischen den einzelnen Nervenzellen dienen] wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Endorphinen. Diese beeinflussen verschiedene funktionale Strukturen des Gehirns, wobei es individuelle Variationen gibt. Die nikotinergen Rezeptoren haben einen sehr engen Bezug zum präfrontalen Cortex. „Dadurch wird verständlich, dass Hirnfunktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernen durch Nikotin verbessert werden“, so Professor Lutz Schmidt aus Berlin.

Außerdem bestehe eine enge räumliche Beziehung zum dopaminergen Belohnungssystem, einer entwicklungsgeschichtlich entscheidenden Struktur. Sie wirkt auf Funktionen wie Essen, Trinken und Sexualität, die notwendig sowohl für die Existenz des einzelnen Menschen als auch für das Überleben der Art sind. Beim Rauchen belohnt sich der Mensch also ebenso wie bei der Ausführung existentieller Handlungen. [2]

Die besondere Wirkung des Nikotins auf das Gehirn besteht in einer Catecholamin-Freisetzung in den so genannten Belohnungsarealen der Großhirnrinde. Dies in Verbindung mit dem sensiblen oralen Reiz des Rauchens bewirkt die „positiven“ Gefühle des Rauchens. Zigaretten enthalten eine ganze Reihe von Substanzen, die sich in ihrer Abhängigkeitswirkung potenzieren. Ammoniak (dem Tabak bei der Verarbeitung künstlich zugesetzt) beispielsweise wirkt wie ein Beschleuniger für das Nikotin. Der im Tabakblatt enthaltene bzw. künstlich zugesetzte Zucker verbrennt beim Rauchen, wobei unter anderem das ebenfalls süchtigmachende Acetaldehyd entsteht. Dieser Stoff bewirkt eine Reduzierung des Enzyms MAO-B (Monoaminooxidase B), das im Gehirn Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin abbaut. Man hat festgestellt, dass Raucher bis zu 40 Prozent weniger MAO-B haben als Nichtraucher. Dementsprechend mehr Dopamin und Serotonin wirken auf das Gehirn ein, was wie beim Nikotin als angenehm empfunden wird und somit das Abhängigkeitspotential erhöht.

Auch diverse andere Drogen wirken als MAO-B-Hemmer, zum Beispiel die Tollkirsche. MAO-Hemmer werden in der Medizin als Antidepressiva eingesetzt. All diese Zusammenhänge sind aber immer noch Gegenstand der aktuellen Forschung. Mit weiteren Erkenntnissen wird auch in Zukunft zu rechnen sein.

Übrigens wirkt Alkohol an denselben Rezeptoren wie Nikotin. Er blockiert diese, was dazu führt, dass mehr geraucht werden muss, um sich entspannt zu fühlen. [3]

Rauchen stresst. Viele Raucher behaupten, mit Hilfe der Zigarette könnten sie besser Stress abbauen. Das Gegenteil sei der Fall, sagt Andy Parrott, Psychologe an der University of East London. Wer raucht, um Stress abzubauen, füge sich selbst nur weiteren Stress zu, denn der scheinbar entspannende Effekt des Rauchens komme nur dadurch zustande, dass durch den Griff zur Zigarette die Spannung, die durch ein Sinken des Nikotin-Levels entstanden ist, wieder aufgehoben wird.

„Die gewohnheitsmäßigen Raucher brauchen jedoch bald eine weitere Zigarette, um die neuen Abstinenzsymptome, die sich wieder einstellen, zu bekämpfen. Das wiederholte Empfinden negativer Stimmungen zwischen den Zigaretten bedeutet, dass Raucher dazu neigen, ein leicht überdurchschnittliches tägliches Stress-Niveau zu erleben. Somit scheint Nikotin-Abhängigkeit eine direkte Ursache von Stress zu sein.“ erläutert der Professor. Für seine Studie, die in der Oktober-Ausgabe des „American Psychologist“ (Vol. 54, No. 10) veröffentlicht wurde, analysierte Parrott zahlreiche Untersuchungen über erwachsene Raucher, jugendliche Raucher und Nikotin-Entwöhnungen. Parretts These wird sowohl von Untersuchungen von jugendlichen Rauchern als auch über aufhörende Raucher gestützt. Die Stress-Symptomatik, die bei Erwachsenen festzustellen ist, lässt sich auch bei jugendlichen Rauchern aufzeigen.

Das stärkste Argument für seine These sind aber wohl Forschungsergebnisse, die belegen, dass das Abgewöhnen des Rauchens Stress reduziert. Mehrere frühere Studien belegen, dass ehemalige Raucher sich als weniger gestresst erwiesen als jene, die immer noch rauchen. Es gibt indes auch Studien, die keinen Unterschied im Stress-Empfinden zwischen Rauchern und neuen Nicht-Rauchern ausmachen können. Aber: Keine einzige Studie konnte zeigen, dass ehemalige Raucher gestresster seien als Immer-noch-Raucher.[4]

Abhängigkeitspotenzial

Hauptartikel: Abhängigkeitspotenzial

Laut einer Veröffentlichung der Weltgesundheitsorganisation sind Tabakprodukte die einzigen frei verfügbaren Konsumgüter, die bei einem Großteil ihrer Konsumenten eine Abhängigkeit, Krankheit oder Tod erzeugen. [5]

Nikotin ist verantwortlich für die Abhängigkeit nach Tabakerzeugnissen. Nikotin hat ein extrem hohes Abhängigkeitspotenzial und kann sehr schnell zu einem abhängigen Verhalten führen. Nach Meinung von Experten des Schweizer Bundesamt für Gesundheit BAG , sowie anderer, beispielsweise der US-Gesundheitsbehörde FDA, „ist das Abhängigkeitspotenzial von Nikotin vergleichbar mit dem vom Heroin“.[6] Laut Allen Carr kann ab der ersten Zigarette körperliche Abhängigkeit entstehen, Diplom-Psychologe Peter Lang, Leiter des Bereichs Sekundärprävention der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, spricht von zwei Zigaretten. Es reichen wenige Zigaretten oder wenige Tage mit kleinem Zigarettenkonsum bis zum Eintritt der körperlichen Abhängigkeit.

Die körperliche Abhängigkeit äußert sich je nach dem Grad der Gewöhnung an Nikotin in schwachen, kaum wahrnehmbaren Entzugserscheinungen bis zu starker Unruhe, Kreislaufbeschwerden, Kopfschmerzen und Schweißausbrüchen. Die Symptome verschwinden jedoch in 5-30 Tagen und können durch Nikotinersatzpräparate und leichte Entspannungsmittel wie Baldrian oder Yoga gelindert werden.

Weitere Entzugserscheinungen entstehen dadurch, dass die ständige Stimulierung des Belohnungssystems durch das Nikotin ausbleibt. Sie können sich durch Gereiztheit, Ungeduld, Aggressivität, schlechte Laune bis hin zu Depression und Konzentrationsstörungen äußern. Dieser Zustand kann Monate andauern und ist einer der Hauptgründe dafür, dass Ex-Raucher wieder rückfällig werden. Ein anderer Grund: bisweilen erhebliche Gewichtszunahme, trotz aufwendiger Versuche, gegenzusteuern. Das liegt daran, dass Rauchen auch den Blutzuckerspiegel ansteigen lässt. Beim Entzug versucht man die relative Unterzuckerung durch Essen zu beheben, was vor allem dann fatal ist, wenn man dazu Süßigkeiten verwendet, die den Blutzuckerspiegel erst recht durcheinander bringen – und natürlich dick machen.

Als Vorbereitung auf den Entzug empfiehlt sich gegebenenfalls eine rigorose Ernährungsumstellung, um erstens dem Körper die spezifischen Nährstoffe zur Ausbildung von Übergewicht zu entziehen, zweitens den Blutzuckerspiegel zu stabilisieren und drittens die Neurotransmitter, die durch das Nikotin zuvor verstärkt ausgeschüttet wurden, zu ersetzen. Dafür eignet sich eine fett- und kohlenhydratarme, eiweißreiche Ernährung, die eventuell noch durch eine Substituierung von Aminosäuren, die Neurotransmittervorstufen sind (z.B. Tryptophan, Phenylalanin, Glutamin), oder anderen Neurotransmittervorstufen (z.B. Cholin) ergänzt werden kann. Dadurch wird die Versorgung mit Neurotransmittern sichergestellt und es werden dem Körper Fette und Kohlenhydrate zur Ausbildung von Fettdepots vorenthalten. Zudem sollten bei den Kohlenhydraten die einfacheren Formen vermieden werden, um den Blutzuckerspiegel zu stabilisieren; also z.B. alle Formen von Speisezucker und Weißmehl. – Nur ein Teil der Nikotin-Entzieher ist jedoch derart belastbar, was selbst Krankenkassen in Aufklärungsschriften gern eher verschweigen, um nicht zu demotivieren.

Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass die Abhängigkeit vom Nikotin der von sogenannten „harten Drogen“ wie Heroin und Kokain im Wesentlichen vergleichbar ist, wenn sie in vergleichbarem Maße und vergleichbarer Weise eingenommen werden. In den anderen Entzugserscheinungen können sich die verschiedenen Substanzen stark unterscheiden. Darum ist der Entzug von Nikotin genauso ernst zu nehmen, wie der von jeder anderen vergleichbaren Droge. Am Anfang steht, wie bei jeder Abhängigkeit, die Krankheitseinsicht. Erst wer begriffen hat, dass er nicht nur eine schlechte Angewohnheit hat, die ihn über kurz oder lang krank machen wird, sondern tatsächlich drogensüchtig ist, wird bereit sein, den Entzug zu beginnen, und ihn so ernst nehmen, dass er auch gelingt.

Die psychische Abhängigkeit durch eingeprägte Verhaltensmuster, die sich im Laufe einer „Raucherkarriere“ entwickeln, kann nach dem körperlichen Entzug auch nach Jahren noch vorhanden sein. Das gilt auch für den Kaugummi als Ersatz anstelle von Essen.

Zusatzstoffe als Abhängigkeitsverstärker

Hauptartikel: Tabakzusatzstoffe

Zahlreiche Substanzen, die das Abhängigkeitspotenzial des Nikotins erhöhen, werden dem Tabak beigemischt. Tabakproduzenten wissen seit Jahrzehnten vom hohen Abhängigkeitspotenzial des im Tabak enthaltenen Nikotins, das Potenzial wurde sogar durch chemische Behandlung bewusst erhöht [7] [8]. Nahezu in jeder Zigarette ist Menthol enthalten, es ist auch dann noch wirksam, wenn der Gehalt unter der geschmacklich wahrnehmbaren Grenze liegt. Menthol macht den Rauch milder und erhöht die Atemfrequenz. [9] Der milde Rauch kann tiefer inhaliert werden, die Nikotinaufnahme wird vereinfacht.

Alkalische Zusätze erhöhen die Aufnahme des Nikotins in der Lunge, so dass auch aus Lightzigaretten große Nikotinmengen in den Körper gelangen können. So entsteht schneller eine intensivere Abhängigkeit.

Aus der Ärztewoche: Durch Zusatzstoffe wie Ammoniak, Harnstoff oder Soda kann der pH-Wert des Rauchs basischer gemacht werden, was das Nikotin aus seinen Salzen löst und die Bioverfügbarkeit dramatisch erhöht. „Freies Nikotin wird in der Mundhöhle und in den Atemwegen schneller resorbiert als das in Partikeln gebundene Nikotinsalz“, so Pötschke–Langer, „was zu dem erwünschten raschen Anfluten, dem Nikotinflash führt. Zwischen dem pH-Wert des Rauchs und dem Verkaufserfolg einer Zigarettenmarke bestehen eindeutige Zusammenhänge. Je schneller das Nikotin anflutet, desto besser verkauft sich das Produkt.“ [10]

Wie Abhängigkeit funktioniert

Alle Phasen der Abhängigkeit − von Rausch bis Rückfall, vom Kick bis zum Craving − spielen sich primär im gleichen kleinen Hirnareal ab: im Nucleus accumbens, dem so genannten „Belohnungssystem“. Die Evolution hat diesem Nervenknoten eine entscheidende Rolle zugeteilt. Er verbindet lebenswichtige Vorgänge wie Essen, Trinken und Sex mit einem Lustgefühl. Dazu schütten die Nervenzellen Botenstoffe aus, vor allem Dopamin. Suchterzeugende Drogen verändern den Mechanismus so, dass mehr freies Dopamin übrigbleibt:

  • Nikotin steigert die Ausschüttung
  • Kokain blockiert die Wiederaufnahme;
  • Opiate hemmen Nervenzellen, die die Dopaminmenge begrenzen;
  • Cannabis benutzt einen anderen körpereigenen Steuerkreis, den es wie mit einem Nachschlüssel starten kann;
  • Alkohol greift so umfassend in die Steuerung der Neuronen ein, dass ebenfalls mehr Dopamin ausgeschüttet wird.

Dopamin sorgt jedoch nicht selbst für den Kick, sondern setzt gleichsam hinter alle Erlebnisse ein Ausrufezeichen: Das hier, was du gerade tust, dieser Ort, dieser Geschmack, dieser Geruch! − das ist immens wichtig, sagt der Dopaminschub dem Drogennutzer. Das „Belohnungszentrum“ verknüpft die Umstände des Konsums mit der spezifischen Wirkung der Droge. [11] Nikotin löst also eine wohlige Gefühlskaskade im Belohnungszentrum des Gehirns aus. Eine Zigarette beglückt den Raucher ähnlich wie ein Kuss oder ein gutes Essen.

Diese „Belohnung“ wird direkt mit der Tätigkeit des Rauchens assoziiert. Der durchschnittliche Raucher mit 4.000 Zigaretten pro Jahr wiederholt ständig seine „Erfahrung“, dass Rauchen eine beglückende Tätigkeit ist. Dies prägt sich tief in sein Unterbewusstsein ein, es entsteht ein sogenanntes „Suchtgedächtnis“. Dieses Gedächtnis wird aktiv, wenn der Spiegel an wirksamen Substanzen im Belohnungszentrum nachlässt. Oder wenn der Raucher einen anderen rauchen sieht. Dann erwacht wieder das Verlangen nach einer neuen Dosis Nikotin.

Ein weiterer Aspekt ist die Vermehrung der Anzahl von Nikotinrezeptoren bei chronischem Nikotinabusus. Bei Untersuchungen an Gehirnen gestorbener Raucher wurden doppelt soviele Rezeptoren gefunden wie bei Nichtrauchern. Eine Hypothese ist, dass dadurch bei Kettenrauchern besonders viel Dopamin ausgeschüttet wird, was eine intensivierte Reaktion auf das Nikotin zur Folge hat. Allerdings ist das Phänomen reversibel: bei Ex-Rauchern sinkt die Anzahl der Nikotinrezeptoren wieder in den Normbereich. Das Suchtgedächtnis scheint jedoch eine irreversible Komponente aufzuweisen, die die Entwöhnungsschwierigkeiten erklärt.[12]

Mit zunehmender Gewöhnung nimmt die Zahl der Rezeptoren zu, dafür werden sie unempfindlicher. Das Gehirn braucht größere Dosen der Droge. [13]

Neben dem Nikotineffekt scheinen Frauen stark auf einen möglicherweise geschlechtsspezifischen „Erleichterungskick“ zu reagieren. Ein im Dezember 1999 in „Nicotine & Tobacco Research“ veröffentlichter Fachartikel erläutert, dass Frauen psychisch nach jenem Gefühl süchtig werden, wenn die Nervosität beim Rauchen abklingt, die erst durch die Nikotinabhängigkeit, also durch den absinkenden Nikotinspiegel verursacht wird. [14]

Nikotin als „Selbstmedikation“

Nikotin kann aufgrund seiner dosisabhängigen Wirkungsweise keinen therapeutischen Nutzen haben, weil es in geringen Dosen aktivierend und in größeren Dosen beruhigend wirkt. Der Logik folgend, hätte beispielsweise ein ADHS-Patient nur dann einen Nutzen, wenn er sehr geringe Mengen Nikotin aufnimmt. Methylphenidat als Wirkstoff ist schließlich auch ein Sympathomimetikum, was Nikotin nur dann ist, wenn man es in geringen Dosen konsumiert.

Der derzeitige Stand der Wissenschaft lautet daher, dass Nikotin aufgrund seiner Wirkung auf das zentrale Nervensystem, welche sich in einer Aktivierung des Sympathicus und des Parasympathicus (dosisabhängig) äußert, therapeutisch nicht verwendet werden könne.

Medizinisches Nikotin wird lediglich in der Raucherentwöhnungstherapie in Form von Pflastern, Sprays oder Kaugummis verwendet. Das zugeführte „reine“ Nikotin soll dabei die Entzugssymptome bei Rauchverzicht mildern. Die Langzeit-Effektivität dieser Therapien ist umstritten, sie kann jedoch durch parallel laufende Maßnahmen wie Beratung oder Verhaltenstraining deutlich erhöht werden.

Impfung

Nikotinmoleküle sind zu klein, um vom Immunsystem erkannt zu werden. Schweizer Wissenschaftlern ist es nun gelungen, das Nikotinmolekül an ein wesentlich größeres Proteinmolekül zu binden und es so für das Immunsystem sichtbar zu machen. Das Immunsystem einer so geimpften Person fängt die Nikotinmoleküle ab, bevor sie das Gehirn erreichen - die Glücksempfindung bleibt aus.

Studien am Menschen stehen noch aus. Es ist aber zu erwarten, dass es mit dieser Impfung wesentlich einfacher sein wird, vom Rauchen loszukommen. Ein starker Wille ist dabei nicht notwendig, denn das Rauchen erzeugt keine positiven Empfindungen mehr.

Entwöhnung

Wie kommt der Raucher von der Abhängigkeit los?

Einige Methoden, etwa Allen Carrs „Easyway“, setzen auf Information zu den Mechanismen des Rauchens und somit auf eine Änderung der Sichtweise, die letztlich häufig zu einer Veränderung des Verhaltens führt. Es wird davon ausgegangen, dass der körperliche Entzug banal ist, und erträgliche „Entzugserscheinungen“ wie etwa Nervosität auf gedanklichen bzw. psychischen Vorgängen basieren. Auf die Einsicht, Ursache des Rauchens sei nur die Befriedigung der Nikotinabhängigkeit, die eben durch das Rauchen selbst erzeugt wird, folgt eine „Gegengehirnwäsche“, um unbewusste Motive zu erkennen und zu beseitigen. So kann ein Raucher, der die Abhängigkeitsvorgänge mit all ihren Hintertürchen versteht, ohne Probleme mit dem Rauchen aufhören, weil die Illusion, die seiner Meinung nach dazu führt, dass Menschen dem Rauchen viele positive Aspekte zusprechen, wegfällt. Der Nichtraucher kann sich ganz der Freude auf das Nichtrauchen widmen, weil er die Kette aus Selbstbetrug durchbricht. Carr vertritt die Einstellung, dass depressive Verstimmungen und Unruhe sowie Nervosität nicht auftreten, wenn der werdende Nichtraucher sich bewusst macht, dass es nichts gibt, was er vermissen könnte, weil er die Abhängigkeitsmechanismen durchschaut und so nur positive Aspekte am Nichtrauchen sieht.

Viele Raucher haben sich angewöhnt, das Rauchen mit bestimmten Situationen zu verknüpfen: die Tasse Kaffee am Morgen, das Warten an der Bushaltestelle etc. Diese Gewohnheiten können umgestellt werden und durch gesundes Verhalten ersetzt werden. Beispielsweise Sauna, Sport, Yoga... bringen auch einen körperlichen Kick, um den es doch mehr geht als zugestanden.

Zu den von der Arzneimittelkommission [15] ausdrücklich empfohlenen Therapien zählt daher die Verhaltenstherapie. Ihre Wirksamkeit ist gut belegt. Die Erfolgsaussichten sind zwei bis dreimal höher als bei Versuchen ohne Hilfe. Die Verhaltenstherapie kann am Anfang sinnvoll mit Nikotinersatzpräparaten kombiniert werden. Für andere Maßnahmen (z.B. Hypnose) gibt es laut Arzneimittelkommission keine eindeutigen Belege für die Wirksamkeit.

Die medizinische Sicht

Christoph Wyser, Lungenspezialist in Luzern, führt aus: „Wenn ein gewohnheitsmäßiger Raucher das Zigarettenrauchen stoppt, treten ab dem ersten Tag Entzugserscheinungen wie das Verlangen nach Zigaretten, eine melancholische Verstimmung, u. U. Angst oder Konzentrationsschwierigkeiten auf.“

Diese akuten Entzugssymptome werden häufig als 'körperliche Abhängigkeit' umschrieben. Durch den konsequenten Verzicht auf Nikotin, ob in Form von Tabakerzeugnissen oder Nikotinpräparaten, klingen diese Symptome relativ rasch (max. 3 Wochen) ab.

Die psychische Abhängigkeit, welche durch langjährig eingeübte Verhaltensmuster entstanden ist (wie z. B. das Greifen nach der Zigarettenschachtel oder das Anzünden der Zigarette), kann in der Entwöhnungszeit durch sinnvolle Ersatztätigkeiten und die Herausbildung neuer Gewohnheiten (die gesundheitlich unbedenklich sind) gemildert und überwunden werden.

Aus medizinischer Sicht fehlt dem angehenden Nichtraucher in der Übergangszeit die Stimulation seines Belohnungszentrums. Hier setzt die medikamentöse Behandlung an, z.B. durch Vareniclin, Bupropion (enthalten in Zyban) oder Nikotinpräparate (als Kaugummi, Pflaster oder Nasenspray). Raucher, die aufhören wollen, können ihre Erfolgsaussichten evtl. auf das Dreifache steigern durch Einnahme eines Präparates mit dem Wirkstoff Vareniclin. Dieser Stoff soll das Verlangen nach Nikotin vermindern. [16] Zu der medikamentösen Behandlung gehört immer eine psychologische Betreuung, um die Chance auf einen Erfolg zu erhöhen.

Medikamente sind im Falle der Raucherentwöhnung keine Heilmittel. Ihr einziger Nutzen besteht darin, die körperlichen Veränderungen, die aufgrund des Fehlens von Nikotin entstehen, abzumildern.

Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist die verhaltensdynamische Komponente des Rauchens, welche durch das Umlernen, Reflektieren der eigenen Lebenssituation und das Setzen von Lebenszielen gut bearbeitet werden kann. Die Entzugssymptomatik, welche durch den Nikotinentzug entsteht, wird oftmals überschätzt, was sich an den vielen gescheiterten Versuchen mit Nikotinersatzpräparaten zeigt, welche selbst in klinischen Studien im Vergleich zu Placebos keine erheblich signifikante Wirkung aufwiesen.

Andere Methoden der Entwöhnung

Generell lassen sich alle Möglichkeiten, von einer Nikotinabhängigkeit loszukommen, in zwei (drei) Gruppen einteilen. Die dritte, in Klammern genannte Methode ist dabei als Verbindung beider Möglichkeiten zu verstehen.

  1. Bekämpfen der psychischen (gewohnheitsmäßigen) Abhängigkeit
  2. Bekämpfen der physischen (körperlichen) Abhängigkeit

Der so genannte Kaltentzug (auch Schlusspunkt–Methode genannt) bekämpft beide Abhängigkeiten. Nach Studien soll der Kaltentzug eine niedrige Erfolgsquote haben, wird aber von den dauerhaft Abstinenten als besonders wertvoll bezeichnet.

In die Gruppe 1 fallen Entwöhnmethoden, die den Raucher mittels Ersatzpräparaten mit Nikotin versorgen. Dabei soll der Umgang ohne Zigarette eingeübt werden. Es ist eine kontrovers diskutierte Methode, die besonders bei Nikotinpflastern häufig thematisiert wird. Ein starker Raucher, der mit einer hohen Nikotindosis beginnt, wird — insgesamt betrachtet — für einen längeren Zeitraum mit Pflastern versorgt werden, als ein weniger starker Raucher, der nur mit einem niedrig dosierten Pflaster startet. Demgegenüber steht das Argument, dass ein starker Raucher auch eine längere „Raucher–Karriere“ vorweist.

Mittels der (wegen Nebenwirkungen und der vielen bekannten Todesfälle) umstrittenen „Raucherpille“ Zyban, die eigentlich ein Medikament gegen Depressionen ist, soll das Abhängigkeitzentrum und –gedächtnis beeinflusst werden. Der Raucher soll vor dem Entzug geschützt werden, damit er ein Handeln ohne Zigaretten erlernt. Nach dem Beenden der medikamentös unterstützten Therapie soll das antrainierte Nicht–Rauchen stark genug sein, um den einsetzenden Entzugserscheinungen standzuhalten.

Akupunktur– und Hypnosetherapien sind gleichsam bemüht, dem aufhörwilligen Raucher eine Zeit anzubieten, in der er die Wirkungen des psychischen und physischen Entzugs weniger deutlich (oder überhaupt nicht) spürt. Auch hier soll das Verhalten verändert werden.

Zur Gruppe 2 zählt die neuerdings häufig zur Diskussion stehende Methode von Christine Engelbrecht.

Der Raucher verzichtet dabei bewusst auf die abhängig machende Substanz Nikotin — erlebt den mehrere Tage anhaltenden (leicht auszuhaltenden) körperlichen Entzug also ganz bewusst.

Dabei „raucht“ der Entwöhnwillige nämlich weiter: Zigaretten, die mit Kräutern gefüllt sind und die demnach kein Nikotin beim Rauchen abgeben. Die entwöhnende Person soll dabei lernen, dass das Rauchen selbst keine süchtigmachende Handlung ist. Es soll ein Bewusstsein für Nikotin geschaffen werden, der „Raucher“ soll den Unterschied zu nikotinhaltigen Zigaretten bewusst erfahren.

Die Engelbrecht–Methode geht davon aus, dass die unter Nikotineinfluss entstandene Konditionierung durch nikotinfreie Rauchwaren umkehrbar ist: Rauchen entspannt nicht, es hat keine nützlichen Wirkungen. Mit jeder Kräuter–Zigarette soll die entwöhnende Person die Ursache der Abhängigkeit von der Zigarette auf den im Tabak enthaltenen Stoff Nikotin übertragen: Nicht das Rauchen, sondern Nikotin macht abhängig. Als „Erfolg“ dieser Methode soll die zuvor abhängig rauchende Person das Ritual, den Vorgang des Rauchens, nach einigen Monaten (mindestens einem) zu vergessen beginnen. Personen, die mit dieser Methode aufhörten, berichten, dass es keine Verlustangst gäbe: Sie trauern der Zigarette nicht nach.

Die französische Pharmafirma Arkopharma hat nikotinfreie Rauchwaren unter dem Namen „NTB–Kräuterretten“ auf den Markt gebracht, die zur Raucherentwöhnung verkauft werden. Studien, denen zufolge die Entwöhnung mit Kräuterzigaretten erfolgreich sei, sind nicht online auffindbar. Während NTB–Kräuterretten in den meisten Mitgliedsstaaten der EG verhältnismäßig billig verkauft werden, wird in Deutschland auf dieses Produkt Tabaksteuer erhoben, was diese „Zigaretten“ erheblich verteuert. Alternativ ist Kräutertabak der Firma Zentauri erhältlich, mit dem Kräuterzigaretten selbst gedreht werden können.

Eine weitere Methode, die sowohl die physische als auch psychische Abhängigkeit bekämpft, ist die Aversionstherapie. Hierbei werden unangenehme, eklige Gefühle mit dem Rauchen verbunden. Die Methode gilt als umstritten, weil sie mit den Ängsten der Teilnehmer umgeht.

Andere Aufhör–Methoden, die dem esoterischen Bereich entstammen, haben nur eine geringe Bedeutung und können hier nicht angeführt werden.

Zusammenfassung der Abgewöhn–Methoden

Es ist offensichtlich, dass Rauchen nicht allein eine „Angewohnheit“ ist, die einfach beendet werden kann. So, wie Patienten mit anderen Abhängigkeitserkrankungen geholfen wird, sollte auch mit entwöhnwilligen Rauchern verfahren werden. Mit dem Raucher ist eine Behandlung auszuarbeiten, während der ihm die Methoden erläutert werden, die zur Verfügung stehen. Wie bei anderen Therapieformen für Abhängige ist auch hier die Methode zu wählen, von der der Patient selbst überzeugt ist.

Es darf angenommen werden, dass Aufhörer, die betreut werden (Gruppen, Ärzte), eine bessere Aussicht auf dauerhafte Abstinenz haben. Es spielt offensichtlich auch eine Rolle, wie stark der Aufhörer von der Methode des Aufhörens überzeugt ist (Berichte in Raucher–Foren äußern sich in dieser Richtung).

Es lässt sich keine allgemeingültige Empfehlung für bestimmte Entwöhnungs-Methoden geben, jede Methode hat Vor- und Nachteile und wirkt bei jedem Menschen anders. Zudem sollte wie bei anderen Therapieformen für Abhängige eine Methode gewählt werden, von der der Betroffene selbst überzeugt ist.

Literatur

  • Rüdiger und Margit Dahlke: Die Psychologie des blauen Dunstes, Droemer/Knaur, ISBN 3-426-87106-8
  • Stefan Reinhart: ...und sie schmeckt doch. Das Trainingsbuch, um Nichtraucher zu werden. Driediger, 2006, ISBN 3-93213-017-0
  • Thilo Baum, Stefan Frädrich: Günter, der innere Schweinehund, wird Nichtraucher. Ein tierisches Gesundheitsbuch GABAL-Verlag, ISBN 3-89749-625-9
  • Allen Carr: Endlich Nichtraucher. ISBN 3-442-13664-4
  • Stefan Frädrich: Luft! Ganz einfach Nichtraucher Droemer-Knaur, ISBN 3-426-77796-7
  • Henner Hess, Brigitta Kolte, Henning Schmidt-Semisch: Kontrolliertes Rauchen. Tabakkonsum zwischen Verbot und Vergnügen. Lambertus Verlag, Freiburg 2004
  • Inke Jochims/Wilhelm Gerl: Rauchfrei ohne zuzunehmen. Ernährungstipps für schlanke Nichtraucher. - Berlin: Hedwig-Verlag 2004.
  • Peter Lindinger: Nichtrauchen und trotzdem schlank. Fischer Taschenbuch, 2000
  • Peter Lindinger: Lust und Last des Rauchens. Fischer Taschenbuch, 2004
  • Christine Engelbrecht: Leben ohne Nikotin. BoD, 2004, ISBN 3-8334-1953-9
  • Franz W. Bauer: Die Rauchgiftfalle - Die heimliche Angst der Raucher vor dem Nichtrauchen, BoD, 2005, ISBN 3-8334-3945-9
  • Helmut Geist: Rauchopfer - Die tödlichen Strategien der Tabakmultis Horlemann Taschenbuch, 2004, ISBN 3-89502-181-4

Siehe auch

Quellen

  1. Fernsehsendung „Zigaretten aus der Apotheke“, Süddeutscher Rundfunk, Januar 1996
  2. Ärzte Zeitung, Neu-Isenburg, vom 7. Juni 1999
  3. Quellenangabe nötig!
  4. Bild der Wissenschaft
  5. Tabakkontrolle.de - Webseite der WHO
  6. http://www.bag.admin.ch/dienste/medien/2003/d/03052728.htm
  7. [1]
  8. nichtraucher-kids.de
  9. tabakkontrolle.de
  10. http://www.aerztewoche.at/viewArticleDetails.do?articleId=5707 aerztewoche.de
  11. http://www.facts.ch, Feb. 2000
  12. Ärzte Zeitung, Neu-Isenburg, vom 7. Juni 1999
  13. Rhein-Zeitung vom 12. Juni 1998
  14. FOCUS vom 17. Januar 2000
  15. Tabakabhängigkeit 1. Auflage 2001[2]
  16. Abgewandelt zitiert nach „Pille erhöht Chance für Rauch-Entwöhung“, FTD, 24. Januar 2007, S. 30, dort zitiert nach Kate Cahill, Universität Oxford, veröffentlicht in Cochrane Library doi:10.1002/14651858.CD006103.pub2
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