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Indien: Die fetten Jahre sind vorbei
Geringeres Wirtschaftswachstum, höheres Leistungsbilanzdefizit
23.05.2012: Die indische Wirtschaft lahmt: Nachdem das Bruttoinlandsprodukt jahrelang kräftig zulegte - die durchschnittliche Wachstumsrate betrug im Zeitraum 2003 bis 2010 8,5 Prozent - hat das Wirtschaftswachstum des Schwellenlands seit 2011 an Schwung verloren. Gründe dafür sind insbesondere zyklische und externe Faktoren: die globale Konjunkturabkühlung, die zu einer Verringerung der indischen Exporte in die Industrieländer führt, und die negativen Folgen der hohen Rohstoffpreise. Diese beiden Faktoren tragen dazu bei, dass sich das Leistungsbilanzdefizit auf etwa 10 Prozent der indischen Exporterlöse ausweiten wird. Frühere ehrgeizige Wachstumsprognosen wurden nach unten korrigiert. "Indiens Wirtschaftswachstum dürfte sich bis 2015 auf einem niedrigeren Niveau von durchschnittlich 7,5 Prozent einpendeln", sagt Christoph Witte, Deutschland-Direktor des Kreditversicherers Delcredere. "Zwar wird die diversifizierte Wirtschaft Wachstumsimpulse durch einen kräftige Inlandsnachfrage erhalten. Problematisch sind jedoch die hohen Kreditkosten sowie der massive Rückgang der Unternehmensinvestitionen." In den vergangenen zwei Jahren haben sich die ausländischen Direktinvestitionen auf weniger als 20 Milliarden US-Dollar abgeschwächt. Indien ist also anfälliger für Kapitalabflüsse geworden und muss nun stärker auf Auslandskredite zurückgreifen, die das Leistungsbilanzdefizit finanzieren. Das Risiko für Geschäfte mit Indien stuft Delcredere daher aktuell als mäßig hoch (Länderkategorie B) ein.
Politische Instabilität hemmt wirtschaftliche Reformen
Die chronisch schlechte Haushaltslage trübt die konjunkturellen Aussichten des Schwellenlands zusätzlich ein. Das Haushaltsdefizit fiel im Fiskaljahr 2011/2012 mit 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) höher aus als geplant. Die öffentlichen Schulden in Höhe von 66 Prozent des BIP werden fast ausschließlich auf dem Inlandsmarkt refinanziert, und für die öffentlichen Zinszahlungen muss fast ein Viertel der gesamten Staatseinnahmen aufgewendet werden. "Diese alarmierenden Zahlen zwingen die Regierung, ihren Konsolidierungskurs fortzusetzen. Sie muss ihre Einnahmen massiv erhöhen, um die Ausgaben für Infrastruktur, Bildung und Armutsbekämpfung stemmen zu können", sagt Christoph Witte. "Angesichts der wirtschaftlichen Lage schreitet dieser Prozess allerdings nur langsam voran." Auch der politische Stillstand im Land wirkt sich negativ auf die Wirtschaftsreformen aus. Durch Differenzen in der Regierungskoalition UPA (United Progressive Alliance) werden nur noch wenige Gesetzesentwürfe gebilligt. "Dies dürfte die notwendigen Strukturreformen bis zu den nächsten nationalen Parlamentswahlen 2014 hinauszögern", so Christoph Witte. Trotz der politischen Instabilität stuft Delcredere das kurzfristige politische Risiko Indiens derzeit als gering ein (Länderkategorie 2).
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