Die Agoraphobie (griechisch αγοραφοβία, agoraphobía, von αγορά, agorá „Markt(-platz)“ und φόβος, phóbos, „Furcht“) ist eine phobische Störung, die sich in einer unangemessenen Angst in der Öffentlichkeit, aber auch auf Reisen äußert.
Ein alternativer Ausdruck für die Agoraphobie ist Platzangst. Von Laien wird dieser Begriff zwar meistens für die Angst vor engen Räumen (Klaustrophobie) verwendet, aus fachlicher Sicht ist dies jedoch falsch.
Zum ersten Mal wurde das Krankheitsbild 1871 von Carl Friedrich Otto Westphal bei einem männlichen Patienten beschrieben.[1]Sigmund Freud verstand diese Angst als eine Phobie, die nahe mit der Angst vor Versuchungen verbunden war. Sobald der Agoraphobiker alleine auf die Straße geht, erleidet er einen Angstanfall. Die meisten Phobien deutete Freud auf eine Angst des Ichs vor den Ansprüchen der Libido. Er schilderte dies anhand der Angst vor der Begegnung mit Prostituierten in unbekannten Gegenden einer Stadt.
Symptome
Hauptmerkmal ist die Angst, einer möglichen Gefahrensituation nicht entkommen oder sich nur unter peinlichen Umständen in Sicherheit bringen zu können. Die Betroffenen zeigen starkes Vermeidungsverhalten, da in unterschiedlichem Ausmaß Panikattacken auftreten können. Die Angst kann sich darauf beschränken, öffentliche Plätze oder Geschäfte zu betreten, wobei oft speziell Menschenansammlungen vermieden werden. In ausgeprägten Fällen tritt die Angst schon innerhalb der Wohnung auf, sodass diese nicht mehr verlassen wird.
Diagnose
Früher wurde der Begriff ausschließlich für die Angst vor öffentlichen großen Plätzen verwendet. Inzwischen umfasst er auch die Angst vor anderen Situationen, sodass laut ICD-10 mindestens zwei als Angstauslöser nachweisbar sein müssen:
Menschenmengen
öffentliche Plätze
Reisen mit weiter Entfernung von Zuhause
Reisen alleine
Abhängig davon, ob Panikattacken auftreten, wird die Agoraphobie in eine Form ohne Panikattacken (F40.00) und eine mit Panikattacken (F40.01) eingeteilt.
Prävalenz, Studien
Nach einer Untersuchung von McCabe et al. (2006) wurde bei 0,61 % einer Studienpopulation von 12.792 (55-jährig oder älter) eine Agoraphobie nachgewiesen. Damit war die Häufigkeit der Störung hier geringer als sonst berichtet wird.
Anhand der "National Comorbidity Survey Replication"-Erhebung in den USA wurden ebenfalls 2006 Zahlen zur Beziehung zwischen Agoraphobie, Panikattacken und einer Panikstörung (nach der Definition des DSM-IV) veröffentlicht. Demnach betrug die Lebenszeitprävalenz bei 9282 Untersuchten, die mindestens 18 Jahre alt waren, in den möglichen Kombinationen:
22.7 % für isolierte Panikattacken
0.8 % für Panikattacken in Kombination mit Agoraphobie
3.7 % für Panikstörung ohne Agoraphobie
1.1 % für Panikstörung mit Agoraphobie
Es konnte gezeigt werden, dass es von der 1. bis zur 4. Gruppe zu einem durchgehenden Ansteigen der einzelnen untersuchten Merkmale wie Anhalten der Beschwerden, Anzahl der Attacken, Anzahl der Krankheitsjahre, Schweregrad der einzelnen Episoden und Begleitkrankheiten kam,
Kituchi et al. von der Kanazawa University in Japan untersuchten 2005 233 ambulante Patienten mit Panikstörung (99 Männer, 134 Frauen), davon 63 ohne und 170 mit Agoraphobie. Letztere Gruppe wies dabei im Schnitt eine länger bestehende Panikstörung und eine höhere Prävalenz einer generalisierten Angststörung auf. Keine Unterschiede gab es bzgl. ausgeprägter depressiver Episoden, Schweregrad der einzelnen Panikattacken oder Verteilung der Geschlechter. Weiter zeigte sich, dass bei knapp über 40 % derjenigen Studienteilnehmer, die eine Panikstörung entwickelt hatten, innerhalb von 24 Wochen auch eine Agoraphobie auftrat und sich auch diese Gruppe nicht bzgl. Alter oder Geschlecht unterschied.
Als mögliche Ursache muss immer auch eine eventuelle Traumatisierung in Betracht gezogen werden. Die Agoraphobie wird zu den möglichen psychischen Störungen gezählt, die sich zusätzlich zu den klassischen Symptomen der PTBS und auch zu den Symptomen der Komplexen PTBS entwickeln können (Komorbidität).[2]
Quellen
↑ Carl Friedrich Otto Westphal: Die Agoraphobie, eine neuropathische Erscheinung, in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Berlin, 1871-72; 3: 138-161.
↑ Butollo, W. u. a.: Kreativität und Destruktion posttraumatischer Bewältigung. Forschungsergebnisse und Thesen zum Leben nach dem Trauma. 2. erw. Auflage. Stuttgart, 2003, hier S. 61
Literatur
Sigmund Freud, Sigmund: Hemmung, Symptom und Angst. In: Freud: Studienausgabe Bd 6 Hysterie und Angst, Frankfurt a. M., 1970, S. 253, S. 284.
Esther da Costa Meyer: La donna è mobile. In: Gender and architecture, ed. by Louise Durning. Chichester, 2000
Kathleen A. Brehony: Women and agoraphobia. In: The stereotyping of women, New York, 1983