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Uranmunition



  Uranmunition ist panzerbrechende Munition, deren Projektile Uran enthalten, genauer abgereichertes Uran, welches einen geringeren Anteil der spaltbaren Uranisotope 234U und 235U als Natururan enthält und damit größtenteils aus dem nicht zur Kettenreaktion fähigen Isotop 238U besteht. Aufgrund der hohen Dichte (18,95 g/cm3) des Urans entfalten diese Geschosse beim Auftreffen auf das Ziel eine große Durchschlagskraft. Die Radioaktivität des Urans erfüllt in diesem Fall außer eventueller Abschreckungswirkung keinen Nutzzweck.

In jüngster Zeit wurden mehrere hundert Tonnen Uranmunition in indisch-pakistanischen Grenzkonflikten, in Tschetschenien, während der sowjetischen Invasion Afghanistans, im Kosovo-Krieg, im Zweiten Golfkrieg und im Irakkrieg von den beteiligten Parteien eingesetzt.

Uranmunition wird von etwa 20 Armeen der Welt bevorratet (z. B. USA, Russland und Großbritannien, Volksrepublik China, Israel, Südkorea, Japan) und wird seit Mitte der 1970er Jahre meist zur Bekämpfung gepanzerter Fahrzeuge eingesetzt.

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Inhaltsverzeichnis

Herstellung

Abgereichertes Uran fällt als Abfallprodukt bei der Anreicherung von Uran für die Energieerzeugung oder Waffenproduktion an. Für 1 kg 5 % angereichertes Uran benötigt man 11,8 kg natürliches Uran. Somit fallen 10,8 kg abgereichertes Uran an, welches zu Munition verarbeitet werden kann. Bisher werden jedoch nur etwa 5 % des anfallenden abgereicherten Urans weiterverwendet.

Anwendung

  Uranmunition besteht entweder zu einem großen Teil aus Uran in Legierung mit anderen Metallen wie Titan oder Molybdän oder nur teilweise in Form eines länglichen Kerns inmitten eines Geschosses aus anderen Materialien. Da Uran korrosionsanfällig ist, sind die Geschosse mit einem dünnen Schutzmantel aus anderem Metall umgeben.

DU-Geschosse (depleted uranium - abgereichertes Uran) sind KE-Penetratoren, die durch hohen Impuls die Panzerung eines Hartziels durchschlagen. Uran eignet sich für diese Einsätze v.a. wegen seiner sehr hohen Dichte, aber auch wegen der Eigenschaft, sich beim Aufschlag so zu verformen, dass eine Spitze erhalten bleibt; daher wird Uranmunition auch als „selbstschärfend“ bezeichnet. Ein zusätzlicher Effekt ist, dass sich beim Aufprall auf ein gepanzertes Ziel heißer Uranstaub bildet, der sich bei Luftkontakt im Inneren spontan entzündet. Dadurch kann die mitgeführte Munition oder der Treibstoff entzündet werden, was zu einer Explosion des Zieles führen kann.

Urangeschosse werden vor allen Dingen als Munition für Panzer (meist in Form von Treibspiegelgeschossen) und Maschinenkanonen eingesetzt.

Wirkung

Neben dem militärisch erwünschten zerstörenden Effekt entfaltet Uran sowohl wegen seiner Radioaktivität als auch wegen seiner chemischen Giftigkeit (Toxikologie) eine schädliche Wirkung auf den menschlichen Organismus. Aufgrund der geringen Aktivität der Geschosse wird dabei die toxische Wirkung als entscheidender angesehen. Es gibt kein internationales Abkommen, das den Einsatz von abgereichertem Uran verbietet.[1]

Radioaktive Wirkung

Zwar ist abgereichertes Uran mit einer spezifischen Aktivität von etwa 15 Bq/mg (zzgl. etwa 25 Bq/mg von den Zerfallsprodukten) nur sehr schwach radioaktiv. Dennoch kann eine solche Dosis, wenn sie über einen längeren Zeitraum wirkt, das Erbgut schädigen und Krebs auslösen. In der Lunge abgelagerte Partikel erzeugen eine lokal erhöhte Bestrahlung gerade durch Alphateilchen.

Über die Bewertung der Schädlichkeit der relativ schwachen ionisierenden Strahlung herrscht Uneinigkeit. Da nur wenige Erkenntnisse zu auftretenden Schäden durch geringe Strahlungsdosen vorliegen, werden diese aus den bekannten Daten über Schäden von hohen Dosisleistungen abgeleitet. Diese Vorgehensweise ist jedoch umstritten, manche Studien zeigen weit geringere Schäden durch niedrigen Strahlungsdosen als diese Extrapolation vermuten ließe, andere Forscher vermuten im Gegenteil größere Risiken als bisher angenommen.

Chemische Wirkung

Uran wirkt chemisch wie viele andere Schwermetalle und schädigt als Gift den Stoffwechsel der inneren Organe, unter anderem der Nieren. Die chemische Giftigkeit ist besonders in den ersten Wochen nach der Aufnahme einer größeren Uran-Menge von Bedeutung.

Auswirkungen

Von der intakten Munition geht praktisch keine Gefahr aus, da der Metallmantel bzw. auch das massive Geschoss selber die meisten ionisierenden Strahlen abschirmt. Eine toxische Wirkung des Urans ist bei intaktem Metallmantel ausgeschlossen. Auch das von verschossenen Penetratoren ausgehende Risiko wird von vielen Stellen als gering eingeschätzt. Hauptgefahr ist, dass sich beim Einschlag der Geschosse auf ein hartes Ziel ein Aerosol aus feinsten Uran- und Uranoxid-Partikeln bildet. Dieses kann bis in die tieferen Atemwege eingeatmet werden oder über die Nahrung aufgenommen werden und dadurch in beiden Fällen in die Blutbahn geraten.

Ein Einwand dazu lautet, ein Großteil des aufgenommenen Materials werde rasch ausgeschieden. Nach Angaben der WHO[2] werden innerhalb weniger Tage 90 Prozent des Urans aus dem Blut ausgeschieden und 98 Prozent des über die Nahrung aufgenommenen Urans werden ausgeschieden, ohne je ins Blut zu geraten. Kritiker antworten darauf, dass sich unlösbare Partikel bis zu acht Jahre lang in der Lunge einlagern können. Dort wirken sie dann sowohl aufgrund der sehr kurzreichweitigen Alpha-Strahlung als auch aufgrund der chemischen Eigenschaften stark krebserregend. Zudem kann es auch im kurzen Zeitraum zwischen der Aufnahme in den Körper und der Ausscheidung zu akuten Vergiftungen mit schweren, langanhaltenden Schäden kommen.

Eine potenzielle Bedrohung stellen ebenfalls die in den Boden geschossenen Projektile dar, welche innerhalb von fünf bis zehn Jahren vollständig korrodieren können und dadurch das Uran ins Grundwasser freisetzen. Ende 2000 durchgeführte Messungen der Internationalen Atomenergieorganisation im ehemaligen Jugoslawien zeigten bisher nur minimal erhöhte Urankonzentrationen im Grundwasser, die nicht über denen von Regionen mit naturbedingt höherem Urangehalt liegen. Nachdem 2003 laut einem Bericht[3] der UNEP in Bosnien im Boden, in der Luft und im Trinkwasser abgereichtertes Uran gefunden wurde, empfiehlt sie eine mehrjährige Beobachtung durch regelmäßige Wasserproben vorzunehmen und in der Zwischenzeit andere Wasserquellen zu verwenden. Laut einer Studie des Forschungszentrums Dresden-Rossendorf aus dem Jahre 2006 ergeben sich allerdings keine Gefahren für Mensch und Umwelt aus verschossenen Uranprojektilen im Erdboden. Aufgrund der großen Reaktionsfreude von Uran - in der Natur kommt es daher nie als reines Metall, sondern nur in Mineralien vor - und der natürlichen "Verdünnung" im Erdboden sind die Strahlendosen gering und stellen keine Gefahr etwa für die landwirtschaftliche Nutzung dieser Gebiete oder die Trinkwassergewinnung dar.

Die mit Abstand größte Gefahr geht somit von der militärisch gewünschten kinetischen und thermischen Wirkung eines Beschusses mit diesem Kampfmittel aus, wozu auch die erheblichen Gefahren gehören, die aus der Inhalation des Uran-Aerosols rühren. Soldaten sollten deswegen einen Atemschutz anlegen, wenn sie sich in Gebieten aufhalten, in denen vor kurzem panzerbrechende Munition eingesetzt worden ist. Bis sich das Aerosol komplett niedergeschlagen hat, können besonders in ariden Gebieten Tage vergehen.

Studien

Über das tatsächliche Ausmaß der Bedrohung herrscht Uneinigkeit. Von Gegnern dieser Waffen, wie der Organisation Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, wird Uranmunition für Krebserkrankungen, Missbildungen und Folgeschäden wie das Golfkriegssyndrom verantwortlich gemacht. Sie führen an, dass Statistiken einen nicht zu übersehenden Anstieg gerade von Haut- und Lungenkrebserkrankungen in betroffenen Kriegsgebieten zeigen.

Nach Studien der WHO und IAEA liegt keine besondere Gefährdung vor. Im WHO guidance on exposure to depleted uranium heißt es explizit, dass keine Studie eine Verbindung zwischen Kontakt mit abgereichertem Uran und dem Auftreten von Krebs oder angeborenen Defekten finden konnte (No study has established a link between exposure to DU and the onset of cancers or congenital abnormalities.). Studien an amerikanischen Soldaten, die infolge von friendly fire Uransplitter im Körper haben, zeigten keine entsprechenden Abnormalien.

Kritiker bemängeln die Methodik und angeblich mangelnde Unabhängigkeit der Studien. Gegner der Uranmunition fordern die Durchführung neuer Auswertungen und Bewertungen. Die aktuellen Ergebnisse der WHO werden von einigen Instituten in Frage gestellt.[4]

Der so genannte Lloyd-Bericht[5] über Gesundheitsschäden bei britischen Golfkriegsveteranen zeigte die Existenz des Golfkriegssyndroms und untersuchte eine Reihe von potenziellen Auslösern dafür. Uranmunition wurde dabei als ein potenzieller Auslöser bezeichnet, allerdings verwies die Studie auch klar auf den Mangel an gesicherten Fakten über die Risiken. Besonders hervorgehoben wurde ein früherer Bericht der Royal Society, der die Gefahr von Uranmunition für Soldaten als nach heutigem Wissenstand eher gering einschätzte, allerdings ebenfalls Langzeitstudien und weitergehende Untersuchungen forderte. Als wesentlich gesicherter wurden Schäden durch unnötige Schutzimpfungen gegen biologische Waffen angesehen. Entschädigungszahlungen an Veteranen werden jedoch von der britischen Regierung nach wie vor abgelehnt.

Alternativen

Eine etwas geringere panzerbrechende Wirkung lässt sich mit der Keramik Wolframcarbid (Dichte: ca. 16 g/cm3, je nach Legierung) erreichen, die nicht radioaktiv ist. Allerdings ist Wolframcarbid teurer als abgereichertes Uran, schwerer zu verarbeiten und steht im Verdacht karzinogen (krebserregend) zu sein; Uran ist als Abfallprodukt der Atomindustrie leicht verfügbar. Wolframcarbid hat bei gleicher Aufschlagenergie eine 5-10 Prozent geringere Durchschlagskraft als Uran, da sich ein Uranprojektil beim Durchdringen der Panzerung selbst schärft, das Wolframcarbidprojektil hingegen stumpf wird. Deutschland verwendet Wolframcarbidmunition. Die USA werden wahrscheinlich in den nächsten Jahren die Munition des Phalanx CIWS durch Wolframcarbidgeschosse ersetzen.

US-Amerikanische Wissenschaftler warnen jedoch, dass Wolfram aggressive Tumore auslösen kann. John Kalinich und sein Team vom Radiobiologischen Forschungsinstitut des amerikanischen Militärs in Bethesda haben bei Versuchen an Ratten eine stark krebserregende Wirkung von Legierungen mit dem Schwermetall beobachtet und berichten darüber im Fachmagazin Environmental Health Perspectives (Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1289/ehp.7791). Kalinich und seine Kollegen implantierten 92 Ratten ein mal zwei Millimeter große Wolframstücke in die Muskelschicht der Hinterbeine. Damit simulierten sie eine Verletzung, wie sie Soldaten oder Zivilpersonen erleiden können, die von Splittern eines solchen Projektils getroffen werden. Alle Ratten bildeten innerhalb weniger Monate aggressive Tumore rund um die Metallsplitter aus. In der Folge bildeten sich lebensbedrohliche Metastasen in der Lunge, beobachteten die Wissenschaftler. Je höher die Dosis an implantiertem Wolfram war, desto schneller bildete sich der Tumor. Die Ratten der Kontrollgruppe, denen die Forscher das Metall Tantal implantierten, blieben dagegen gesund[6]. Allerdings handelt es sich bei Wolframcarbid um eine Keramik, und nicht um reines Wolfram.

Siehe auch

Quellenangaben

  1. un.org
  2. who.int
  3. postconflict.unep.ch
  4. umrc.net
  5. lloyd-gwii.com
  6. wissenschaft.de
 
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Uranmunition aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
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