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Morphin



Steckbrief
Name (INN) Morphin
Wirkungsgruppe

Opioid-Analgetikum

Handelsnamen

Morphin®, MST®, MSI® u. a

Klassifikation
ATC-Code N02AA01
CAS-Nummer 57-27-2
Verschreibungspflichtig: BtmG

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Fachinformation (Morphin)
Chemische Eigenschaften

IUPAC-Name: 7,8-didehydro-4,5-epoxy- 17-methylmorphinan-3,6-diol
Summenformel C17H19NO3
Molare Masse 285,4 g/mol

Morphin ist das Haupt-Alkaloid des Opiums und zählt damit zu den Opiaten. Es wirkt als Opioid und wird in der Medizin als eines der stärksten bekannten natürlichen Schmerzmittel (Analgetikum) eingesetzt. Es war das erste in Reinform isolierte Alkaloid und damit der Anfang einer damals neuen wissenschaftlichen Disziplin, der Pharmakologie.

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Inhaltsverzeichnis

Geschichte und Namensgebung

Morphin wurde erstmals 1804 vom deutschen Apotheker Friedrich Wilhelm Adam Sertürner in Paderborn isoliert. Dieser nannte den Stoff zunächst Morphium nach Morpheus, dem griechischen Gott der Träume und des Schlafes. Erst später bekam die Droge den Namen „Morphin“, der heute hauptsächlich in Gebrauch ist.

Vorkommen und Biosynthese

  Morphin wird aus Opium, d. h. aus dem getrockneten Milchsaft des Schlafmohns (Papaver somniferum), gewonnen. Die Totalsynthese ist aufwändig und liefert geringe Ausbeuten – bei der Fuchs-Synthese beträgt sie etwa 10 %. Die Ausgangsstoffe dazu sind Phenylalanin und 4-Hydroxyphenyl-acetaldehyd. Dabei ist Norcoclaurin ein wichtiges Zwischenprodukt. Über Reticulin werden dann die Morphinan-Alkaloide gebildet, zu denen das Morphin gehört.

Auch Säugetiere können Morphin enzymatisch aus L-Tyrosin und L-Dopa aufbauen.

Anwendung

Morphin wird zur Behandlung von starken und stärksten Schmerzen verwendet; es hat keinen so genannten Ceiling-Effekt. Als Darreichungsformen gibt es Retardkapseln und -Tabletten, Tropfen, Retard-Granulat, Zäpfchen sowie Injektionslösungen.

Im Vergleich zu anderen Ländern wird in Deutschland Morphin seltener verschrieben. Zum Beispiel ist die verordnete Gesamtmenge für Tumorpatienten in Dänemark siebenmal höher. Schätzungen zufolge könnten in Deutschland bis zu einer Million Menschen auf die Gabe von Opiaten angewiesen sein. Die 1996 verschriebene Menge an entsprechenden Medikamenten gewährleistete eine Behandlung von höchstens 150.000 Patienten.

Der Grund hierfür kann sowohl in der nach heutiger Lehrmeinung unbegründeten Angst vor starken Nebenwirkungen als auch im bürokratischen Verschreibungsverfahren, das speziell zu beantragende Betäubungsmittelrezeptformulare erfordert, liegen. Umfragen Ende der 1990er Jahre haben gezeigt, dass lediglich ein Drittel der niedergelassenen Allgemeinmediziner über die notwendigen BtM-Formulare verfügt, bei den Chirurgen waren es sogar nur 10 %.

Wesentliche Nebenwirkung der dauerhaften Therapie ist eine Neigung zur Obstipation. Daher sollte bei jeder Morphintherapie ein Abführmittel mitverordnet werden. Bei chronischen Schmerzen sind retardierte Morphine zu bevorzugen.

Bei kurzfristiger Gabe oder zu Beginn einer Dauertherapie führt Morphin zu Übelkeit, deshalb sollte vor den ersten Gaben von Morphin ein Mittel gegen Übelkeit gegeben werden.

Die Behandlung mit Morphin sollte nach den WHO-Prinzipien, d. h. nach einem abgestuften Plan (Dosissteigerung wie auch Dosisreduktion) angepasst werden, um Nebenwirkungen zu vermeiden.

  • möglichst orale Applikation
  • individuelle Dosierung
  • nach Möglichkeit nur zusammen mit einem zweiten, peripher wirksamen Schmerzmittel

Bei den meisten Menschen, die nach diesem Schema individuell mit Morphinen behandelt werden, kommt es außer der behandelbaren Verstopfung zu keinen wesentlichen Nebenwirkungen, insbesondere kommt es nur selten zu Abhängigkeiten, Bewusstseinstrübungen, Euphorie oder Dysphorie. Nach Einstellung ist in besonderen Fällen auch das Führen von Fahrzeugen erlaubt.

Pharmakologie

Morphin wirkt zentral als Agonist an Opioidrezeptoren. Dadurch wird die Schmerzweiterleitung verhindert und das Schmerzempfinden des Patienten gesenkt.

Morphin wird zum größten Teil über die Niere ausgeschieden, ein aktiver Metabolit ist das Morphin-6-Glucuronid.

Unerwünschte Nebenwirkungen können sein:

Morphin unterdrückt den Hustenreiz (antitussive Wirkung). Zu Beginn der Therapie kann es zu Übelkeit und Erbrechen kommen, da Morphin direkt auf das Brechzentrum im Hirnstamm wirkt. Nach einiger Zeit lässt diese Nebenwirkung meist nach.

Bei Schmerzpatienten und angemessener Dosierung des Morphins tritt die atemdepressive Wirkung in den Hintergrund, u. a. da der Schmerzreiz selbst die Atmung stimuliert. Eine Obstipation muss bei Langzeitanwendung von Morphinpräparaten fast immer durch die gleichzeitige Verordnung von Abführmitteln verhindert werden. Die Entwicklung einer körperlichen Abhängigkeit stellt bei sachgerechter Schmerztherapie bei Tumorpatienten kein wesentliches Problem dar.[1]

Vergiftung

Sollte eine Morphinvergiftung vorliegen, kann man diese durch Gabe von Naloxon behandeln. Naloxon wirkt als kompetitiver Antagonist, verdrängt also Morphin von den Opiatrezeptoren, und hebt dadurch dessen Wirkung auf. Dabei sollte vorsichtig dosiert werden. Wird zu viel Naloxon verabreicht, kann der (morphiumsüchtige) Konsument von der Überdosis direkt in den Entzug übergehen. Weiterhin ist zu beachten, dass die Halbwertszeit von Naloxon deutlich unter jener von Morphin liegt, der Patient also kurzzeitig beschwerdefrei ist, aber nach dem Nachlassen der Wirkung von Naloxon wieder an einer Überdosierung mit Atemstillstand leiden kann. Eine längere Beobachtung bei Morphinintoxikationen ist deshalb Pflicht, häufig wird zur Sedation und zur Linderung einer etwaigen Entzugssymptomatik die gleichzeitige Gabe von Diazepam (Handelsname Valium) gefordert.

Die für einen durchschnittlichen Erwachsenen tödliche Morphindosis liegt bei oraler Aufnahme bei 0,2 g (bis 1,5 g bei Menschen mit einer Toleranz), nach parenteraler Applikation bei 0,1 g. Für Säuglinge können schon zwei bis drei Tropfen Opiumtinktur tödlich sein.

Verwandte Substanzen

Heroin ist ein Derivat (Abspaltprodukt, Abkömmling, ähnlicher Stoff) des Morphins. Es wird durch Acetylierung (Art der Umwandlung) aus Morphin gewonnen.

Rechtslage in Deutschland

Morphin ist in der Bundesrepublik Deutschland aufgrund seiner Aufführung in der Anlage 3 BtMG ein verkehrsfähiges und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel. Der Umgang ohne Erlaubnis oder Verschreibung ist grundsätzlich strafbar. Weitere Informationen sind im Hauptartikel Betäubungsmittelrecht in Deutschland zu finden.

Literatur

  • Waltraud Stammel, Helmut Thomas: Endogene Alkaloide in Säugetieren. Ein Beitrag zur Pharmakologie von körpereigenen Neurotoxinen. Naturwissenschaftliche Rundschau 60(3), S. 117 - 124 (2007), ISSN 0028-1050

Einzelnachweise

  1. Suzuki T: Modification of morphine dependence under chronic pain and its mechanism. Yakugaku Zasshi (2001) 121:909-914. PMID 11766405.

Siehe auch

Morphinäquivalenzdosis

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Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Morphin aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
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