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Gesundheitsprodukte: Wo hört das Lebensmittel auf, wo fängt das Arzneimittel an?

Abstract

Mit Lebensmitteln und Arzneimitteln hat der Gesetzgeber zwei Produktkategorien geschaffen, die er wegen ihrer angenommenen unterschiedlichen Ansprüche und Risiken verschieden handhabt. Das allerdings setzt voraus, dass in jedem Einzelfall eindeutig entschieden werden kann, in welche Kategorie ein Erzeugnis einzuordnen ist. Als (Funktions)Arzneimittel gelten Produkte, die “pharmakologisch” wirken; Lebensmittel weisen im Gegensatz dazu eine (ernährungs)physiologische Wirkung auf. Theoretisch und praktisch zeigt sich allerdings, dass das Abgrenzungskriterium “pharmakologische Wirkung” untauglich ist und keine sachgerechte Unterscheidung beider Produktgruppen ermöglicht. Weder an den Wirkungen noch an den zugrunde liegenden Mechanismen lässt sich in vielen Fällen ein Unterschied zwischen Lebensmitteln und Arzneimitteln festmachen.

Wesentlicher Grund hierfür ist, dass Lebensmittel viel umfänglichere Wirkungen ausüben als früher angenommen. Sie tragen nicht nur zur Nährstoffversorgung im engeren Sinne bei, sondern besitzen gleichermaßen präventive und diätetisch‐therapeutische Effekte. Dies spiegelt sich auch in einigen speziellen Gruppen von Lebensmitteln wider, die darauf abzielen, die Leistung zu optimieren, Krankheiten vorzubeugen und die Situation bei bestehenden Krankheiten zu verbessern.

Da es schwierig ist, Lebensmittel und Arzneimittel anhand ihrer Wirkungen zu differenzieren, stellt sich die Frage, ob es ggf. ein dem Ziel besser entsprechendes Unterscheidungskriterium geben könnte. Von zentraler Bedeutung für beide Produktgruppen ist die Sicherheit. Während allerdings Lebensmittel per se sicher sein müssen, orientiert sich die Zulassung von Arzneimitteln an einer Nutzen‐Risiko‐Abwägung. Möglicherweise bietet es sich daher an, die Einstufung von Lebensmitteln und Arzneimitteln an ihrem Risikoprofil zu orientieren. Aber auch das dürfte schwierig werden: Wollte man nur eindeutig und in allen Fällen sichere Produkte zulassungsfrei als Lebensmittel erlauben, so wären bereits zahlreiche traditionelle Produkte nicht mehr verkehrsfähig, weil ihr Verzehr mit unerwünschten Wirkungen verbunden sein kann. Hier sei nur an Milch (Laktoseintoleranz), Nüsse (Allergien bis zum anaphylaktischen Schock) oder nicht zuletzt Branntwein erinnert. Kartoffeln beispielsweise dürften, sollten sie heute neu auf den Markt gebracht werden, schon wegen ihres Gehaltes an Glykoalkaloiden und der fehlenden Erfahrungen mit diesem Lebensmittel an den lebensmittelrechtlichen Vorgaben scheitern.

Da es auch bei Lebensmitteln kein Nullrisiko geben kann, wäre dann eine neue Abgrenzungsfrage zu beantworten: Wie (un)sicher darf ein Produkt sein, um noch als Lebensmittel zu gelten? Und das dürfte ebenso wenig festzulegen sein wie die Grenze zwischen physiologischer und pharmakologischer Wirkung.

Autoren:   Hahn, Andreas
Journal:   Pharmazie in unserer Zeit
Band:   40
Ausgabe:   4
Jahrgang:   2011
Seiten:   306
DOI:   10.1002/pauz.201100425
Erscheinungsdatum:   01.07.2011
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