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Johannes Ewich



Johannes Ewich (* 1525 in Hoerstgen; † 7. Februar 1588 in Bremen) war 1556 Reformator in Hoerstgen, um 1561 der erste graduierte Arzt in Duisburg und von 1562 bis zu seinem Tode Stadtphysikus in Bremen. Ferner wirkte er am dortigen Gymnasium illustre als Professor für Medizin. In seinen Briefen und Druckschriften trat er vor allem mit Untersuchungen zum Wesen der Pest aus medizinischer und sozialer Sicht sowie als Kritiker der Hexenverfolgungen hervor.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Geboren wurde der spätere „berühmte Bremer“ Johannes Ewich im Jahre 1525 in dem Dorf Hoerstgen am linken Niederrhein. Die Namen und der soziale Stand seiner Eltern sind nicht überliefert. Für die in der Literatur seit dem 19. Jahrhundert anzutreffende Annahme, dass Johannes Ewich „aus einem adeligen Geschlechte“ stammte, gibt es keine Anhaltspunkte. Denkbar ist eine Einwanderung der bürgerlichen Familie van Ewick (Euwyck) aus dem niederländischen Raum an den Niederrhein.

Schulausbildung in Deventer

Seine schulische Ausbildung erhielt Johannes Ewich im niederländischen Deventer bei den „Brüdern vom gemeinsamen Leben“ (Broeders van het gemeene leven), einer katholischen Bruderschaft, die in den Niederlanden im Zuge der als „Devotio moderna“ bekannten Frömmigkeits- und Erneuerungsbewegung um Geert Groote entstanden war. Als Schüler der Fraterherren in Deventer erwarb Ewich im Rahmen einer umfassenden Ausbildung seine ausgezeichneten Lateinkenntnisse, machte aber auch erstmals Bekanntschaft mit der Pest, die den späteren Arzt und Stadtphysikus nachhaltig beschäftigen wird.

Studium in Köln

1544 findet sich der als „pauper“ (arm) eingestufte Student „Joh. Ewych Geldriensis“ in der Matrikel der Universität Köln; die Herkunftsbezeichnung „Geldriensis“ verweist hier jedoch nicht auf das Gebiet der Stadt Geldern, sondern auf den Umstand, dass das adelige Haus Frohnenbruch und das zugehörige Dorf Hoerstgen zu dieser Zeit noch geldrische Lehen waren. Die Zulassung zum Bakkalaureat an der Artistenfakultät erfolgte am 30. Mai 1544. Ewich war ferner Magister artium sowie Bakkalaureus beider Rechte, also des römischen und des kanonischen Rechts.

Nach Abschluss seiner Kölner Studien wurde Johannes Ewich 20-jährig vorübergehend – von 1545 bis 1547 – Lehrer an der Lateinschule in Essen, doch scheint ihn diese Tätigkeit nicht sonderlich gefesselt zu haben. Von 1547 bis 1556 klafft sodann eine biografische Lücke, die anhand der bisher bekannten Quellen nicht geschlossen werden kann.

Reformator in Hoerstgen

Die Einführung des reformierten Bekenntnisses in der Herrschaft Frohnenbruch-Hoerstgen, die 1556/57 erfolgte, wird im Allgemeinen dem Landesherrn Gotthardt von Milendonk († 1589) auf Haus Frohnenbruch zugeschrieben, der durch seine Ehe mit Maria von Brederode ein Verwandter des reformationsorientierten Moerser Grafen Hermann von Neuenahr († 1578) war. Als „treibende Kraft“ der Reformation in Hoerstgen gilt jedoch nach der 1897 veröffentlichten Kirchengeschichte ein „tüchtiger, leider unbekannter Arzt“. Dieser „Arzt“ bzw. Student der Medizin war Johannes Ewich. Der Reformationshistoriker Werner Teschenmacher würdigt „Joh. Ewichius Horstanus medicus“ als verdienten Förderer des reformierten Bekenntnisses. Ewich, dem „hauptsächlich“ die „Einführung der reinen Lehre“ in Hoerstgen zugeschrieben wird, soll zur Zeit der Reformation bei Gotthard von Milendonk auf Haus Frohnenbruch gelebt haben.

Medizinstudium in Paris, Toulouse, Venedig und Padua

1556 schloss sich dann ein Medizinstudium in Paris an, wo er nach eigener Aussage „im Münch Collegio“ lebte. Ferner studierte er in Toulouse und Venedig. 1557 wechselte Ewich abschließend zur Universität Padua. Dort beindruckten den jungen Mediziner vor allem die Energie und die Methoden, mit der die Stadt die Pest bekämpfte. 1559 wurde der gebürtige Hoerstgener an der Universität Padua, die zu dieser Zeit eine führende Stellung in der Anatomie hatte, zum Doktor der Medizin promoviert. Aus dem katholischen – indes medizinisch fortgeschrittenen – Italien trieb den umfassend gebildeten Theologen, Juristen und Mediziner sodann „die Religion fort“.

Arzt in Duisburg

Wieder am Niederrhein lebend, wurde Ewich „um 1561“ der erste graduierte Arzt in der zum Herzogtum Kleve gehörenden Stadt Duisburg. Der Beweggrund, sich in Duisburg als praktischer Arzt niederzulassen, war wahrscheinlich die gehegte Hoffnung, an der noch zu gründenden Duisburger Universität als Professor für Medizin tätig werden zu können. Der damalige Plan für eine Universitätsgründung kam jedoch erst 1654/55, also fast 100 Jahre später, durch den Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg zur Ausführung.

Stadtphysikus in Bremen

Schon bald verzog Dr. Johannes Ewich daher in die zu dieser Zeit zunehmend calvinistischer geprägte Hansestadt Bremen, wo er 1562 amtlicher bestellter Arzt (Stadtphysikus) wurde. Als Inhaber dieses Amtes führte er zugleich die Dienstaufsicht über die örtlichen Apotheker sowie über die Bader und Chirurgen. Die Stadt Bremen gewährte ihrem Physikus neben einer kostenfreien Wohnung und der Befreiung von den bürgerlichen Abgaben ein recht großzügig bemessenes Honorar von 100 Reichstalern. Ferner durfte Ewich als städtischer Gesundheitsbeamter zugleich eine eigene Arztpraxis führen. Das Ansehen, das sich mit dem Amt des Bremer Stadtphysikus verband, lässt sich auch daran ermessen, dass dieser bei öffentlichen Anlässen seinen Platz direkt hinter dem Bürgermeister hatte. Verheiratet war der Stadtphysikus mit Maria van Augry; aus dieser Ehe sollen „mehrere Söhne“ hervorgegangen sein.

1582 veröffentlichte Ewich in Neudtadt/Weinstraße seine Druckschrift „De officio fidelis et prudentis magistratus tempore pestilentiae rempublicam a contagio praeservandi liberandique libri duo“, die in umfassender Weise die Praxis der Vorbeugung und Behandlung der Pest darstellt. Im folgenden Jahr erschien bereits eine englische und 1583 auch eine deutsche Übersetzung.

1584 erschien in Bremen Ewichs Schrift „De sagarum quas vulgo veneficas appellant (...)“. Darin erwähnt der Stadtphysikus auch die Hoerstgener Familie von Milendonk bzw. eine ihrer Töchter, die an der Nahe verheiratet und angeblich behext war. Wahrscheinlich handelte es sich um Alveradis (Alberta) von Milendonk († 1564), in erster Ehe mit Philipp Dietrich von Braunsberg († 1551) zu Burgbrohl verehelicht, der u.a. auch Herr zu Merxheim an der Nahe war. Nach dessen Tod ging sie eine zweite Ehe mit Franz Konrad von Sickingen († 1574) ein.

Als man im Jahre 1584 in Bremen die Lateinschule im Katharinenkloster, das heutige Alte Gymnasium, in ein Gymnasium illustre (in der Reformationszeit eine Mischform aus höherer Schule und Hochschule) umwandelte und damit zugleich aufwertete, wurde Johannes Ewich dort der erste Professor für Medizin. Seine Rede zur Eröffnung des Gymnasiums am 15. Oktober 1584 ist ebenfalls gedruckt überliefert. Johannes Ewich, der im persönlichen Umgang „etwas heftig und aufbrausend“ gewesen sein soll, verstarb am 7. Februar 1588 in Bremen und wurde in der dortigen Ansgarii-Kirche beigesetzt.

Die überlieferten Inschriften seines „von den Erben“ errichteten Epitaphs würdigten ihn nicht nur als einen verdienten Mediziner, sondern auch als einen „sehr sorgfältigen Erforscher der heiligen Schrift“ und „gründlichen Kenner verschiedener Volks- und Literatursprachen“, der sich durch „Frömmigkeit“ und „Menschlichkeit“ ausgezeichnet habe. Auch Ewichs Wahlspruch wurde auf dem Grabmal inschriftlich dokumentiert: „Beten muss man, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohne. Jenes bewirkt Gottes Wort. Aber dieses die ärztliche Kunst“. Das Renaissanceepitaph wurde am 1. September 1944 bei einem Bombenangriff zerstört.

Leistungen

Dr. Johannes Ewich gehört ebenso wie Johann Winter (1505–1574) aus Andernach, Johann Vochs (geb. 1508) aus Köln, Johann Weyer (1515/16–1588) aus Grave an der Maas, mit dem er befreudet war, und Reiner Solenander (1524–1601) aus Büderich bei Wesel zu den verhältnismäßig wenigen herausragenden Theoretikern und Praktikern, die das Rheinland im Laufe des 16. Jahrhunderts der Heilkunde geschenkt hat. Als Anhänger Galens musste Ewich zwar die Kontagiosität oder Ansteckungsfähigkeit, also die Krankheitsübertragung von Mensch zu Mensch oder von Tier zu Mensch, ablehnen. In seiner Funktion als Gesundheitsbeamter hingegen trug Ewich der Möglichkeit der Kontagiosität in praktischer Hinsicht durchaus Rechnung. Sein Buch „De officio (...)“ enthält auch bis dahin noch nicht vorgebrachte Vorschläge für eine zweckmäßige Organisation des Gesundheitswesens in Bremen, für eine allgemeine Verbesserung der hygienischen Verhältnisse und für großzügigere Baumaßnahmen. Ewich, der mit den theologischen und medizinischen Fragestellungen seiner Zeit bestens vertraut war, verstand es, diese theoretischen Kenntnisse mit seinen eigenen Praxiserfahrungen als Stadtarzt zu verbinden.

Werke

Für eine vollständige Übersicht der erhaltenen Druckschriften Ewichs siehe das Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts (VD 16).

Theologische Schriften

  • Von dem Kindertauff, bestendiger und klarer Gegenbericht, wider das ungegründetes büchlein eines Widertäuffers, welchs er genant hat, Ein schon klar Bericht und anzeigung des wahrhafftigen Tauffs Johannis, Christi, und seiner Aposteln. item zween Sendbrieff Sebastiani Franchken, von auffhebungen aller Kirchen ordnungen und policey, vor nie in truck außgangen, o.O., 1563

Medizinische Schriften

  • De officio fidelis et prudentis magistratus tempore pestilentiae rempublicam a contagio praeservandi liberandique libri duo, Neapoli Nementum (Neustadt/Weinstraße) 1582
  • englisch: Of the duetie of a faithfull and wise Magistrate in preseruing and deliuering oft the common wealth from infection in the time of the plague or pestilence. Written in Latine by Iohn Ewich, ordinary phisition of the woorthie common wealth of Breame, and newlie turned into English by Iohn Stockwood. London 1583
  • deutsch: Pestitentzordenunge Nützer und notwendiger underricht, von dem Ampt der Obrigkeit, in Pestilentzzeiten, wie durch ihren fleis die Pestilentz verhütet, und da dieselbe eingerissen, gedempfft werden könne, Bremen 1583
  • deutsch: Vom Ampt einer getrewen, verstendigen und weysen Obrigkeit, wie und welcher massen sie eine gemeine Stadt zur Pestilentzzeit fur dem ansteckenden Gifft praeserviren, verwahren und entledigen sol. Magdeburg 1608
  • Oratio in qua praeter brevem scholarum commendationem, agitur de vita antiquissimi scriptoris Hippocratis, et nova Philippi Paracelsimi licina. Bremen 1584

Schriften zur Hexenthematik

  • De sagarum (quas vulgo veneficas appellant) natura, arte, viribus et factis: item de notis indicisque, quibus agnoscantur: et poena, qua afficiendae sint. Bremen 1584 (Schlüsselseiten)
  • deutsch: Von der Hexen, Die man gemeiniglich Zauberin nennet, oder auff niedersechsisch Töuerschen, Natur, Kunst, Macht und Thaaten, Item von den Merckzeichen da bey sie zu erkennen und straff, damit sie zu züchtigen Ein billich und rechtmessiges bedencken; Mit einverleibter erklerung, was von der wesentlichen verenderung und wasser prob der Hexen zu halten sey, Bremen 1585

Literatur

  • Carl Anton Eduard Lorent: Johann von Ewich, geb. 1525, † 1588. In: Biographische Skizzen verstorbener bremischer Ärzte und Naturforscher, Bremen 1844, S. 41 ff.
  • Ernst von Oidtman: Die Herren von Milendonk aus dem Geschlecht der von Mirlaer, in: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 11 (1889), S. 8 ff.
  • Robert Cleff: Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Hörstgen – Festschrift zur Einweihung der umgebauten Kirche am 4. November 1897, Hörstgen 1897, S. 6 f.
  • Karl Sudhoff: Biographisch-Literarisches zur Heilkunde am Niederrhein vom 12. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, in: Festschrift der 70. Versammlung der deutschen Naturforscher und Ärzte, dargeboten von den wissenschaftlichen Vereinen Düsseldorfs, Düsseldorf 1898, S. 25* ff.
  • Adolf Müller: Urkundliches aus der Geschichte der Gemeinde Hörstgen im 17. und 18. Jahrhundert. In: Theologische Arbeiten aus dem Rheinischen Wissenschaftlichen Predigerverein, Neue Folge VII (1904), S. 104 ff.
  • Hermann Keussen (Bearb.): Die Matrikel der Universität Köln, Bd. 2 (1476–1559), Bonn 1919, S. 984
  • Wilhelm Haberling, Die Bedeutung der Rheinländer für die Entwicklung der medizinischen Wissenschaft, in: Klinische Wochenschrift 5 (1926) 38, S.
  • Gerd Dettmann: Die Ansgariikirche zu Bremen, Bremen 1934
  • Herbert Schwarzwälder: Berühmte Bremer, München 1972, S. 51 ff.
  • Friedrich Burkart: Johannes Ewich: ein rheinischer Humanist und Arzt 1525–1588, in: Duisburg und der Niederrhein – 75 Jahre Bezirksgruppe Duisburg der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde, Duisburg 2002, S. 52 f.
  • Klaus Schwarz: Der Bremer Stadtarzt Johann von Ewich als Verfasser von Pestschriften, in: Bremisches Jahrbuch 72 (1993), S. 98 ff.
  • Friedhelm Lenz: Die Anfänge der Kirchengemeinde Hoerstgen, in: Evangelische Kirchengemeinde Hoerstgen (Hg.), Christus Lux Nostra – 450 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Hoerstgen, Goch 2007, S. 42 ff.
  • Martin Koch/Albert Spitzner-Jahn, Johannes Ewich (1525–1588) – Reformator in Hoerstgen und Stadtphysikus in Bremen, in: Evangelische Kirchengemeinde Hoerstgen (Hg.), Christus Lux Nostra – 450 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Hoerstgen, Goch 2007, S. 78 ff.
 
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