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Alice Ricciardi-von Platen



Alice Ricciardi geb. von Platen-Hallermund (* 28. April 1910 in Weissenhaus) ist Ärztin, Psychoanalytikerin und erste Gruppenanalytikerin Italiens, sowie Autorin des Buches Die Tötung Geisteskranker in Deutschland, der weltweit ersten Dokumentation über die sogenannten „Euthanasie“-Maßnahmen während des NS-Regimes. Sie hat – gemeinsam mit Michael Hayne und Josef Shaked - 1975 die Workshops von Altaussee der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Gruppenanalyse gegründet und lebt heute in Cortona. Alice Ricciardi gilt als mutige Aufklärerin und Mahnerin vor den Verbrechen gegen die Menschlichkeit und wird als Zeitzeugin zu Vorträgen und Diskussionen in alle Welt eingeladen.

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Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Alice Ricciardi entstammt dem schleswig-holsteinischen Adelsgeschlecht von Platen-Hallermund, dessen berühmtester Nachkomme der Ansbacher Schriftsteller August Graf von Platen war. 1910 im holsteinischen Weißenhaus als jüngste von vier Schwestern geboren, erfuhr Alice von Platen-Hallermund eine wohlbehütete Kindheit, die durch den frühen Tod ihres Vaters jedoch ein jähes Ende fand. Erst im Internat der Schule Schloss Salem, einem unweit des Bodensees gelegenen ehemaligen Zisterzienserkloster, fand sie über die reformpädagogischen Ideale von Kurt Hahn ein Klima der Mitmenschlichkeit und demokratischen Verantwortung vor, das ihren Lebensweg bestimmen sollte. Nach Abschluss des Medizinstudiums in Heidelberg 1934 und der anschließenden Famulatur in einem Berliner Kinderspital verbrachte sie die Jahre 1939 und 1940 in Florenz und Rom. Notgedrungen kehrte sie danach mit ihrem Sohn Georg zurück nach Deutschland und praktizierte bis 1945 als Landärztin (in Bayern oder in Österreich, divergierende Quellen), wo sie mit der Euthanasie-Aktion konfrontiert war, jedoch nur wenige Patienten retten konnte. Nach Kriegsende übernahm sie eine Stelle als Voluntarassistentin an der psychosomatischen Universitätsklinik in Heidelberg bei Viktor von Weizsäcker, wo sie ihre psychotherapeutische Ausbildung fortführte. Ab Dezember 1946 war sie offizielle Beobachterin des Nürnberger Ärzteprozesses, im Jahr 1947 beobachtete sie den Hadamar-Prozess in Frankfurt/Main. Danach ging sie – noch 1947 - an die Nervenklinik St. Getreu in Hamburg zu Prof. Zillich.

1949 übersiedelte Alice von Platen-Hallermund nach London, wo sie in einer psychotherapeutischen Eheberatungsstelle – unter Supervision von Michael Balint - sowie an psychiatrischen Krankenhäusern arbeitete. Sie schloss ihre psychoanalytische und ihre gruppenanalytische Ausbildung ab und wurde Mitglied der Group Analytic Society. Sie lernte den Organisationsberater Augusto Ricciardi kennen, den sie 1956 heiratete und nach Belgien und Libyen begleitete. Seit 1967 lebt und praktiziert sie als Psychoanalytikerin in Rom sowie in Cortona.

 

Beobachter­in beim Nürnberger Ärzteprozess

Internationales Ansehen erlangte Alice von Platen-Hallermund durch ihre Tätigkeit als Mitglied der Beobachter­kommission beim Nürnberger Ärzteprozess. Als die amerikanische Militärregierung 1946 ankündigte, die inhumanen Menschenversuche und den Tod von etwa hunderttausend Geisteskranken gerichtlich zu verfolgen und die verantwortlichen Ärzte zur Rechenschaft zu ziehen, wurde von den westdeutschen Ärztekammern eine Beobachterkommission unter der Leitung von Alexander Mitscherlich nach Nürnberg entsandt. Während Mitscherlichs Augenmerk vor allem auf dem Menschenversuchen und auf rechtlich-politischen Fragen des Prozesses lag, befasste sich Alice von Platen-Hallermund besonders mit der Euthanasie von psychiatrischen Patienten und Patientinnen. Sie empfand das Hinmorden psychisch kranker Menschen als Ausdruck einer Systemkriminalität, in der die Psychiatrie tief verstrickt war und von der die gesamte deutsche Ärzteschaft gewusst hatte.

„Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“

Dem Buch Die Tötung Geisteskranker in Deutschland von Alice von Platen-Hallermund, das die Mittäterschaft deutscher Ärzte an den nationalsozialistischen Euthanasieverbrechen schonungslos aufdeckt, erging es freilich nicht anders als dem von Mitscherlich und Mielke herausgegebenen Dokumentationsband Wissenschaft ohne Menschlichkeit. Beide Bücher erfuhren keinerlei Echo, es war, als ob sie nie erschienen wären. Offensichtlich hatten die westdeutschen Ärztekammern in der Tätigkeit der Beobachterkommission den eigenen Stand verleumdet gesehen und eine Verbreitung der Werke erfolgreich verhindert.

Über die Stimmung in der Nürnberger Bevölkerung berichtete von Platen-Hallermund 1993 rückblickend: „Die Nürnberger Bevölkerung wollte vom Ärzteprozess nichts wissen mit der Begründung, dass doch die Ärzte keine Verbrechen begangen hätten. Es bestand ein Hass auf die Nicht-Nazis, die Sozialisten und Exilanten. Es gab keine Anzeichen für eine Stunde Null. Es war niederschmetternd.“[1]

Im ersten Halbjahr 1947 veröffentlichte die Beobachtergruppe zwei Dokumentationsbände über die Menschenversuche in den Konzentrationslagern: „Wissenschaft ohne Menschlichkeit“ und „Das Diktat der Menschenverachtung“. Nüchtern hielten die Autoren das Ungeheuerliche für die Nachwelt fest. Beide Bände wurden in einer hohen Auflage gedruckt – jedoch nicht verteilt. Von den dreitausend Exemplaren des Buches der Autorin existieren noch etwa 20 Exemplare in Bibliotheken.

Neuauflagen 1993 und 2005

Der Sozialpsychiater Klaus Dörner entdeckte Ricciardis Werk wieder und veranlasste eine Neuauflage. Nach dem Erfolg des Buches wurde Alice Ricciardi-von Platen 1996 zur Präsidentin des Kongresses Medizin und Gewissenernannt, in dem die Irrwege der Medizin 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess unter historischen, psychologischen und ethischen Aspekten aufgearbeitet wurden. Der Kongress fand von 25. bis 27. Oktober 1996 in Nürnberg statt, Schirmherrin war Rita Süßmuth, Präsidentin des Deutschen Bundestages.

Zitat

„So lange Menschen leben, wird nur ein Teil von ihnen der Norm eines Durchschnittsmenschen entsprechen; doch wäre das Leben farblos und wir arm an Kenntnis und Wissen über den Menschen und sein Sein, wenn wir zuließen, dass die „Abnormen“ kurzerhand beseitigt würden. Gerade Geisteskranke mit der Fülle ihrer Visionen und inneren Bilder stellen uns mitten in die Problematik des Menschseins; gerade dem Geisteskranken sollte unsere Ehrfurcht und Liebe gelten, ist er doch in besonderer Weise hilflos den Dämonen preisgegeben und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen – wenn auch den „Göttern näher“, wie Norbert von Hellingrath in einer Rede über Hölderlins Wahnsinn schrieb.“[2]

Ehrungen

  • Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland
  • Ehrenbürgerin von Cortona

Publikationen

  • Alice Platen-Hallermund: Die Tötung Geisteskranker in Deutschland. Aus der Deutschen Ärztekommission beim Amerikanischen Militärgericht., Frankfurt/Main: Frankfurter Hefte 1948.
  • -: Neuauflagen 1993 im Psychiatrie-Verlag (ISBN 3-88414-149-X) und erneut 2005 im Mabuse-Verlag (ISBN 3-935964-86-2)
  • -: Übersetzungen ins Englische und Italienische
  • Alice Ricciardi-von Platen: Die Entwicklung der gruppenanalytischen Ausbildung durch die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Gruppenanalyse in Altaussee. In: Gfäler, Leutz: Gruppenanalyse, Gruppendynamik, Psychodrama, Heidelberg: Mattes-Verlag 2006, ISBN 3-930978-87-3

Einzelnachweise

  1. zitiert nach Helmut Sörgel: Die Frau, die das Schweigen gebrochen hat. Dr. Alice Riccardi-von Platen wurde gestern 90 Jahre alt - sie gehörte zur Beobachter-Kommission beim Nürnberger Ärzte-Prozess. Nachwort in: Die Tötung Geisteskranker in Deutschland. (Auflage 2006, Erstveröffentlichung in der Nürnberger Zeitung vom 29. April 2000.)
  2. Alice Platen-Hallermund: Die Tötung Geisteskranker in Deutschland, S. 9

Quellen

  • Stefan Kolb, Horst Seithe (Hg.): Medizin und Gewissen, Mabuse-Verlag 1997, ISBN 3-929106-52-3
  • M. Seidl: Alice Ricciardi-von Platen 90 Jahre, in: Jahrbuch für Gruppenanalyse, Band 6, Heidelberg 2000, ISBN 3-930978-49-0
  • Josef Shaked: Über Alice Ricciardi-von Platen in: http://www.gruppenanalyse.info/artikel/1_artricc.htm
  • Helmut Sörgel: Eine Frau, die das Schweigen gebrochen hat. Die Ehrenvorsitzende des Kongresses „Medizin und Gewissen“ 1996, Alice von Platen, in: http://www.ippnw-nuernberg.de/aktivitaet2_5.html



 
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