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Antidepressivum könnte gegen Multiple Sklerose helfen

Forscher testen Wirksamkeit eines altbekannten Medikaments bei einer völlig anderen Krankheit

21.12.2017

© RUB, Marquard

Während seines Forschungsaufenthalts in Kanada suchte der Bochumer Wissenschaftler Simon Faissner mit seinen Kollgen nach neuen Wirkstoffen gegen Multiple Sklerose.

Das Antidepressivum Clomipramin könnte auch gegen die Symptome der Multiplen Sklerose (MS) helfen, speziell gegen die progrediente Form, die ohne Schübe verläuft. Gegen diesen MS-Typ gibt es bislang kaum Medikamente. Wissenschaftler um Prof. Dr. V. Wee Yong von der University of Calgary und Dr. Simon Faissner von der Ruhr-Universität Bochum screenten 1.040 generisch erhältliche Medikamente und fanden darunter eines, das basierend auf präklinischen Untersuchungen für die Multiple-Sklerose-Therapie infrage kommt.

Mittlerweile sind zwölf Medikamente für die schubförmige Phase der Multiplen Sklerose zugelassen; für progrediente Formen gibt es hingegen nur wenige Therapieansätze. „Die Mechanismen, die bei progredienter MS zu Schädigungen führen, sind teils andere als bei der schubförmigen MS. Daher brauchen wir für Letztere andere therapeutische Ansätze“, sagt Simon Faissner. Der Postdoktorand von der Neurologischen Universitätsklinik am Bochumer St. Josef-Hospital führte seine Arbeiten für die Studie bei einem Forschungsaufenthalt an der University of Calgary durch, gefördert vom Preis für klinische Forschung der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität.

Potenzielle Nebenwirkungen bereits bekannt

Das Team arbeitete mit zugelassenen Medikamenten, für die potenzielle Nebenwirkungen bereits dokumentiert sind. Aus diesen wählten die Forscher 249 gut verträgliche Arzneimittel aus, die sicher ins Zentralnervensystem gelangen, wo bei progredienter MS eine chronische Entzündung abläuft. An Zellkulturen testeten sie, welche der 249 Substanzen Nervenzellen vor dem schädigenden Einfluss von Eisen bewahren können. Denn durch Zellschäden wird bei Multipler Sklerose Eisen freigesetzt, das wiederum Nervenzellen schädigt.

Nach diesen Tests blieben 35 Kandidaten über, die die Forscher auf weitere Eigenschaften hin analysierten, etwa ob sie Schäden an den Mitochondrien – den Kraftwerken der Zellen – reduzieren können oder die Aktivität von weißen Blutkörperchen senken, die bei der MS die Isolierung der Nervenzellen angreifen. Das Medikament Clomipramin erwies sich dabei als vielversprechend.

Präklinische Studien zeigen Erfolge

Die Substanz untersuchten die Wissenschaftler dann an Mäusen mit einer Krankheit, welche vergleichbar mit der schubförmigen Multiplen Sklerose bei Menschen ist. Die Behandlung unterdrückte die neurologischen Ausfälle komplett, es traten weniger Nervenzellschäden und Entzündungen auf.

In einem weiteren Test behandelten sie Mäuse mit einer Krankheit, die der progredienten MS bei Menschen ähnlich ist. Auch hier zeigte sich eine Wirkung, wenn die Forscher die Therapie sofort beim Auftreten der ersten klinischen Anzeichen für die Krankheit begannen. Anders als bei Tieren, die mit einem Placebo behandelt wurden, kam es zu verminderten Symptomen wie Lähmungserscheinungen.

Klinische Studien geplant

Simon Faissner ist seit Januar 2017 zurück aus Kanada in Bochum und arbeitet in der Gruppe von Prof. Dr. Ralf Gold daran, weitere potenziell vor MS schützende Medikamente zu identifizieren und die Mechanismen hinter dem progredienten Verlauf besser zu verstehen.

„Basierend auf den vielversprechenden präklinischen Daten ist es unser langfristiges Ziel, Clomipramin und weitere Medikamente aus dem Screening in klinischen Studien an Patienten zu untersuchen“, erklärt Faissner. „Ein Vorteil von generisch erhältlichen Medikamenten ist, dass es hinreichend klinische Erfahrung hinsichtlich des Nebenwirkungspotenzials gibt.“ Phase-1-Studien, also Untersuchungen der Verträglichkeit an gesunden Probanden, müssen daher nicht durchgeführt werden. „Gleichzeitig liegt eine große Herausforderung in der Finanzierung derartiger Studien“, so Faissner.

Progrediente Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose ist in der westlichen Welt der häufigste Grund für neurologische Behinderung bei jungen Menschen. Bei der Erkrankung schädigen die eigenen weißen Blutkörperchen die Umhüllung der Nervenzellen, die sogenannte Myelinscheide. Das führt zu neurologischen Ausfällen, die bei 85 Prozent der Patienten in Schüben verlaufen und Sehstörungen, Lähmungen oder Taubheitsgefühle mit sich bringen können. Bei einem Großteil der Patienten kommt es nach 15 bis 20 Jahren zu einer schleichenden Verschlechterung, der Progression. Bei zehn Prozent der Patienten verläuft die Erkrankung von Beginn an progredient ohne das Auftreten von Schüben.

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