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Luft für Biotech-Unternehmen wird immer dünner

24.10.2002 - FRANKFURT (dpa-AFX) - In der Biotechnologiebranche wird die Luft für einige Unternehmen immer dünner. Ein erheblicher Teil der deutschen Biotech-Firmen kämpfe derzeit um die Anschlussfinanzierung. "Es wird eine Marktbereinigung in der Branche geben und die Konsolidierung gewinnt weiter an Fahrt," sagte Analyst Alexander Burger von der Landesbank Baden-Württemberg im Gespräch mit der dpa-AFX. Bis zu 20 Prozent der rund 365 Biotech-Unternehmen in Deutschland könnten durch Insolvenz vom Markt verschwinden. Umbrüche und zeitweise Zusammenbrüche seien jedoch Teil eines gesunden Prozesses, urteilt der Experte unter Anspielung auf den Ökonomen Schumpeter und sein Konzept der schöpferischen Zerstörung.

 
Zuerst schien es, als würde die Biotech-Branche den Zusammenbruch der so genannten New Economy deutlich besser verkraften als die glitzernden Dotcom-Start-ups. Doch der tiefe Fall der einstigen Biotech-Hoffnungsträger ImClone Systems und Elan, die nur noch durch Skandale der Führungsriege von sich reden machten, hat die Branche schwer getroffen. Investoren und Risikokapitalgeber werden deutlich vorsichtiger. Verfehlte Prognosen, Rückschläge in der klinischen Forschung, nicht tragfähige oder wenig überzeugende Geschäftsmodelle und der Sparzwang im Pharmasektor haben die Lieblingsbranche der Anleger aus den Jahren 1999 und 2000 zunehmend zum Sorgenkind werden lassen.
 
In der Boomzone der Biotechnologie, in Martinsried bei München, stehen nach dem Aufschwung erstmals Flächen leer. Zwei dort angesiedelte Unternehmen, Connex und Elegene, ereilte die Insolvenz. In Berlin gingen bei GenProfile und Theragen die Lichter aus. Über die börsennotierten deutschen Biotechs sagt Fondsmanager Markus Manns: "Viele sind so bewertet worden, als ob die Wahrscheinlichkeit, mit der Produktkandidaten auf den Markt kommen, deutlich über der tatsächlichen Erwartung liegen werde."
 
ZWEIFEL AN TRAGFÄHIGKEIT DER GESCHÄFTSMODELLE
 
Zweifel an dem Geschäftsmodell stellt sich für Analyst Burger beispielsweise für das Jenaer Medizintechnikunternehmen biolitec: "Die bisherige Entwicklung weckt bei uns deutliche Zweifel an der Tragfähigkeit des Geschäftsmodells, insbesondere was die Weiterentwicklung der Medikamente angesichts der begrenzten finanziellen Mittel angeht," urteilt Burger. Finanziell eng werden könnte es auch bei der im NEMAX 50 gelisteten MorphoSys. Die liquiden Mittel werden nach Unternehmensangaben zum Jahresende voraussichtlich 15 Millionen Euro betragen.
 
Der einstige reine Dienstleister vollzog im April 2002 den Wechsel zu einem dualen Geschäftsmodell, weswegen das Erreichen der Gewinnschwelle von 2003 auf 2006 aufgeschoben wurde. "Die heutigen finanziellen Mittel zur Umsetzung der neuen Strategie reichen lediglich bis Ende 2003," resumiert Thomas Richter, Biotech-Analyst der Hamburger M.M Warburg & Co. Zur Lösung dieses Finanzierungsproblems wollte MorphoSys bisher mindestens zwei weitere strategische Allianzen mit Pharmapartnern unter Beteiligung am Grundkapital von MorphoSys abzuschließen. Entgegen der bisherigen Prognose werde es bis zum Jahresende keine einzige strategische Partnerschaft geben, hieß es dann am Mittwoch.
 
Ein strategischer Partner müsste sich beim derzeitigen Kursniveau von rund 14 Euro zur Aufbringung eines der Vereinbarung mit dem Berliner Pharmakonzern Schering ähnlichen Liquiditätsflusses von 24 Millionen Euro mit mehr als 25 Prozent an den Martinsrieder beteiligen. Auch kurzfristige Dienstleistungskooperationen dürften nicht ausreichen, um die nötigen Mittel aufzubringen.
 
Auch durch eine Fusion mit British Biotech wären die Liquiditätsprobleme nur kurzfristig aufgeschoben. Zur Wochenmitte ereilte die Aktionäre dann die Meldung, dass die Fusionsgespräche der beiden Biotech-Unternehmen erfolglos beendet worden. In der Branche wird offen ausgesprochen, dass British Biotech in der Vergangenheit eher durch Fehlschläge auf sich aufmerksam gemacht hat. "Wir sehen in einer Fusion zwar prinzipiell einen möglichen Ansatz, British Biotech halten wir jedoch nicht für den richtigen Partner," kommentierte Analyst Richter die Fusionsgespräche der beiden Unternehmen.
 
Größere Pharmaunternehmen haben zwar Interesse an der HuCAL-Technologie von MorphoSys (Technologieplattform zur Generierung humaner Antikörper), für eine Unternehmensübernahme dürften sie jedoch noch günstigere Einstiegsmöglichkeiten abwarten.
 
STARKE KURSVERLUSTE BEI BIOTECH-AKTIEN
 
Auf dem Beipackzettel der Biotechunternehmen im NEMAX 50 stehen dann auch herbe Kursverluste von teilweise rund 90 Prozent seit Jahresanfang. Auch der Branchenindex NEMAX Biotech ist seit Jahresbeginn auf 33,45 Punkte gefallen. Nach Lion bioscience senkte am Mittwoch auch das Hamburger Biotech-Unternehmen Evotec OAI für das laufende Geschäftsjahr auf Grund niedrigerer Auftragseingänge seine Umsatz- und Gewinnerwartung. Für 2002 wird jetzt ein Umsatz in der Spanne von 68 bis 72 Millionen Euro und ein Verlust vor Zinsen, Steuern, und Abschreibungen (EBITDA) in Höhe von drei bis sechs Millionen Euro erwartet.
 
Ursprünglich peilte Evotec Erlöse von bis zu 82 Millionen Euro und einen Gewinn auf EBITDA-Basis an. Als Grund für die schwächeren Auftragseingänge nannte Evotec Finanzierungsprobleme seiner Kunden. LION hatte zum Wochenauftakt seine Umsatzprognose und die Ergebniserwartung für das laufende Geschäftsjahr 2002/2003 nach unten korrigiert. Noch im Juni sei von einem moderaten Umsatzwachstum für das Geschäftsjahr 2003 ausgegangen worden.
 
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