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Pro-Ana



Pro-Ana (von pro: für und Anorexia nervosa: Magersucht) und Pro-Mia (Bulimia nervosa: Ess-Brechsucht) sind Bewegungen von Mager- beziehungsweise Ess-Brechsüchtigen im Internet. Sie entstanden Anfang des 21. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten und breiteten sich von dort auch nach Europa aus.

Inhaltsverzeichnis

Überblick

Die Anhänger von Pro-Ana, fast ausschließlich junge Frauen, tauschen sich über spezielle Pro-Ana-Websites aus. Sie stellen dort die Magersucht bildhaft als extremes Schlankheitsideal dar, dem sie sich mit radikalen Maßnahmen nähern, um schließlich Zufriedenheit mit sich und ihrem Aussehen zu erreichen. Die Magersucht erhält dabei den Anklang einer Art der Selbstverwirklichung, der Souveränität und der Macht über den eigenen Körper, die gegen eine feindselige Umwelt verteidigt werden muss. Die Assoziation von „Ana“ mit dem Namen „Anna“ ist gewollt und steht für eine idealisierte Personifikation der Magersucht. Sie kommt insbesondere im „Brief von Ana“ zum Ausdruck, der sich auf den Webseiten der Bewegung als ein zentrales Manifest findet.

Interpretation

Zur Charakterisierung gibt es mehrere Ansichten: Die Literaturwissenschaftlerin Roxanne Kirkwood definiert Pro-Ana als eine Bewegung, die Magersucht als Wahl und Lebensstil statt als eine Krankheit ansieht. Dabei bemerkt Kirkwood aber, dass die Bewegung diesen Standpunkt nicht aktiv anderen Personen nahelegt. Der Soziologe Nick Fox spricht hingegen von einer Bewegung, deren Anhänger eine Heilung ablehnen („anti-recovery“).

Der Mediziner Mark L. Norris charakterisiert Pro-Ana als eine Internetbewegung, die Anorexia nervosa als vorteilhaft darstellt. In einer Studie hat Norris die Inhalte von zwölf Pro-Ana-Webseiten untersucht. Demnach enthielten sieben davon einen vorgeschalteten Hinweis (Disclaimer). Dieser forderte Personen ohne Essstörung auf, die Seite zu verlassen, enthielt die Angabe, dass es sich um ein Seite handelt, die die Pro-Ana-Bewegung unterstützt oder enthielt eine Aufforderung an Minderjährige, die Seite nicht zu betreten. Zentraler Bestandteil der Hälfte der Webseiten waren geschützte Webforen, in denen sich angemeldete und von einem Moderator zugelassene Besucher gegenseitig dazu animieren, weiter an Gewicht zu verlieren. Die Webseiten selbst beinhalteten Bilder und Zitate, die als Trigger (engl. für Auslöser) bezeichnet werden und die weiter zur impulsiven Verminderung des Gewichts bewegen sollen. Die Bilder, auch Thinspirations genannt, waren in allen bis auf einen der Fälle zu finden und zeigten Prominente (diese sind häufig mit Bildbearbeitungsprogrammen auf ein abgemagertes Aussehen retuschiert[1]), Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Magersucht, aber auch als Negativbeispiele fettleibige Menschen.

Daneben fanden sich bei acht der Seiten „Zehn Gebote“, Anleitungen zur Gewichtsreduktion, zur Ablenkung vom Essen und dem Gedanken daran, oder ein Rechner zur Ermittlung des Body-Mass-Index. Dazu kamen auf neun von den Seiten Gedichte und Kurzgeschichten und auf fünf der Seiten allgemeine Informationen zu Essstörungen und Links zu verschiedenen Institutionen oder anderen Pro-Ana-Seiten. Nur eine der untersuchten Seiten bezeichnete Anorexia nervosa als Wahl eines Lebensstils („lifestyle choice“), während fast die Hälfte der Seiten-Betreiber diese als Mittel zur Unterstützung von Menschen mit Essstörungen sahen.

Nach der Darstellung einer magersüchtigen Studentin, die von ZEIT online zu ihrer Sicht befragt wurde, sind sich die Pro-Ana-Anhänger bewusst, dass Magersucht eine lebensbedrohliche Krankheit ist. Die meisten von ihnen haben nach ihrem Eindruck bereits eine Therapie gemacht. Die Studentin glaubt, dass die Betroffenen deshalb an Pro-Ana teilnehmen, weil sie vor der Magersucht resigniert und die Hoffnung auf eine Heilung aufgegeben haben.[2] Elisabeth Bader und Barbara Novak von der Österreichischen Gesellschaft für Essstörungen sehen die Situation weitaus kritischer: Sie glauben, dass Pro-Ana-Anhänger „[die Anorexie] oftmals gar nicht als Krankheit anerkennen und sich der Begleiterscheinungen und Folgekrankheiten nicht bewusst sind.“

Pro-Mia entspricht, abgesehen vom Bezug auf Bulimie, dem Wesen nach Pro-Ana. Die Anhänger beider Bewegungen schlagen trotz ihres starken Internetbezugs auf ihren Webseiten auch Armbänder als Erkennungssymbole vor: in Rot für Anhänger von Pro-Ana, in Lila für Pro-Mia. Darauf aufbauend hat sich eine Farb- und Form-Symbolik entwickelt. Blau soll für Selbstverletzendes Verhalten (SVV, „Ritzen“) stehen, Schwarz für Depressionen, Grün für die Teilnahme an einer Therapie, Weiß für selbst auferlegtes Fasten und Hungern, Rosa bzw. Pink für die DSM-IV-TR-Kategorie der „Eating disorder not otherwise specified“ (ED-NOS). Die Libelle stellt bildhaft den verzerrten Blick bezüglich Körperbau-Ästhetik dar, die Daunenfeder bezüglich Gewicht.

Reaktionen

Die Existenz der Bewegung hat in den Medien und insbesondere bei Organisationen, die sich mit Essstörungen auseinandersetzen, mehrfach verstörte bis warnende Reaktionen ausgelöst. Elisabeth Bader und Barbara Novak von der Österreichischen Gesellschaft für Essstörungen sehen Pro-Ana als „eine Verherrlichung der Magersucht bis hin zur fanatischen Hingabe an diese.“ Georg Ernst Jacoby, Chefarzt an der Klinik am Korso, eine Fachklinik, die auf Essstörungen spezialisiert ist, warnt vor Pro-Ana-Webseiten und vertritt den Standpunkt, dass sie sehr gefährlich seien, weil sie nicht nur Magersüchtige weiter in die Krankheit hineinzögen, sondern weil dadurch auch Gesunde zur Magersucht verführt werden könnten. Nach seiner Auffassung sollten diese Webseiten analog zur Zigarettenwerbung verboten werden. Er sieht außerdem durch Pro-Ana den Konsens in Gefahr, dass Magersucht eine gefährliche Krankheit ist.[2] Die Academy for Eating Disorders, die nach eigenen Angaben der weltweit größte Berufsverband von Personen ist, die sich mit Essstörungen beschäftigen, weist neben den schwerwiegenden körperlichen Konsequenzen insbesondere darauf hin, dass es eines der Diagnosekriterien der Magersucht ist, dass die Betroffenen sie verleugnen oder nicht ernst nehmen. Der Verband geht davon aus, dass Pro-Ana-Webseiten dies verstärken können und fordert eine nachhaltige Behandlung von Essstörungen.[3]

Die Psychologin Julie Hepworth, die eine kontrovers diskutierte Studie über die Teilnahme an Pro-Ana-Webseiten erstellt hat, folgert dagegen, dass die Ängste übertrieben sind. Bei den über einen Zeitraum von sechs Wochen hinweg untersuchten Webseiten hatten sich demnach die Teilnehmer nicht in ihrem Verhalten gegenseitig weiter angeheizt, sondern sich durch den sozialen Kontakt eine emotionale Stütze gegeben, die ihnen half, ihre Probleme besser in den Griff zu bekommen. Die Studie berichtet weiter, dass die Webseiten weniger von Magersüchtigen genutzt wurden, sondern eher von Frauen, die lediglich Informationen zum Abnehmen suchten.[4]

Karen Dias, Studentin am interdisziplinären Centre for Women's and Gender Studies der University of British Columbia, nimmt explizit eine von der herrschenden Interpretation von Pro-Ana abweichende Sicht ein. Sie sieht die Gefahren der Magersucht als solche, stellt aber fest, dass die konventionelle Therapie schlechte Erfolgsraten habe. Von Essstörungen betroffene Frauen auf Pro-Ana- oder Pro-Mia-Webseiten könnten demnach dort einen Zufluchtsort finden, an dem sie der beständigen Kontrolle und Steuerung durch ihre Umgebung entzogen sind, und wo sie die Definitionshoheit über ihr Erleben haben. Die Tatsache, dass bestimmte Webseiten vom Netz genommen werden, an anderer Stelle aber ähnlich wieder auftauchen, zeige wie sehr die Betroffenen einen Ort suchen, wo „Geschichten über ihren Körper erzählt“ werden können. Hier könnten sie Dinge sagen, die sie (noch) nicht ihrer Familie oder einem Therapeuten sagen können. Die typische Isolation der Essgestörten könne so durchbrochen werden. Das Ausformulieren von Gedanken zum Thema Anorexie könne es der Betroffenen erleichtern, sich von diesen Gedanken letztlich zu distanzieren. Schließlich interpretiert Dias Pro-Ana als subversiv und diskutiert, ob sie Teil einer „dritten Welle des Feminismus“ sein könnten.

Nach Bemühungen der National Association of Anorexia Nervosa and Associated Disorders (ANAD) mit einer Kampagne per Fax[5] und ähnlichen Bemühungen weiterer Verbände[6] sind Angelfire, Yahoo,[7] MSN,[8] Lycos, MySpace,[9] Tripod[10] und andere Anbieter dazu übergegangen, Pro-Ana-Webseiten und Dienste zum Betrieb entsprechender Web-Gemeinschaften vom Netz zu nehmen, die über ihre kostenlosen Angebote öffentlich zugänglich gemacht wurden. Sie taten dies auf der Grundlage der ethischen Richtlinien in ihren Nutzungsbedingungen. Einige Anbieter[11] sollen dies jedoch auch mit dem Hinweis auf Meinungsfreiheit abgelehnt haben. Die ANAD hat für die Suche nach Pro-Ana-Webseiten und die Benachrichtigung der entsprechenden Diensteanbieter sogar eine Vollzeitkraft eingestellt.[12] Ebay hat Produkte, die im Zusammenhang mit der Bewegung stehen (Erkennungsschmuck), auf seine Liste der unerlaubten Handelsgüter gesetzt.[13][14]

Abgrenzung

Weiter als Pro-Ana und Pro-Mia geht die Antipsychiatrie, eine Bewegung, deren Anhänger jegliche Einordnung in die medizinische Kategorie der psychischen Störung ablehnen, darunter auch Essstörungen. Sie vertritt stattdessen den Standpunkt, dass solche Einordnungen lediglich eine gesellschaftliche Konstruktion darstellen.

Nach der Beschreibung der Betreiberin der Webseite pure ana,[15] die selbst magersüchtig ist, werden die Bezeichnungen „Magersucht“ und „Ana“ in der Pro-Ana-Bewegung als unterschiedliche Begriffe für zwei Blickwinkel verstanden, für die Krankheit und für ihr Verständnis als Lebensstil. Für sie sind diese jedoch „im Grunde genommen ein und dasselbe Phänomen“. Weil das Verständnis der Magersucht als Lebensstil eine mangelnde Krankheitseinsicht darstellt, glaubt sie, dass es selbst Teil der Krankheit ist, wobei sie auf die Übereinstimmungen mit den Diagnosekriterien hinweist.[16]

Literatur

  • E. Chesley, J. Alberts, J. Klein, R. Kreipe: Pro or con? Anorexia nervosa and the internet. Journal of Adolescent Health 32:2 (2003), 123–124.
  • Linda C. Andrist: Media Images, Body Dissatisfaction, and Disordered Eating in Adolescent Women. MCN American Journal of Maternal Child Nursing 28:2 (März/April 2003), S. 119–123.
  • Pamela K. Hardin: Shape-shifting discourses of anorexia nervosa: reconstituting psychopathology. Nursing Inquiry 10:4 (Dezember 2003), S. 209–217.
  • Karen Dias: The ana sanctuary: Women's pro-anorexia narratives in cyberspace. Journal of International Womens Studies 4:2 (April 2003), 31–45.
  • Leslie Regan Shade: Weborexics: The Ethical Issues Surrounding Pro-Ana Websites. Proceedings of the Fifth International Conference on Computer Ethics – Philosophical Enquiry, June 25–27, 2003 (Boston College, Chestnut Hills, MA: 2003), 107–116.
  • Deborah Pollack: Pro-Eating Disorder Websites: What Should be the Feminist Response? Feminism Psychology 13 (2003), S. 246–251.
  • Lara Fritzsche: Meine Freundin Ana. Kölner Stadtanzeiger (23. August 2004)
  • Ben Merriman: Naked Before the Law: Mental Illness and the State of Exception (12. Januar 2005).
  • Roxanne Kirkwood: Support choice, support people: An argument for the study of pro-anorexia websites. Atena 25:1 (Juni 2005), S. 117–129.
  • Elisabeth Bader, Barbara Novak: Pro-Anorexia-Nervosa Seiten – Auseinandersetzung mit und Stellungnahme zu einem bisher bei uns zu wenig beachteten Phänomen. ÖGES Newsletter 5:2 (Sommer 2005), 12–15.
  • Nick Fox, Katie Ward, Alan O'Rourke: Pro-anorexia, weight-loss drugs and the internet: an 'anti-recovery' explanatory model of anorexia. Sociology of Health & Illness 27:7 (November 2005), S. 944.
  • Julia Salkowski: Schaut nicht weg! Julias Appell an alle Eltern. Hamburger Abendblatt (25. November 2005).
  • R. Mulveen, J. Hepworth: An interpretative phenomenological analysis of participation in a pro-anorexia internet site and its relationship with disordered eating. Journal of health psychology 11:2 (März 2006), S. 283–296.
  • Karsten Wolff: Pro Ana - Magersucht als Lifestyle? polylux (1. Juni 2006).
  • G. Abbate Daga, C. Gramaglia, A. Piero, S. Fassino: Eating disorders and the Internet: cure and curse. Eating and weight disorders 11:2 (Juni 2006), S. 68–71.
  • M. L. Norris, K. M. Boydell, L. Pinhas, D. K. Katzman: Ana and the Internet: a review of pro-anorexia websites. The International journal of eating disorders 39:6 (September 2006), S. 443–447.
  • D. Giles: Constructing identities in cyberspace: The case of eating disorders. The British journal of social psychology 45:3 (September 2006), S. 463–477.
  • Andrea Schreiber und Linda Wundrak: Dünnsein als Lifestyle. ML Mona Lisa (1. Oktober 2006)

Quellen

  1. Galerie mit retuschierten Fotos und Originalaufnahmen
  2. a b ZEIT online Cornelia Laufer: Hungern als sozialer Event. ZEIT online (24. August 2006 15:48)
  3. http://www.aedweb.org/policy/pro-anorexia_sites.cfm
  4. Richard Gray: Outcry over claims that pro-anorexia websites help sufferers. Scotland on Sunday (26. März 2006).
  5. Chris Bushnell: The Skeleton Crew. Inside the pro-anorexia movement’s underground web campaign. The Wave 3:2 (16.–29. Januar 2003)
  6. Wolfgang Gawlik: Yahoo! entfernt Pro-Anorexie-Seiten. Magersucht-Online
  7. Theresa Baeuerlein: Lebensgefühl Hunger. Neon (1. März 2006)
  8. http://www.webiteback.com/faq.html, dem widerspricht jedoch http://www.aedweb.org/policy/pro-anorexia_sites.cfm
  9. Kristen Depowski und Kelly Hart: 'Pro-Ana' Web Sites Glorify Eating Disorders. abc news (13. Juni 2006)
  10. http://www.petitiononline.com/proanape/petition.html
  11. Der Artikel von Chris Bushnell nennt keine Namen.
  12. Wolfgang Gawlik: 'Anas' wehren sich gegen Schließung von Pro-Anorexie-Seiten. Magersucht-Online
  13. Thomas Zehetner (Hrsg.): eBay setzt Pro-Ana-Produkte auf die schwarze Liste. PCFreunde.de (4. August 2006)
  14. Daniela Pegna, Imke Zimmermann: Magersucht-Bewegung „Pro Ana“: Hungern als Lifestyle. stern.de (22.9.2006)
  15. in einem Beitrag von RTL (Suechtig nach dem Magertod) vom 7./8. August 2006 als exemplarische Pro-Ana-Webseite dargestellt, nach eigener Auffassung jedoch keine solche
  16. http://www.gestoerte-welt.de/pure/pro-ana/versuch_begriffsdefinition.htm
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