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Dysgenik



Dysgenik (engl. Dysgenics) bezeichnet im Kontext der Evolutionstheorie eine unterstellte „Schwächung des genetischen Potentials“ einer biologischen Art oder Population – speziell des Menschen – relativ zu konkurrierenden Arten oder Populationen. Als Ursache hierfür werden von den Vertretern dieser evolutionstheoretischen Annahme veränderte (für den Fortbestand der Art oder Population „ungünstige“) Selektionsbedingungen benannt, d. h. verschlechterte Fortpflanzungs- und Überlebenswahrscheinlichkeiten.

Laut dem Oxford English Dictionary wurde der Begriff dysgenic erstmalig 1915 benutzt, um die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges zu beschreiben. Der Begriff wurde als Gegenteil zur Eugenik geprägt, einer Soziallehre, welche die Verbesserung des menschlichen Erbgutes durch staatliche Programme und Interventionen vertrat. Eugeniker vertraten bis dahin die Ansicht, Kriege hätten eine eugenische Wirkung, da sie die Schwächsten einer Population töteten. Während des Ersten Weltkrieges wurde allerdings schnell deutlich, dass moderne Waffen für alle Soldaten gleichermaßen lebensbedrohlich sind.

Nachdem die Eugenik ab den 1930er-Jahren und speziell als Folge der nationalsozialistischen Rassenhygiene diskreditiert war, kam auch der Begriff „Dysgenik“ außer Gebrauch, bis der Physiker und Nobelpreisträger von 1956, William B. Shockley, ihn nach 1963 in Reden und Publikationen wieder aufgriff. [1] Mehr als 30 Jahre später griff ihn dann erneut der irische Psychologe Richard Lynn auf. [2] Lynns Ansicht zufolge vermindern „dysgenische Prozesse“ die Intelligenz westlicher Nationen, speziell der USA, und China werde darum den Westen eines Tages überwältigen.

Kritiker wie Stephen Jay Gould (in: Der falsch vermessene Mensch [3] ) und Richard Lewontin [4] sehen hinter den Veröffentlichungen von Lynn und anderen Autoren rassistische Motivationen.

Der Theologe Prof. Jürgen Hübner wies darauf hin, dass die Prognose künftiger Evolution nicht wissenschaftlicher Analysen, sondern prophetischer Gaben bedürfe und die Rede davon leicht „religiösen Charakter“ gewinne. [5]

Eine wissenschaftlich fundierte Aussage über eine „Stärkung“ oder „Schwächung“ des Genpools einer Art oder Population (über ihre „Durchsetzungsfähigkeit“ gegenüber Konkurrenten) kann stets nur im Rückblick getroffen werden, da vor allem künftige Veränderungen der Umwelt für die Fortentwicklung des Genpools entscheidend sein werden und diese nicht sicher vorhergesagt werden können.

Siehe auch

  • Intelligenz
  • Sozialdarwinismus

Quellen

  1. William Shockley, Roger Pearson: Shockley on Eugenics and Race: The Application of Science to the Solution of Human Problems. Scott-Townsend Publishers, 1992, ISBN 1878465031
  2. Richard Lynn: Dysgenics: Genetic Deterioration in Modern Populations (Human Evolution, Behavior, and Intelligence). Praeger Publishers, 1996, ISBN 0275949176. Ins deutsche übersetzt könnte der Buchtitel lauten: Dysgenik: Genetischer Verfall in modernen Populationen.
  3. Stephen Jay Gould: Der falsch vermessene Mensch. Suhrkamp, stw, 1999, ISBN 3518281836
  4. Richard Lewontin, Steven Rose, Leon J. Kamin: Not in Our Genes. Biology, Ideology, and Human Nature. Pantheon, 1985, ISBN 0394728882
  5. Hübner, Jürgen: Brauchen wir eine neue Ethik? Theologische Überlegungen im Zeitalter der Gentechnologie. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament", 1985, Heft B 3 vom 19. Januar1985, S. 37 – 47
 
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