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Ketamin



Strukturformel
Allgemeines
Name Ketamin
AlternativnamenKetamine, Ketanest®, Ketavet®
Summenformel: C13H16ClNO
CAS-Nummer(R)-(-)-Ketamin 6740-88-1
(S)-(+)-Ketamin 33643-46-8
Molmasse: 237,7 g/mol
LD50: (S)-(+)-Ketamin 35mg/kg
(R)-(-)-Ketamin 41,5mg/kg
Plasmahalbwertzeit: 2-4 Stunden
klinische Wirkung deutlich kürzer,
da schneller Umverteilungseffekt
Therapeutische Dosis: 1-2 mg/kg (i.v.)
bzw. 2-8 mg/kg (i.m.)
S-Ketamin jeweils die Hälfte

Ketamin ((RS)-2-(2-Chlorphenyl)- 2-(methylamino) cyclohexanon) ist ein Arzneimittel, das in der Human- und Tiermedizin zur Narkose und zur Behandlung des Status asthmaticus eingesetzt wird. Ketamin nimmt durch die Auslösung einer sogenannten „dissoziativen Analgesie“ eine Ausnahmestellung gegenüber anderen Analgetika und Narkotika ein. Ketamin ist in Deutschland u. a. unter dem Namen Ketanest® S (als Esketamin) und unter generischer Bezeichnung im Handel. Es ist verschreibungspflichtig, unterliegt jedoch nicht dem Betäubungsmittelgesetz.

Inhaltsverzeichnis

Chemie

Ketamin ist ein chirales Cyclohexanonderivat, verwandt mit Phencyclidin (PCP) und dem Opioid Pethidin. Das wirksamere Enantiomer, das Eutomer, ist das S-Ketamin ("Esketamin"). Das S-Enantiomer ist sowohl für die narkotische und analgetische, aber auch für die halluzinogene Wirkung verantwortlich. Das Häufiger vorkommende R-Enantiomer ist allerdings sehr viel stärker noch für Nebenwirkungen wie Desorientiertheit, Agitation und Schmerzen verantwortlich.

Ketamin kann per Dreischrittsynthese hergestellt werden aus 2-Chlorbenzonitril und Cyclopentylmagnesiumbromid mittels Grignard-Reaktion und Umsetzung mit Methylamin.

Pharmakologie

Klinische Wirkung

Ketamin findet in der Anästhesie zu Narkosezwecken, bei der Schmerzbehandlung (Analgesie) in der Notfallmedizin und zur Behandlung des therapieresistenten Status asthmaticus Anwendung. Charakteristisch für die Wirkung des Ketamin ist die Erzeugung einer sogenannten „dissoziativen Anästhesie“. Darunter wird die Erzeugung von Schlaf und Schmerzfreiheit unter weitgehender Erhaltung der Reflextätigkeit, insbesondere der Schutzreflexe, verstanden. Ketamin ist sowohl ein schlaferzeugendes Mittel (Hypnotikum) als auch ein potentes Analgetikum. Heute findet Ketamin vor allem in der Veterinärmedizin (z.B. in Kombination mit Xylazin in der Hellabrunner Mischung), in der Notfallmedizin und in der Pädiatrie Anwendung, was manchmal durch den Spruch verdeutlicht wird, Ketamin sei ein Betäubungsmittel für "Kinder, Katzen, Katastrophen".

Wirkmechanismus

Wirkort und -mechanismen der vielfältigen Ketamin-Effekte sind noch nicht restlos geklärt. Der am meisten relevante Wirkort befindet sich am Glutamat-NMDA-Rezeptorkomplex. Die Aminosäure Glutamat ist ein wichtiger Neurotransmitter des Zentralnervensystems (ZNS), wo sie einen Calciumeinstrom bewirkt, der vielfältige intrazelluläre Prozesse induziert. Ketamin hat dort eine antagonistische Wirkung unter Verwendung der Phencyclidin-Bindungsstelle am NMDA-Rezeptor. Ketamin beeinflusst das cholinergene System, in dem es die NMDA-Rezeptor-abhängige Acetylcholin-Freisetzung verhindert. Ketamin hemmt ebenfalls andere Glutamatrezeptoren, darüber hinaus zeigt es eine schwache agonistische Wirkung an Opioidrezeptoren und Affinität zu GABA-Rezeptoren. Weiterhin wirkt es hemmend auf die periphere Wiederaufnahme von Katecholaminen, wie Noradrenalin und Dopamin, an der synaptischen Endplatte mit Verstärkung endogener, wie exogener Katecholamineffekte.

Durch diese Mechanismen kommt es zu einer ausgeprägten Stimulation des Herz-Kreislauf-Systems, z. B. erhöhtes Herzvolumen, gesteigerte Herzfrequenz, erhöhter Puls und erhöhter Venendruck, bzw. Arteriendruck. Durch Überstimulation des Zentralnervensystems oder Induktion eines kataleptischen Stadiums wird eine Amnesie ausgelöst. Das thalamoneocorticale System wird gedämpft, das limbische aktiviert. Ketamin wirkt auf das periphere Nervensystem sowohl depressiv (durch Blockade des Membranstroms) als auch exzitatorisch (durch Modifikation der Natrium-Kanal-Fraktion). Es hat nur geringe viscerale analgetische Effekte, dafür aber ausgeprägte somatische. Weiterhin scheint Ketamin eine antidepressive Wirkkomponente zu besitzen, die bereits nach zwei Stunden einsetzt.[1] Damit könnte Ketamin die Behandlung mit gängigen Antidepressiva ergänzen, die oft mehrere Wochen benötigen, um ihre volle Wirkung zu entfalten.  

Ketamin kann nasal, oral, intravenös sowie intramuskulär appliziert werden.

Neben- und Wechselwirkungen

Ketamin hat vor allem psychotrope Nebenwirkungen (Pseudohalluzinationen), daneben wirkt Ketamin als einziges Narkotikum auch blutdruck- und pulssteigernd. Diese Nebenwirkung ist bei manchen Patienten erwünscht. Im Rahmen der Notfallmedizin ist es das einzige Medikament, mit dessen Einsatz kreislaufstabilisierende und narkotische Effekte kombiniert werden können. Der Einsatz bei Patienten mit schwerer koronarer Herzerkrankung (z. B. Herzinfarkt) ist hingegen abzulehnen, weil das Medikament durch Herzfrequenz- und Blutdruckanhebung die Herzarbeit steigert und somit den Sauerstoffverbrauch des Herzmuskels erhöht.

In der Routineanästhesie wird Ketamin aufgrund der psychotropen Nebenwirkungen weitgehend abgelehnt. Die Kombination mit einem Benzodiazepin kann aber das Auftreten von Albträumen und Halluzinationen in der Aufwachphase teilweise verhindern. Eine Reizabschirmung ist ebenfalls sinnvoll. Eine ausreichende Vorbereitung auf die zu erwartenden Halluzinationen durch psychologisch geschultes Personal wäre der andere Weg mit dieser Nebenwirkung umzugehen. Oftmals berichten Patienten auch von extrem befreienden Träumen und Gedanken in der sehr dissoziativen Phase des Aufwachens aus der Ketamin-Betäubung.

Erfahrungsberichte aus dem klinischen Alltag bescheinigen dem neueren Präparat Ketanest S® eine geringeres psychotropes Potential als den älteren Ketamin-Präparaten. Leider ist aber bei diesem Präparat auch die anästhetische Wirkung weniger ausgeprägt als beim bisher verwendeten Ketamin.

Gebrauch als Rauschmittel

Auf Grund seiner dissoziativen, bewusstseinsverändernden Wirkung ist Ketamin in vielen europäischen Ländern auch als Partydroge[2] bekannt (Szenenamen: K, Kate, Ket, Kitty, Kiti, Special K, Vitamin K, Ketamin C, Fiction, Keta). Seine Nebenwirkungen wie das Ketamin-Loch, insbesondere das relativ häufige Auftreten von so genannten Horrortrips (albtraumartige Szenen mit Nahtod-Erlebnissen und Tunnelvisionen), schränken bei vielen Benutzern seine Beliebtheit ein, bei einigen ist die Beliebtheit gerade darin begründet. Während des Trips beschreiben viele eine "Auflösung der eigenen Existenz".

Ketamin wird aber nicht nur als Partydroge gebraucht, sondern auch in psychotherapeutischen Zusammenhängen angewendet, in denen die hier so genannten "Horrortrips" als betreute Sitzungen verarbeitet werden. Auch wird von hedonistischem Drogenkonsum, wie z.B, bei John Cunningham Lilly (siehe Literatur) berichtet, wo Gruppen von Konsumenten, deutlich außerhalb jeder "Partyszene" angesiedelt, gemeinsame dissoziative Reisen unternehmen.

Geschichte

Im Rahmen eines Forschungsauftrages der Firma Parke-Davis bei der Suche eines Ersatzes für das mit starken Nebenwirkungen behaftete Narkosemittel Phencyclidin (PCP, „Angel Dust“) synthetisierte Calvin L. Stevens, Pharmakologe an der Wayne State University (Detroit, Michigan, USA), im April 1962 erstmalig die Substanz Ketamin. Im Jahre 1966 erhielt dann Parke-Davis ein Patent[3] für die Herstellung von Ketamin als Arzneimittel sowohl für die Humanmedizin als auch für die Tiermedizin. Edward Felix Domino, Professor für klinische Pharmakologie an der Universität in Michigan (USA), führte am 3. August 1964 seinen ersten (nicht medizinischen) Selbstversuch mit Ketamin durch und erkannte dabei das psychedelische Potential der Substanz. Die Bezeichnung „dissoziatives Anästhetikum“ für Ketamin wurde von ihm dann im folgenden Jahr 1965 eingeführt.

Zur Vermeidung der post-operativen Halluzinationen, die oft bei Patienten auftraten, wurde ein als "S-Ketamin" vermarktetes Derivat entwickelt.

Im Vietnamkrieg erlangte „Special K“ bei US-Soldaten als Schmerzmittel und Droge eine bedeutende Rolle und wurde weltbekannt.

Popkulturelle Bekanntheit erlangte der Ausdruck Special K durch einem im Jahr 2000 veröffentlichten Song der britischen Band Placebo. Zuvor wurde es im Kinofilm Kids erwähnt. In Episode 10 der 4. Staffel von "Six Feet Under" berichtet Russel Claire von einem Ketamin-Loch, aus dem er sich gerade zu befreien versuche.

In dem deutschen Film "Kammerflimmern" wird von zwei der Protagonisten ebenfalls Ketamin konsumiert, der auf diese Szene folgende Schnitt legt ebenfalls das Auftreten eines K-Hole nahe.

Rechtslage

In Großbritannien hat der zunehmende Gebrauch von Ketamin als Droge die Regierung veranlasst, das Medikament ab Januar 2006 als Droge der Klasse C einzustufen.[4] Der private Besitz wird dort somit strafbar und kann mit bis zu zwei Jahren Haft, der Handel mit bis zu 14 Jahren Haft bestraft werden.

In anderen Ländern wurden bisher keine Strafen für Handel oder Besitz von Ketamin verhängt. Mittlerweile wird es allerdings auch in Ländern, in denen es bisher frei erhältlich war (z.B. Indien), unter Restriktion gestellt.

Siehe auch

  • Portal:Drogen

Literatur

  • Karl Jansen: Ketamine: Dreams and Realities. MAPS, Sarasota (USA) 2001, ISBN 0-9660019-3-1
  • Ralf Bolle: Am Ursprung der Sehnsucht. Tiefenpsychologische Aspekte veränderter Wachbewusstseinszustände am Beispiel des Anästhetikums Ketanest. VWB Verlag Berlin, 1988, ISBN 3-8854857-7-X (wahrscheinlich nur noch antiquarisch erhältlich)
  • John C Lilly: Der Scientist. ISBN 3-8591441-3-8

Quellen

  1. Zarate CA Jr et al: A Randomized Trial of an N-methyl-D-aspartate Antagonist in Treatment-Resistant Major Depression. Arch Gen Psychiatry. 2006 Aug;63(8):856-64. PMID 16894061
  2. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30. April 2006, Nr. 17 / Seite 61:Ketamin - Partydroge aus der Apotheke
  3. US-Patent Nr. 3.254.124
  4. BBC-News: Club 'horse' drug to be outlawed
Bitte beachten Sie den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
 
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Ketamin aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
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