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Stille




  Die Stille (v. althochdt.: stilli ohne Bewegung, ohne Geräusch) bezeichnet in der deutschen Sprache die empfundene Lautlosigkeit, Abwesenheit jeglichen Geräusches, aber auch Bewegungslosigkeit. Gegenbegriffe sind Geräusch, Lärm u.ä. Stille ist bedeutungsverwandt, aber zu unterscheiden vom Schweigen.

Vom Wort "Stille" ist das Verb "stillen" abgeleitet, da der Säugling beim Trinken ruhig wird.


Inhaltsverzeichnis

Wirkungen von Stille auf den Menschen

Völlige Stille, wie sie etwa in einer Camera silens herrscht, wird vor allem wegen der fehlenden Reflexionen und damit fehlenden akustischen Orientierung im Raum als unangenehm und beängstigend empfunden, sie führt im Weiteren zu einer sensorischen Deprivation, wobei es aus Mangel an Außenreizen zu Halluzinationen und zu Denkstörungen kommen kann. Dies wird sogar bei Verhören, Folterungen (Weiße Folter) und zur Gehirnwäsche eingesetzt.

Stille im Sinne von ruhiger Umgebung kann wegen der Abwesenheit von störenden Geräuschen beruhigend wirken, die Konzentration auf eine Tätigkeit, die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden steigern.

Der Mensch ist Geräuschen ausgeliefert, er agiert in seiner Geräuschkulisse. Der Hörsinn ist für den Menschen nicht beeinflussbar oder abschaltbar. Stille ist eine Rahmenbedingung für vielerlei Tätigkeiten oder Bewusstseinszustände:

  1. Tätigkeiten, die vorwiegend auf den Hörsinn aufbauen, benötigen häufig Stille, obwohl sie selbst die Stille stören: Musizieren, Telefonieren etc.
  2. Stille ist auch eine Voraussetzung für die Konzentration des menschlichen Gehirns bei intensiven Denkprozessen. Pädagogen gehen davon aus, dass die Stille dem Lernprozess förderlicher ist als ablenkende Geräusche.
  3. Ebenso wird in Bibliotheken Stille geboten, um die Konzentration auf das Lesen nicht zu stören.
  4. Stille ist eine Rahmenbedingung für Entspannungszustände (z.B. autogenes Training) – Geräuschkulissen stören die Entspannung, Besinnung und Beschaulichkeit (Kontemplation). Stille spielt deshalb eine wichtige Rolle in Religion und Meditation.

Eine dramaturgische Wirkung erfüllt die bewusst eingesetzte Stille in spannungsreichen Theaterstücken oder Filmen oder als rhetorisches Element beim Vortrag von Reden oder Gedichten. Stille kann die Vorahnung auf ein nahendes (negatives) Ereignis („die Ruhe vor dem Sturm“) symbolisieren oder die Auseinandersetzung mit der Möglichkeit des eigenen Todes.

Das Marketing sagt der Stille eine konsumhemmende Wirkung nach. Um den Konsum zu motivieren, wird deshalb in Verkaufslokalen die Stille mit Hintergrundmusik („Kaufhausmusik“) überdeckt.

Literarisch umschrieb man besonders lautlose Situationen mit „Grabesstille“ oder „Totenstille“ (nicht zu verwechseln mit dem juristischen Begriff der Totenruhe), da man verschiedene sehr geräuscharme Momente mit der Atmosphäre eines menschenleeren Friedhofs oder einer Gruft in Verbindung brachte.

Bedeutung der Stille in der Religion

In vielen Religionen, beispielsweise im Buddhismus und im Daoismus, wird der Stille eine große Bedeutung beigemessen, vor allem, wenn sich der Priester oder die Gläubigen konzentrieren müssen, etwa beim stillen Gebet und der Meditation.

Im Pietismus des 18. Jahrhunderts wurde die Stille als ein mystisches Element der Frömmigkeit entdeckt. In Anknüpfung an Luthers Übersetzung „Vnd suchen falsche Sachen widder die stillen jm Lande“ (Psalm 35,20) zog man sich bewusst und durchaus vernehmlich artikuliert aus der herrschenden Gegenwartskultur „in den stillen Winkel“ zurück. Die als Stille im Lande bekannten Pietisten fanden ihre Basis in der 1780 gegründeten Christentumsgesellschaft. Die heute geläufigen Begriffe Andachtsstille oder Gebetsstille stammen aus dieser Bewegung.

In der Liturgie der katholischen Kirche spielt die Stille nach der Liturgiereform infolge des 2. Vatikanischen Konzils als eigenes Element eine Rolle, etwa vor dem Schuldbekenntnis, nach den Lesungen und der Predigt, bei der Gabenbereitung und nach der Kommunion.

In der Communauté de Taizé hat jede Gebetszeit eine lange Stillephase von 5-10 Minuten.

Anachoreten machten sich die Wirkung von Stille zunutze, um sich auf große spirituelle Zusammenhänge konzentrieren zu können.

Inzwischen formalisiert ist bei weniger aufwändigen Bestattungen im kleinen Kreis der Zusatz „in aller Stille“, der vor allem in Traueranzeigen gebraucht wird.

Stille als Thema in der Kunst

Die Seltenheit der Lautlosigkeit in der Natur hat sie zum Thema zahlreicher unterschiedlicher Interpretationen gemacht, etwa in Eva Strittmatters Gedichtband Ich mach ein Lied aus Stille (1973) oder in Johann Wolfgang Goethes Wandrers Nachtlied:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Viele Formen der Stille – differenziert nach Ort oder Zeit des Auftretens – wurden zum Gegenstand der Lyrik:

  • Bergesstille (Goethe: Wandrers Nachtlied);
  • Meeresstille (Joseph von Eichendorff: Meeresstille);
  • Windstille (Arnfrid Astel: „WINDstille | in der Mittagshitze. | Das Zittergras | zittert nicht | vor seinem Schatten.“);
  • Winterstille (Friedrich Hebbel: Winter-Landschaft: „Unendlich dehnt sie sich, die weisse Fläche, | bis auf den letzten Hauch von Leben leer; | die muntern Pulse stocken längst, die Bäche, | es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.“), auch im Sinn von Vegetationsruhe gebraucht.

Besonders die Tageszeiten werden als spezifische Stille-Arten beschrieben:

  • Morgenstille (Korea wurde poetisch oft „Land der Morgenstille“ genannt);
  • Mittagsstille (Theodor Storm: Abseits: „Es ist so still; die Heide liegt | Im warmen Mittagssonnenstrahle,“ – vgl. auch den „panischen Schrecken“);
  • Abendstille (Fritz Jöde: Abendstille überall: „Rings Stille herrscht, es schweigt der Wald, Vollendet ist des Tages Lauf“);
  • Nachtstille (Friedrich Gottlieb Klopstock: Die frühen Gräber: „Willkommen, o silberner Mond, | Schöner, stiller Gefährt' der Nacht!“, Robert Prutz: Nachtstille).

 

In der Bildenden Kunst ist ein Stillleben das Abbild eines leblosen und bewegungslosen Arrangements von Gegenständen.

Vor allem in der Neuen Musik hat die Beschäftigung mit der Definition von Musik auch zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Thematik der Stille geführt. Das mit Abstand bekannteste Beispiel ist John Cages Klavierstück 4'33". Es setzt sich aus drei Sätzen zusammen, die nur aus Pausen bestehen, welche insgesamt die Länge von vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden haben. Der Gedanke einer „Musik der Stille“ – hier wieder im übertragenen Sinne – hat auch andere Komponisten angeregt, wie z.B. Federico Mompou.

Marcel Marceau hat die Pantomime als die „Kunst der Stille“ charakterisiert.

Stille im technischen Kontext

Sowohl die Funkstille, die regelmäßige Unterbrechung des Funkverkehrs zum Notrufempfang, als auch die Sendepause, während der Fernseh- oder Hörfunksender aus technischen oder programmbedingten Gründen kein Signal aussenden, haben als Metaphern Eingang in die Alltagssprache gefunden, in der sie einerseits Gesprächs- und Kontaktvermeidung, andererseits die Erwartung eines Schweigens ausdrücken.

Siehe auch

  • Pause, Stillstand, Halt, Stillschweigen, Tacet
  • Stillgewässer, Stilllegung, Stillstellung
 
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Stille aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
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