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Alfred Russel Wallace



  Alfred Russel Wallace (* 8. Januar 1823 in Usk, Monmouthshire; † 7. November 1913 in Broadstone, Dorset) war Naturforscher, Philosoph, Sozialist und Aktivist der britischen und irischen Landreformbewegung. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet „Wallace“.

Unabhängig von Charles Darwin formulierte er die Evolutionstheorie. Er widersprach eugenischen Ideen und entwarf eine Utopie eines gerechten demokratischen Sozialstaates nach evolutionären Prinzipien.

Wallace war bedeutender Wegbereiter der Biogeographie und Ökologie. Von 1848 bis 1852 bereiste er das Amazonasgebiet. Von 1854 bis 1860 forschte er im Malayischen Archipel, von wo aus er nicht weniger als 125.660 gesammelte und präparierte Exemplare gesammelter Arten nach England schickte. Die Wallace-Linie im Malayischen Archipel trägt seinen Namen.

Weiteres empfehlenswertes Fachwissen

Inhaltsverzeichnis

Leben und Reisen

Dieser Artikel oder Abschnitt besteht hauptsächlich aus , an deren Stelle besser Fließtext stehen sollte.
  • 8. Januar 1823 geboren als achtes von 9 Geschwistern in Usk, Monmouthshire
  • 1828 Umzug der Familie nach Hertford, Schüler der Hertford Grammar School
  • 1836 Wallace muss, nachdem die Familie bankrott ist, die Schule verlassen
  • 1837 Umzug zu Bruder John (Bauunternehmer) nach London, intensive Beschäftigung mit Ideen des Sozialisten Robert Owen
  • 1837 Beginn der Arbeit im Vermessungsgeschäft seines Bruders William, Uhrmacherlehre
  • 1839 Selbststudium Mathematik und Geometrie, Lektüre des ersten Botanikbuches
  • 1843 Tod des Vaters
  • 1843-1844 Lehrer von „junior classes“ in Leicester
  • 1844 Alfred trifft in Leicester seinen späteren Reisepartner Henry Walter Bates, beginnt Insekten zu sammeln
  • 1846 Bruder William stirbt, Zusammenarbeit mit Bruder John, erneut als Landvermesser, Architekturprojekt
  • 1848-1852 Reise nach Südamerika, Verlust der gesamten Sammlung durch Schiffbruch auf der Heimreise
  • 1853 Veröffentlichung Narrative of Travels on Amazon and Rio Negro
  • 1854-1862 Reise nach Singapur, Aufenthalt und Sammlung im Malayischen Archipel
  • 1855 Sarawak-Paper
  • 1858 Ternate-Essay
  • 1864 Wallace lernt seine spätere Frau Annie Mitten kennen, wird Assistenzsekretär bei der Royal Geographical Society
  • 1865 Heirat mit Annie Mitten, in den folgenden Jahren werden sie 3 Kinder zeugen
  • 1869 Veröffentlichung The Malay Archipelago
  • 1879 finanzielle Probleme. Wallace schreibt für die Encyclopedia Britannica
  • 1881 Veröffentlichung Land Nationalization, beantragt Civil List Pension von 200₤
  • 1885 Veröffentlichung Bad Times
  • 1886-1887 Vortragsreihe in Nordamerika: New York, Boston, Washington, San Francisco, Yosemite, Nevada, Quebec
  • 1889 Veröffentlichung Darwinism
  • 1897 Vorlesungen in der Schweiz: Davos
  • 1899 Antikriegs-Essays
  • 1913 Veröffentlichungen The Revolt of Democracy und Social Environment and Moral Progress
  • 7. November 1913 Alfred Russel Wallace stirbt in Dorset

Der junge Wallace: Autodidakt, Landvermesser und Juniorarchitekt

Alfreds Vater, Thomas Vere Wallace, ein studierter Jurist und bis zur Heirat mit Mary Anne Greenell ein Müßiggänger, publizierte ein aufwändig gestaltetes Literatur- und Kunstmagazin. Aufgrund des geringen kommerziellen Erfolges wechselte die Familie mehrmals den Wohnort, zuletzt nach Usk, Monmouthshire.[1]

In Usk wurde Alfred Russel Wallace am 8. Januar 1823 als achtes von insgesamt neun Kindern (5 Schwestern, 3 Brüder) geboren. 1828 zog die Familie nach Hertford. In den Jahren darauf verlor der Vater einen Großteil des Vermögens als er es einem „Freund“ anvertraute, der es verspekulierte. Alfred besuchte zu dieser Zeit die Hertford Grammar School, wo er Nachhilfe in Lesen, Arithmetik und Schreiben gab. Sein Vater arbeitete inzwischen in der örtlichen Bibliothek und war Mitglied eines Buchclubs. So war die Familie immer mit Büchern versorgt. Alfred las vor allem Reiseerzählungen, aber auch Comics und Lyrik.[2]

  Ende 1836, im Alter von 13 Jahren, verließ Wallace die Schule und zog nach London zu seinem Bruder John. Geld verdiente er zeitweise in einem Bauunternehmen. Die Brüder verbrachten ihre Abende oft in der Hall of Science, einer Art Intellektuellenclub, der vor allem von Arbeitern, frühen Sozialisten und Anhängern von Robert Owen besucht wurde. In dieser Zeit las er Age of Reason von Thomas Paine. Im selben Jahr noch zog er zu seinem Bruder William nach Bedfordshire, der ein Landvermessungsbüro betrieb. Alfred arbeitete bis 1843 mit William zusammen (abgesehen von der kurzen Zeit einer Uhrmacherlehre, die er bald abbrach). Im April 1843 starb der Vater.[3]

Weil die Landvermessungsgeschäfte nicht gut liefen, wurde Wallace Lehrer für „junior classes“ in Leicester, wo er 1844 lebte und seinen späteren Reisebegleiter Henry Walter Bates, einen Schmetterlings- und Käfersammler, kennenlernte. Wallace ließ sich begeistern und begann ebenfalls mit dem Sammeln. In der Bibliothek von Leicester las er die Arbeiten von Alexander von Humboldt und Thomas Robert Malthus.[4]

1846 starb sein Bruder William. Zusammen mit John arbeitete er noch einmal kurz als Landvermesser in Neath. Dann folgte ein Architekturprojekt: Der Entwurf des Neath Mechanics Institute & Library.[5]

Der reisende Naturforscher, Biologe und Biogeograph

  Vermutlich zwischen 1842 und 1846 las Wallace die Reiseberichte von Humboldt und Charles Darwin. Nach der Lektüre von W.H. Edward's A Voyage up the Amazon beschlossen Wallace und Bates 1847 nach Pará (heute Belém) in Südamerika zu reisen. Zuvor hatten sie sich beim Verantwortlichen der Schmetterlingssammlung des British Museum vergewissert, dass es dort noch viele unentdeckte Arten geben müsse und dass die Reisekosten aus dem Verkauf doppelt gesammelter Exemplare beglichen werden könnten.[6]

Südamerika

1848 querten sie den Atlantik auf der Barke Mischief. Vier Jahre lang sammelten Wallace und Bates am Amazonas und am Rio Negro, bei Barra, Sao Joaquin und Vaupes. Meist gingen sie getrennte Wege. Wallace wurde zeitweise von seinem Bruder Herbert begleitet, bis dieser Ende Mai 1851 an Gelbfieber starb. Auf der Rückreise nach England brach auf dem kautschukbeladenen Schiff Helen Feuer aus. Wallace verlor seine Sammlung. Nur wenige Zeichnungen konnte er ins Beiboot retten. Zehn Tage später nahm sie die Jordeson auf.

Das Material reichte nur für einen kurzen Reisebericht: die Narrative of Travels on Amazon and Rio Negro, wovon 750 Exemplare gedruckt wurden. Immerhin brachte dieser ihm Aufmerksamkeit und Kontakte ein: So lernte Wallace nach seiner Rückkehr in London Thomas Henry Huxley kennen und in der Insektensammlung des Natural History Museum begegnete er Charles Darwin.

Nur aufgrund des Engagements ihres Agenten, der ohne das Wissen der beiden Naturforscher die Sammlung über 200 ₤ versichert hatte, entgingen Wallace und Bates einem finanziellen Desaster. Wallace schätzte später die Verluste auf etwa 500 ₤.[7]

Der Malaiische Archipel

Während der Besuche in den Vogel- und Insektensammlungen des British Museum kam Wallace zu der Überzeugung, dass die Inselgruppen des Malaiischen Archipels, die für eine unglaublich reiche Artenvielfalt berüchtigt waren, wohl das lohnendste Ziel für Sammler und Naturforscher sein müssten.[8]

Mit Hilfe des Präsidenten der Royal Geographical Society, Roderick Murchison, erhielt er ein Ticket nach Singapur Anfang 1854. Acht Jahre verbrachte er im Malaiischen Archipel. Nach Singapur bereiste er Malakka, Borneo, Java, Sumatra, Bali, Lombok, Timor und Celebes, die Molukken und Papua-Neuguinea. Er katalogisierte 125.660 Pflanzen- und Tier-Exemplare und sandte diese nach England.[9] Insbesondere beschäftige er sich auch mit der Verbreitung und Biologie der Paradiesvögel.

Nicht nur die Bedingungen seiner Sammelexkursionen waren beschwerlich, auch die erste Aufarbeitung vor Ort erforderte große Geduld [auf Borneo]:

... Meine Sammlungen wurden hier unter mehr als gewöhnlichen Schwierigkeiten präpariert. Ein kleines Zimmer mußte zum Essen, schlafen und Arbeiten, als Vorratshaus und als Sectionszimmer dienen; es waren keine Börter, Schränke, Stühle oder Tische darin; Ameisen krochen überall umher und Hunde, Katzen und Federvieh trat nach Gefallen ein und aus. Daneben stellte es das Sprech- und Empfangszimmer meines Wirthes vor, und ich war genöthigt auf ihn und auf die zahlreichen Gäste, die uns besuchten, Rücksicht zu nehmen. Mein Hauptmöbel war ein Kasten, der mir als Eßtisch, als Stuhl beim Abbalgen und als Aufbewahrungsort für Vögel, wenn sie abgebalgt und getrocknet waren, diente. Um sie vor Ameisen zu schützen, liehen wir uns mit einiger Schwierigkeit eine alte Bank, deren vier Beine in mit Wasser gefüllten Kokosnußschalen gestellt wurden und uns so ziemlich frei von dieser Plage hielten. Der Kasten und die Bank waren jedoch buchstäblich die einzigen Plätze, wohin man etwas legen konnte. ... Man begreift daher wohl leicht, daß wenn irgend etwas von größerem Umfange oder etwas Außergewöhnliches gebracht wurde, die Frage 'Wo kann man es hinlegen?' ziemlich schwierig zu beantworten war. dazu kommt noch , daß alle thierischen Substanzen eine gewisse Zeit brauchen um ganz zu trocknen, daß sie einen sehr unangenehmen Geruch dabei verbreiten und besonders anziehend für Ameisen, Fliegen, Hunde, Ratten, Katzen und anderes Ungeziefer sind, und eine besondere Vorsicht und beständige Aufsicht erfordern, welche unter den oben beschriebenen Umständen unmöglich war. ...[10]

Die Sarawak-Publikation

Nachdem Wallace einige Zeit auf der malayischen Halbinsel verbracht hatte, reiste er nach Sarawak auf Borneo, wo er über ein Jahr forschte und Orang-Utans beobachtete. Hier verfasste er im Februar 1855 auch seine erste bedeutende wissenschaftliche Arbeit, die später als das „Sarawak-Paper“ bekannt werden sollte — der vollständige Titel lautet: On the Law Which Has Regulated the Introduction of New Species.[11]

Inhalt

Aus den allgemein anerkannten geologischen Beobachtungen von Charles Lyell, die dieser im Buch Principles of Geology formuliert hatte, streitet Wallace nun für das Prinzip der langsamen, kontinuierlichen und graduellen Entwicklung der Arten:

Every species has come into existence coincident both in space and time with a pre-existing closely allied species.

So selbstverständlich dieser Satz heute klingt, so revolutionär war 1855 die Idee einer kontinuierlichen, graduellen Evolution des Lebens: Da alle Arten zusammenhängen und jede Art aus einer nahe verwandten, ähnlichen Art entstanden sein muss, ist auch die Entstehungsgeschichte des Lebens eine Folge von graduellen, kontinuierlichen Entwicklungen. In den Erläuterungen beschrieb er das Klassifizierungssystem der Arten bereits als Baum, dessen Blätter, Äste, Verzweigungen und Stamm die (möglicherweise zum Teil schon ausgestorbenen, nicht mehr existierenden) Arten darstellen, die ihre gemeinsame Wurzel in Antitypen, also Urtypen, haben müssen — eine Interpretation, die allgemein Darwin zugeschrieben wird, der diese Darstellung später in Origin of Species (1859) visualisieren wird.

Again, if we consider that we have only fragments of this vast system, the stem and main branches being represented by extinct species of which we have no knowledge, while a vast mass of limbs and boughs and minute twigs and scattered leaves is what we have to place in order, and determine the true position each originally occupied with regard to the others, the whole difficulty of the true Natural System of classification becomes apparent to us.
(Alfred Russel Wallace, On the Law Which Has Regulated the Introduction of New Species, In: Annals and Magazine of Natural History, Volume 16, 1855, p. 187, online [13])

Reaktionen

Der Text wurde im September 1855 in den Annals and Magazine of Natural History gedruckt. Das Echo war gering, jedoch zeigte sich Charles Darwin in einem Brief beeindruckt und merkte an, dass auch ihn dieses Thema beschäftige:

By your letter, and even still more by your paper in the Annals, a year or more ago, I can plainly see that we have thought much alike and to a certain extent have come to similar conclusions. In regard to the paper in the Annals, I agree to the truth of almost every word of your paper; and I daresay that you will agree with me that it is very rare to find oneself agreeing pretty closely with any theoretical paper; for it is lamentable how each man draws his own different conclusions from the very same fact. This summer will make the twentieth year (!) since I opened my first note-book on the question how and in what way do species and varieties differ from each other. I am now preparing my work for publication, but I find the subject so very large, that though I have written many chapters, I do not suppose I shall go to press for two years. — Letter from C. Darwin to A.R. Wallace, May 1, 1857
(James Marchant, Alfred Russel Wallace. Letters and Reminiscences, Vol. I, p. 129-130, online [14])

Das Ternate-Essay

Im Januar 1858 erreichte Alfred Russel Wallace, der seit Monaten unter Fieber litt, die Molukken, wo er seinen Essay On the Tendency of Varieties to depart indefinitely from the Original Type formulierte.[12]

Inhalt

Unter Naturforschern des 19. Jahrhunderts war allgemein anerkannt, dass es innerhalb der Arten varieties, Variationen, gibt, die Einfluss auf das Leben der Individuen hatten — schließlich machten genau diese kleinen Unterschiede zwischen den Individuen die Haustierzucht möglich. Auch Wallace war auf seinen Reisen immer wieder geographische Variationen aufgefallen, die gekennzeichnet waren durch kleine Unterschiede in Färbung und Körperbau. Ohne dass diese Eigenschaften der Tiere bedeutend genug waren, um sie als eigene Art zu kennzeichnen. Wallace vermutete nun, dass species, also Arten, nichts anderes als varieties seien, die sich weit genug vom original type, der ursprünglichen Form, entfernt hatten, um als neue, stabile und eigenständige Art zu gelten. Doch wie wurde das Zusammenspiel dieser ständigen graduellen Variationen, sowohl zwischen den Individuen als auch zwischen den Arten geregelt und stabilisiert, so dass der Eindruck einer nahezu konstanten Artenvielfalt entstehen konnte? Und doch so dynamisch und divergent, dass sich aus diesen Variationen immer neue Arten bildeten?

Da sich Populationen in der Natur im geometrischen Verhältnis fortpflanzen (d.h. mit im statistischen Mittel konstanter Zahl von Nachkommen pro Individuum oder Elternpaar), müssten in kürzester Zeit gigantische Populationen entstehen. Wallace beschrieb am Beispiel von Vögeln, die zwei bis zehn Nachkommen pro Jahr zeugen, dass sich ein einzelnes Pärchen innerhalb von nur wenigen Jahren millionenfach vermehren würde. Da uns jedoch die Zahl der existierenden Tiere nahezu konstant erscheint, muss es einen Regelmechanismus geben, der die Natur im Gleichgewicht hält. Im Februar 1858 kam ihm die entscheidende Idee. Inspiriert durch Texte von Thomas Robert Malthus und Robert Chambers beschrieb Wallace das Leben der wilden Tiere und auch das Bestehen ganzer Arten in der Natur als struggle for existence. Evolutionsbiologen sollten dies später als das Prinzip der Selektion bezeichnen.

The life of wild animals is a struggle for existence. The full exertion of all their faculties and all their energies is required to preserve their own existence and provide for that of their infant offspring. The possibility of procuring food during the least favourable seasons, and of escaping the attacks of their most dangerous enemies, are the primary conditions which determine the existence both of individuals and of entire species.
(Alfred Russel Wallace, On the Tendency of Varieties to Depart Indefinitely From the Original Type, In: Proceedings of the Linnean Society, Volume 3, 1858, p. 53-62, quoted from p. 54, online [15])

Dieses Prinzip sorge „ganz nebenbei“ für die Anpassung, die Adaption, der Arten an ihre Umwelt. Es regle die Balance zwischen den Individuen einer Art sowie die Verbreitung der Arten:

Now it is clear that what takes place among the individuals of a species must also occur among the several allied species of a group, — viz. that those which are best adapted to obtain a regular supply of food, and to defend themselves against the attacks of their enemies and the vicissitudes of the seasons, must necessarily obtain and preserve a superiority in population; while those species which from some defect of power or organization are the least capable of counteracting the vicissitudes of food, supply, &c., must diminish in numbers, and, in extreme cases, become altogether extinct. Between these extremes the species will present various degrees of capacity for ensuring the means of preserving life; and it is thus we account for the abundance or rarity of species.
(Alfred Russel Wallace, On the Tendency of Varieties to Depart Indefinitely From the Original Type, In: Proceedings of the Linnean Society, Volume 3, 1858, p. 53-62, quoted from p. 57, online [16])

Diese Prinzip des Gleichgewichts in der Natur verglich Wallace mit einem Zentrifugalregler einer Dampfmaschine, der Unregelmäßigkeiten ausgleicht kurz bevor sie sichtbar werden: centrifugal governor of the steam engine, which checks and corrects any irregularities almost before they become evident. Das Prinzip geht weit über das hinaus, was Darwin ein Jahr später in seiner Theorie beschreiben sollte — ein vergleichbarer Mechanismus, der die Artenvielfalt kontinuierlich ausbalanciert, fehlt in Darwins Darstellung der Evolutionstheorie. Das Prinzip der divergenten graduellen Variation, der Veränderung von existierenden Arten in winzigen, ungerichteten Schritten weg von ihrem Ursprung, dem original type, wird also durch ein natürliches System von checks and balances geregelt. Es erkläre, so glaubte Wallace, die Entstehung und scheinbare Konstanz der Artenvielfalt, so wie wir sie erleben:

This progression, by minute steps, in various directions, but always checked and balanced by the necessary conditions, subject to which alone existence can be preserved, may, it is believed, be followed out so as to agree with all the phenomena presented by organized beings, their extinction and succession in past ages, and all the extraordinary modifications of form, instinct, and habits which they exhibit.
(Alfred Russel Wallace, On the Tendency of Varieties to Depart Indefinitely From the Original Type, In: Proceedings of the Linnean Society, Volume 3, 1858, p. 53-62, quoted from conclusion on p. 62, online [17])

Am 1. März 1858 verfasste Wallace das Begleitschreiben zu seinem Manuskript und sandte den Brief an Charles Darwin mit der Bitte, sein Manuskript, falls er die Ausführungen für sinnvoll hielte, an Charles Lyell weiterzuleiten. Das Postschiff legte am 9. März in Ternate ab mit diesem Brief und einem Schreiben an den Bruder seines alten Reisegefährten Bates.[13]

Reaktionen

Darwin sandte den Aufsatz an Lyell mit der Bemerkung: „I never saw a more striking coincidence; if Wallace had my MS. sketch written out in 1842, he could not have made a better short abstract! Even his terms now stand as heads of my chapters.“[14]

Wenige Tage später schrieb Darwin erneut an Lyell mit der Bitte um Rat: „But as I had not intended to publish any sketch, can I do so honourably, because Wallace has sent me an outline of his doctrine? I would far rather burn my whole book, than that he or any other man should think that I had behaved in a paltry spirit. Do you not think his having sent me this sketch ties my hands?“[15]

So kam es zum „Delicate Arrangement“. Entsprechend dem Rat von Charles Lyell und Joseph Dalton Hooker erstellte Darwin einen Auszug aus seinem Manuskript, das er ab 1839 entworfen hatte, und von dem er Hooker 1844 eine Kopie zu lesen gegeben hatte. Gemeinsam mit der Zusammenfassung eines Briefes an Asa Gray aus dem Jahr 1857, mit dem er zeigen wollte, dass sich seine Ansichten seit 1839 nicht geändert hatten, und mit dem Aufsatz von Wallace wurde dieser Auszug am 1. Juli 1858 in den Sitzungen der Linnean Society vorgetragen, und dann im Journal of the Proceedings of the Linnean Society abgedruckt.[16]

1859 erschien Darwins On the Origin of Species. Der Verlag hatte schon am ersten Tag die gesamte Auflage von 1250 Stück an die Buchhändler verkauft. Wallace bekam von Darwin ein Exemplar zugesandt, es erreichte ihn im Jahr 1860. Erst zwei Jahre später kehrte er aus dem Malayischen Archipel nach London zurück und traf Darwin.[17]

Darwin leitete sein Buch On the Origins of Species, wenn auch erst in späteren Auflagen, mit einem geschichtlichen Überblick ein, in dem er die wichtigsten Quellen angab, aus welchen er Anregungen zu seinen Ideen erhalten hat. Dort findet sich, recht zurückhaltend formuliert, der Hinweis auf Wallace's Essay: „the theory of Natural Selection is promulgated by Mr. Wallace with admirable force and clearness“.[18]

Unklar bleibt wie sehr Darwin von Wallace's Arbeit profitiert hat. Der Historiker John Langdon Brooks etwa versucht zu belegen, dass Darwin einen 41 Seiten langen Einschub zum Divergenzprinzip, geschrieben auf andersfarbigem Papier, erst nach der Lektüre des Ternate-Essays eingefügt hat — und ihm eben dieses letzte Puzzlestück noch in seiner Theorie fehlte. Peter J. Bowler argumentiert im Gegenzug, dass Wallace erst durch seinen Briefwechsel mit Darwin die Prinzipien von Variation und Selektion verstehen konnte — und dass das Ternate-Essay Darwin lediglich zur Veröffentlichung der Ergebnisse seiner Arbeit der letzten 20 Jahre zwang.[19]

Der Darwinist

Alfred Russel Wallace bezeichnete sich zeitlebens als energischsten Verfechter des Darwinismus, gleichzeitig war er einer der einflussreichsten Kritiker unter den ersten Darwinisten. Ihm widerstrebte besonders der Begriff Selection für den Prozess des struggle for existence, da die Metapher der „Selektion“ eine handelnde Autorität impliziere. Er schlug vor, einen Begriff von Herbert Spencer zu übernehmen: survival of the fittest, das dem Überleben des an seine Umwelt Bestangepassten. Darwin verwendete diesen Begriff dann auch ab der 6. Auflage des Origin of Species:

I wish, therefore, to suggest to you the possibility of entirely avoiding this source of misconception in your great work (if not now too late), and also in any future editions of the "Origin," and I think it may be done without difficulty and very effectually by adopting Spencer's term (which he generally uses in preference to Natural Selection), viz. "Survival of the Fittest." This term is the plain expression of the fact; "Natural Selection" is a metaphorical expression of it, and to a certain degree indirect and incorrect, since, even personifying Nature, she does not so much select special variations as exterminate the most unfavourable ones. — Letter from A.R. Wallace to C. Darwin, July 2, 1866
(James Marchant, Alfred Russel Wallace. Letters and Reminiscences, Vol. I, p. 171, online [18])

Ein bemerkenswerter Unterschied in den Konzeptionen von Darwin und Wallace liegt in ihrer Herleitung: während Darwin seine Modelle für domesticated animals, also gezüchtete Haustiere entwarf, und dann mit der Analogie zur freien Natur argumentierte, zog Alfred Russel Wallace seine Schlüsse direkt aus den Beobachtungen der Natur. Damit ist er „more Darwinian than Darwin himself“.[20]

Auf seinen Vortragsreisen in Nordamerika und in der Schweiz propagierte er die Ideen der Evolutionstheorie. Darwin und Wallace blieben zeitlebens in Briefkontakt. Bei Charles Darwins Begräbnis am 26. April 1882 war Wallace einer der Sargträger. Wallace erhob nie den Anspruch auf Vorrang an der Evolutionstheorie.[21] Sein 1869 erschienenes Buch The Malay Archipelago beginnt mit der Widmung

To Charles Darwin, author of "The Origin of Species", I dedicate this book, Not only as a token of personal esteem and friendship. But also To express my deep admiration For His genius and his works.
(Alfred Russel Wallace, The Malay Archipelago, Macmillan and Co. London, 1869, online [19])

Darwin betonte stets die Hochherzigkeit von Wallace. Die Details der Vorgänge im Jahr 1858 erfuhr Wallace erst aus Darwins Autobiographie. Sieben Jahre nach Darwins Tod, 1891, erschien Wallace' Version des Origin of Species, er nannte sein Buch Darwinism. Ohne Darwins Einfluss wäre der Aufstieg des unbekannten Naturforschers in die elitären wissenschaftlichen Zirkel des viktorianischen Englands wohl kaum möglich gewesen.[22]

Der Landreformer

Die von Wallace in seinem Buch The Malay Archipelago eingestreuten politischen Kommentare machten John Stuart Mill auf ihn aufmerksam, der ihn in die Land Tenure Reform Association einlud. Bis zur Begründung der Land Nationalisation Society 1880 blieb er Mitglied dieser Gesellschaft. Er begann sein in zehn Auflagen gedrucktes Buch Land Nationalisation (1892) mit einem Zitat von James Anthony Froude und machte diese Position zur Grundlage seiner späteren sozialphilosophischen Arbeiten:

Land is not, and cannot be property in the sense that moveable things are property. Every human being born into this planet must live upon the land if he lives at all. The land in any country is really the property of the nation which occupies it; and the tenure of it by individuals is ordered differently in different places, according to the habits of the people and the general convenience. — FROUDE
(Alfred Russel Wallace, Land Nationalisation. It's Necessity and it's Aims, Swan Sonnenschein & Co. London - Charles Scribner's Sons New York, 1892, p. vi, online [20])

Über 30 Jahre war Alfred Russel Wallace Präsident der Land Nationalisation Society, als einer der energischsten Fürsprecher für Landreformen in England und Irland.[23]

Der Spiritualist

Ab 1864, etwa zeitgleich mit der Bekanntschaft mit seiner späteren Ehefrau Annie Mitten, änderte sich sein Weltbild: war es zuvor rein materialistisch so wandelte es sich nun zu einem religiös-spirituellen. In einem Brief schrieb er später:

The completely materialistic mind of my youth and early manhood has been slowly moulded into the socialistic, spiritualistic, and theistic mind I now exhibit — a mind which is, as my scientific friends think, so weak and credulous in its declining years, as to believe that fruit and flowers, domestic animals, glorious birds and insects, wool, cotton, sugar and rubber, metals and gems, were all foreseen and foreordained for the education and enjoyment of man. The whole cumulative argument of my 'World of Life' is that in its every detail it calls for the agency of a mind... enormously above and beyond any human mind. .. Whether this Unknown Reality is a single Being and acts everywhere in the universe as direct creator, organiser, and director of every minutest motion. .. or through 'infinite grades of beings,' as I suggest, comes to much the same thing. Mine seems a more clear and intelligible supposition. .. and it is the teaching of the Bible, of Swedenborg, and of Milton. — Letter from A.R. Wallace to James Marchant, written in 1913.
(James Marchant, Alfred Russel Wallace. Letters and Reminiscences, Vol. II, p. 181, online [21])

Dass hier der Begründer des Darwinismus eine religiöse, ja geradezu kreationistische Position einnahm, ließ seine Arbeiten im folgenden 20. Jahrhundert manchem Biologen und Biographen suspekt erscheinen. Einige sprechen ihm deshalb sogar jegliches Verständnis von Evolution und geographischer Variation ab. Doch für Wallace stellten Naturwissenschaft und Religion keinen Widerspruch dar.[24]

Er nahm an den zu dieser Zeit sehr populären Séancen teil, und erklärte in seinen Schriften, dass auch und gerade „übernatürliche“, scheinbar unerklärbare Phänomene einer ernsthaften wissenschaftlichen Beschreibung und Untersuchung bedürfen. Seine Kollegen, die sehr viel tiefer als er in der akademischen Gesellschaft des viktorianischen England verwurzelt waren, mochten ihm dabei nicht folgen. Dennoch stellte er seine Ansichten unbeeindruckt in Artikeln und Büchern dar.[25]

Sozialdarwinismus

Das Prinzip der Selektion, des struggle for existence, wurde sowohl von Darwin als auch von Wallace aus den Thesen in Thomas Robert Malthus ökonomischem Essay on the Principle of Population abgeleitet, wenn nicht gar übernommen. Dazu kam bei Darwin wie bei Wallace die Annahme einer kontinuierlichen, graduellen Entwicklung durch ungerichtete Variation. Wer könnte bezweifeln, dass auch dieses Prinzip für menschliche Gesellschaften seine Gültigkeit hat? Dass menschliche Individuen sich unterscheiden, auch wenn sie unzweifelhaft derselben Art angehören?

Nachdem Wallace im Verlauf der 1860er Jahre einige Aufsätze zum Thema der Evolution des Menschen veröffentlicht hatte (beginnend mit The Origin of Human Races and the Antiquity of Man, 1864), erschien 1871 Descent of Man von Charles Darwin. Beide, Darwin und Wallace, glaubten grundsätzlich an die Wirksamkeit evolutionärer Prinzipien in humanen sozialen Systemen: Ideen des Sozialdarwinismus waren in den intellektuellen Kreisen des späten 19. Jahrhunderts weit verbreitet. In Opposition zu Lamarckisten wie Herbert Spencer, Francis Galton und Charles Darwin (sic!) lehnte Wallace jedoch die Erblichkeit von Charakter und Talent strikt ab. Er argumentierte, dass sich Eigenschaften wie etwa Genie sprunghaft, und nicht kontinuierlich durch graduelle Variation entwickelten, und deshalb nicht mit der Evolutionstheorie beschrieben werden könnten. Sie benötigten vielmehr eine eigene Theorie:

So with men of genius, whose mental faculties have been fully exercised in special directions, whether as men of science, artists, musicians, poets, or statesmen; if not only the inherent faculty but also the increased power derived from its exercise be inherited, then we ought frequently to see these faculties continuously increasing during a series of generations, culminating in some star of the first magnitude. But the very reverse of this is notoriously the case. Men of exceptional genius or mental power or mechanical skill appear suddenly, rising far above their immediate ancestors; and they are usually followed by successors who, though, sometimes great, rarely equal their parent, whose pre-eminent powers seem generation after generation to dwindle away to obscurity.
(Alfred Russel Wallace, Are Individually Acquired Characters Inherited? (1893), In: Fortnightly Review, p. 490-668, quote from p. 492-493, online [22])

In Opposition zu Galton, Spencer und Darwin, die bedauerten, „that in our modern civilisation natural selection had no play“, dass in der modernen Zivilisation die natürliche Selektion keine Rolle spiele[26] — und den Menschen nahezu als domesticated animal begriffen, als Haustier, das seine Zuchtauswahl selbst in die Hand genommen habe —, wandte sich Wallace energisch gegen eugenische Konzepte. Er wurde, hier in einem Interview als 90jähriger, geradezu wütend, wenn seine Theorien als Grundlage für solche Entwürfe zitiert wurden:

Why, never by word or deed have I given the slightest countenance to eugenics. Segregation of the unfit, indeed! It is a mere excuse for establishing a medical tyranny. And we have enough of this kind of tyranny already. Even now, the lunacy laws give dangerous powers to the medical fraternity. At the present moment, there are some perfectly sane people incarcerated in lunatic asylums simply for believing in spiritualism. The world does not want the eugenist to set it straight. Give the people good conditions, improve their environment, and all will tend towards the highest type. Eugenics is simply the meddlesome interference of an arrogant, scientific priestcraft.
(The Last of the Great Victorians. Special Interview with Dr. Alfred Russel Wallace, In: The Millgate Monthly, August 1912, p 657-663, quote p. 663, online [23])

Auch Wallace's sozialistische Gesellschaftsutopie enthielt das Prinzip der Selektion, jedoch nicht durch eine „scientific priestcraft“, eine elitäre „wissenschaftliche Priesterschaft“, sondern durch die freie Wahl der Ehemänner durch ihre Frauen, frei von wirtschaftlichen Zwängen.[27] Kurz vor seinem Tod beschrieb er diese Vision in seinem Buch Social Environment and Moral Progress (1913)[24]. Geradezu prophetisch schienen seine Warnungen vor jeder Art von elitären eugenischen Systemen:

But there is great danger in such a process of artificial selection by experts, who would certainly soon adopt methods very different from those of the founder. We have already had proposals made for the "segregation of the feeble-minded," while the "sterilization of the unfit" and of some classes of criminals is already being discussed. This might soon be extended to the destruction of deformed infants, as was actually proposed by the late Grant Allen; while Mr. Hiram M. Stanley, in a work on Our Civilization and the Marriage Problem, proposed more far-reaching measures. He says: "The drunkard, the criminal, the diseased, the morally weak, should never come into society. Not reform, but prevention, should be the cry."
Of course, our modern eugenists will disclaim any wish to adopt such measures as are here hinted at, which are in every way dangerous and detestable. But I protest strenuously against any direct interference with the freedom of marriage, which, as I shall show, is not only totally unnecessary, but would be a much greater source of danger to morals and to the well-being of humanity than the mere temporary evils it seeks to cure. I trust that all my readers will oppose any legislation on this subject by a chance body of elected persons who are totally unfitted to deal with far less complex problems than this one, and as to which they are sure to bungle disastrously.
(Alfred Russel Wallace, Social Environment and Moral Progress, 1913, p. 142-144, online [25])

Er wünschte sich eine Gesellschaft, in der Land und materielles Vermögen nicht vererbt werden kann, in dem jeder die gleichen Chancen und Startbedingungen hat, am struggle towards freedom teilzunehmen.[28]

Der Sozialphilosoph und Sozialist

Schon früh setzte sich Wallace mit dem frühen englischen Sozialisten und Sozialreformer Robert Owen auseinander, dessen Vorträge er erstmals 1837 in London hörte.[29] Gegenüber seinem Freund James Marchant stellte er seinen politischen Standpunkt später wie folgt dar:

"Why am I a Socialist?" "I am a Socialist because I believe that the highest law for mankind is justice. I therefore take for my mottoe, 'Fiat Justitia, Ruat Cœlum'; and my definition of Socialism is, 'The use, by everyone, of his faculties for the common good, and the voluntary organisation of labour for the equal benefit of all.' That is absolute social justice; that is ideal Socialism. It is, therefore, the guiding star for all true social reform."
(James Marchant, Alfred Russel Wallace. Letters and Reminiscences, Harper and Brothers Publishers, New York and London 1916, Vol. II, p. 152-153, online [26])

Im Fazit seines Essay True Individualism — The Essential Preliminary of a Real Social Advance schreibt er über seinen Traum eines gerechten Gesellschaftssystems, das jedem Mitglied das gleiche Recht auf einen guten Start ins Leben und eine bestmögliche Bildung zugesteht — eine Gesellschaft, die ohne ein Wettrennen um Wohlstand und Luxus auskommt:

Under such a system of society as is here suggested, when all were well educated and well trained and were all given an equal start in life, and when every one knew that however great an amount of wealth he might accumulate he would not be allowed to give or bequeath it to others in order that they might be free to live lives of idleness or pleasure, the mad race for wealth and luxury would be greatly diminished in intensity, and most men would be content with such a competence as would secure to them an enjoyable old age. And as work of every kind would have to be done by men who were as well educated and as refined as their employers, while only a small minority could possibly become employers, the greatest incentive would exist towards the voluntary association of workers for their common good, thus leading by a gradual transition to various forms of co-operation adapted to the conditions of each case. With such equality of education and endowment none would consent to engage in unhealthy occupations which were not absolutely necessary for the well-being of the community, and when such work was necessary they would see that every possible precautions were taken against injury. All the most difficult labour-problems of our day would thus receive an easy solution.
(Alfred Russel Wallace, True Individualism — The Essential Preliminary of a Real Social Advance, In: Studies scientific & social, Macmillan & Co. London 1900, Vol II, p. 510, online [27])

Neben seinen Aufsätzen beschreiben wohl die im letzten Lebensjahr, 1913, entstandenen Werke The Revolt of Democracy [28] und Social Environment and Moral Progress [29] seinen Standpunkt am deutlichsten.

Kampagnen wider der Impfprogramme

Wallace engagierte sich gegen das Impfprogramm, die Impfpflicht zur Eindämmung der Pocken. In Aufsätzen und im 1889 erschienenen Buch Vaccination a Delusion versuchte er, statistisch nachzuweisen, dass Impfprogramme nach anfänglichen Erfolgen in den ersten Jahrzehnten im ausgehenden 19. Jahrhundert der öffentlichen Gesundheit eher schadeten als nutzten. Wallace glaubte nicht an die Möglichkeit einer weltweiten Ausrottung des Pockenvirus. Erst 1980, 91 Jahre später, konnte die WHO den Sieg über das Pockenvirus melden. Seitdem gilt es als ausgestorben.[30]

Nachleben

Alfred Russel Wallace hat sich gerade mit seinen politischen und religiösen Schriften angreifbar gemacht. So wie er in frühen Veröffentlichungen prägnant und mit analytischer Schärfe seine Beobachtungen interpretierte, so leidenschaftlich propagierte er auch seine religiösen und politischen Ansichten. Er polarisierte Zeitgenossen und Biographen.

Im wissenschaftlichen Diskurs hat sich im späten 19. und 20. Jahrhundert zumeist Darwins Modell der biologischen und sozialen Evolution durchgesetzt, die Wallace-spezifischen Aspekte der dynamischen Balance zwischen den Arten, der Diversifikation der Arten gerieten lange in den Hintergrund.

Ehrungen

Alfred Russel Wallace wurde nie Mitglied der etablierten intellektuellen Elite des viktorianischen England; zu unorthodox und unangepasst waren seine Ansichten. Nichtsdestoweniger erhielt er schon zu Lebenszeiten viele Auszeichnungen und Titel, unter anderem:

  • 1882 Ehrendoktor der Universität Dublin
  • 1889 Ehrendoktor der Universität Oxford
  • 1892 die Founders Medal der Royal Geographical Society
  • 1892 die Linnean Medaille der Linnean Society of London
  • 1893 Mitglied der Royal Society
  • 1908 Verdienstorden der Krone
  • 1908 die Copley Medal der Royal Society

Auf Mond und Mars sind Krater nach ihm benannt. Die Trennlinie zwischen den biogeographischen Gebieten Australiens und Südostasiens trägt ihm zu Ehren den Namen Wallace-Linie. Darüber hinaus sind zahlreiche Organismen nach ihm benannt, wie der Wallace-Paradiesvogel (Semioptera wallacii).

Bibliographie

Alfred Russel Wallace veröffentlichte Artikel, Essays und Bücher. Der Übersichtlichkeit halber werden hier nur die Bücher aufgelistet. Viele seiner Texte sind beim Gutenberg Projekt und auf der Alfred Russel Wallace Neztseite verfügbar [30].

Werke

  • 1853 Palm Trees on the Amazon
  • 1853 A Narrative of Travels on the Amazon and Rio Negro
  • 1857 On the Natural History of the Aru Islands. In: The Annals and Magazine of Natural History, Dez. 1857, Schlüsselwerk der Inselbiogeographie.[31]
  • 1866 The Scientific Aspect of the Supernatural
  • 1869 The Malay Archipelago
  • 1870 Contributions to the Theory of Natural Selection
  • 1874 Miracles and Modern Spiritualism
  • 1876 The Geographical Distribution of Animals
  • 1878 Tropical Nature and other Essays
  • 1879 Australasia. Stanford's Compendium of Geography and Travel
  • 1880 Island Life
  • 1882 Land Nationalisation
  • 1885 Bad Times
  • 1889 Darwinism
  • 1898 The Wonderful Century
  • 1900 Studies, Scientific and Social
  • 1901 The Wonderful Century Reader
  • 1901 Vaccination a Delusion
  • 1903 Man's Place in the Universe
  • 1905 My Life
  • 1907 Is Mars Habitable?
  • 1910 The World of Life
  • 1913 Social Environment and Moral Progress
  • 1913 The Revolt of Democracy

Eine Liste aller veröffentlichten Artikel und Aufsätze findet sich bei James Marchant: Alfred Russel Wallace. Letters and Reminiscences, Vol. II, ab Seite 258, online [32].

Sekundärliteratur und Biographien

  • Barbara G. Beddall, Wallace, Darwin and the Theory of Natural Selection. A Study in the Development of Ideas and Attitudes, in: Journal of the History of Biology, 1 (1968), p. 261-323.
  • Andrew Berry, Infinite Tropics. An Alfred Russel Wallace Anthology, Verso London and New York, 2002, ISBN 1859846521
  • Peter J. Bowler, Alfred Russel Wallace's Concepts of Variation, in: Journal of the History of Medicine and Allied Sciences, Vol. 31, 1976, p.17-29.
  • Arnold C. Brackman, A delicate Arrangement. The strange Case of Charles Darwin and Alfred Russel Wallace, Times Books New York, 1980, ISBN 081290883X
  • John Langdon Brooks, Just Before the Origin: Alfred Russel Wallace's Theory of Evolution, iUniverse, 1999, ISBN 1583481117
  • Petra Höfer & Freddie Röckenhaus, Tropenfieber - Im Land der Kopfjäger, Film über Wallace in der Serie der ZDF Expedition, Erstausstrahlung am 21. September 2003.
  • James Marchant, Alfred Russel Wallace. Letters and Reminiscences, Harper and Brothers Publishers New York and London, 1916, online Vol. I [33], Vol. II [34], reprint ISBN 1421955350
  • H. Lewis McKinney, Wallace and Natural Selection, Yale University Press New Haven and London, 1972, ISBN 0300015569
  • David Quammen, Der Gesang des Dodo, Claassen Verlag, 1998, ISBN 3548600409
  • Peter Raby, Alfred Russel Wallace. A Life, Chatto & Windus London, 2001, ISBN 0701168382
  • Tim Severin, The Spice Islands Voyage: The Quest for Alfred Wallace, the Man Who Shared Darwin's Discovery of Evolution, Ulverscroft Large Print, 1998, ISBN 0786707216
  • Amabel Williams-Ellis, Darwin's moon. A Biography of Alfred Russel Wallace, Blackie London and Glasgow, 1966, ISBN 0216883989

Siehe auch

Anmerkungen und Quellennachweis

  1. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (1), p. 7, 10-12.
  2. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (1), p. 12-13, 17, 46, 58, 74-76.
  3. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (1), p. 79, 87, 106, 135-139, 223.
  4. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (1), p. 223, 230, 232, 237.
  5. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (1), p. 239-245, 241, 264.
  6. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (1), p. 232, 264.
  7. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (1), p. 267, 275-281, 304-312, 320-321, 323-324.
  8. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (1), p. 326-327.
  9. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (1), p. 326-336. Sein Reisebericht ist gespickt mit Naturbeobachtungen und Analysen der kolonialen Gesellschaftsverhältnisse. Im Vorwort (The Malay Archipelago (1), p. xiv) schlüsselt er die gesammelten Arten auf.
  10. Vgl. Alfred Russel Wallace, Der Malayische Archipel, Bd. 1, S. 225.
  11. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (1), p. 54-355, 341.
  12. Vgl. Alfred Russel Wallace, The Malay Archipelago, p. 359.
  13. Die Chronologie der Ereignisse dieser Tage ist von Historikern im Streit um die Priorität Wallace gegen Darwin verschiedentlich rekonstruiert worden, u.a. von Brooks: Just Before the Origin.
  14. Vgl. Letter CHARLES DARWIN TO C. LYELL. Down, 18th (June 1858), reprinted in Francis Darwin, The Life and Letters of Charles Darwin, online [1].
  15. Vgl. Letter CHARLES DARWIN TO C. LYELL. Down, Friday (June 25, 1858), reprinted in Francis Darwin, The Life and Letters of Charles Darwin, online [2].
  16. Vgl. Journal of the Proceedings of the Linnean Society, Vol. III, London 1859, p.45-62. Mit dem einleitenden Vortrag von Lyell und Hooker online verfügbar auf der Website der Linnean Society und beim British Library [3].
  17. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (2), p. 1.
  18. Vgl. Charles Darwin: The Origin of Species by means of Natural Selection, 6th edition, London 1872, p. xxi (online [4]).
  19. Vgl. Peter J. Bowler, Alfred Russel Wallace's Concepts of Variation, und John Langdon Brooks, Just Before the Origin: Alfred Russel Wallace's Theory of Evolution.
  20. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (2), p. 1-22, auch James Marchant, Alfred Russel Wallace. Letters and Reminiscences, Vol. II, p.15, online [5].
  21. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (2), p. 102, 107ff.
  22. So zumindest die Meinung einiger seiner Biographen: XXX TODO!!! Namen!!! XXX.
  23. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (2), p. 235, 240.
  24. Es schien im 20. Jahrhundert zur Pflicht eines Naturwissenschaftlers zu gehören, die Unvereinbarkeit der Wissenschaft mit konfessionellen oder gar spiritualistischen Glaubensbekenntnissen zu postulieren. In den Jahrhunderten zuvor wurde das nicht so eng gesehen: Malthus war anglikanischer Pfarrer, Darwin und Newton studierte Theologen (letzterer etwa veröffentlichte mehr theologische als naturwissenschaftliche Schriften). Ihr Deismus beschrieb Gott als Schöpfer der Naturgesetze, der das Regelwerk schuf, das es als Naturforscher zu erkennen galt – Wallace'sche Standpunkt war in etwa analog.
  25. Vgl. z.B. James Marchant, Alfred Russel Wallace. Letters and Reminiscences, Vol II, p. 187, Letter T.H. Huxley to A.R. Wallace (online [6]). Der erste Aufsatz zum Thema, „The Scientific Aspect of the Supernatural: Indicating the Desirableness of an Experimental Enquiry by Men of Science into the Alleged Powers of Clairvoyants and Mediums“, erschien 1866 (online [7]). Zu Wallace's spiritualistischen Ansichten wurde viel geschrieben, ein guter Einstieg in den Diskurs ist vielleicht Charles H. Smith: „Alfred Russel Wallace on Spiritualism, Man, and Evolution: An Analytical Essay“ (online [8]).
  26. Vgl. z.B. Wallace's Einführung in Human Selection (1890), p. 325, online [9].
  27. Vgl. Alfred Russel Wallace, Social Environment and Moral Progress, p. 147, online [10].
  28. Wallace definiert in seinen Ausführungen Progress, also Fortschritt, in Richtung des Zieles einer moralischen, gerechten und gleichberechtigten Gesellschaft. Die Phrase struggle towards freedom ist hier etwas kontextlos zitiert. Dies sei in diesem Fall ausnahmsweise erlaubt, da Wallace die Entwicklung der Zivilisationen als solchen begriff (vgl. dazu Alfred Russel Wallace, Social Environment and Moral Progress, p.134-135, online [11]). Die Darstellung seiner Ideen über gerechte Besitzverhältnissen finden sich in Social Environment and Moral Progress und Texten zur Landreform.
  29. Vgl. Alfred Russel Wallace, My Life (1), p. 87.
  30. Wallace sieht den Zwang zur Impfung als Eingriff in die Persönlichkeitsrechte an. Er argumentiert nicht, wie etwa Haeckel (Die Lebenswunder, 1905) oder Darwin (Descent of Man, 1871, p. 134 in 2nd. ed., London 1882, online [12]), dass durch Impfungen der Prozess der natürlichen Selektion ausgehebelt, und damit die Evolution der Menschheit gefährdet sei. Wallace zweifelt die zuverlässige Immunisierung durch Vaccination an; er beschreibt Fälle aus Navy und Army, bei denen es trotz Immunisierung zu Pockenansteckungen kam. Vgl. etwa Alfred Russel Wallace: Vaccination a Delusion, London 1898 (online http://www._dot_whale_dot_.to/vaccine/wallace/book.html (_dot_ entfernen!), chapter 4: The Army and Navy as a Conclusive Test). Die entsprechenden Aufsätze werden bis heute von Gegnern der Impfpflicht zitiert.
 
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